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Alpenvereins-Hütten: Logieren in luftiger Höhe

Auf 1560 Metern Höhe relativiert sich die Welt. Ringsum die Brunnsteinhütte ragen die Gipfel des Wettersteingebirges in mächtige Wolkenformationen, während unten im Tal Autos und Menschen auf Modelleisenbahngröße schrumpfen.

Von Roland Brockmann

"Was machen die da unten bloß für einen Wind?", fragt sich manchmal Hans-Peter Gallenberger, der jetzt durch das Kellner'sche Okular blickt, ein schon fast antikes Fernrohr aus dem Jahr 1900, stark genug, um von hier aus die Autokennzeichen auf der Straße nach Mittenwald lesen zu können. Aber der Wirt der Brunnsteinhütte sucht gerade die Bodenstation der Materialseilbahn. Er braucht dringend Nachschub.

Auch wenn sich hier oben Abstand zum Alltag im Tal einstellt - alles Lebensnotwendige kommt von unten. Die Wanderer erwarten nach zwei Stunden Aufstieg am Hang entlang eine anständige Brotzeit, dazu gerne ein Bier. Und das alkoholfreie Weizen ist heute Nachmittag bereits ausgegangen. Wie eine Nabelschnur verbindet sie die materielle Bodenwelt mit der luftigen Höhe der alpinen Berghütte. Und damit die Welt der Berge sauber bleibt, bringt die Seilbahn Müll und Leergut auch brav wieder nach unten.

Schutz der Natur ist oberstes Gebot

Hüttenpächter Gallenberger nutzt Solarstrom und betreibt eine biologische Kläranlage. Im Jahre 2000 erhielt die Brunnsteinhütte das Umweltgütesiegel des Deutschen Alpenvereins (DAV), dem die Brunnsteinhütte eigentlich gehört, genau wie alle 332 anderen "Schutzhütten" des DAV - meist einfache Herbergen, dafür aber in unberührter Natur gelegen. Sie sollen traditionell den Mitgliedern des Deutschen Alpenvereins Unterkunft auf ihren Wanderungen bieten. Sofern genügend Schlafplätze frei sind, können auch nicht organisierte Bergfreunde dort übernachten.

Doch eine Hütte ist kein Hotel. Und so bietet auch Hans-Peter Gallenberger seinem Gast nur eine Wolldecke im schmalen Etagenbett. Handtuch und Herbergsschlafsack gilt es mitzubringen, Wasser und Energie zu sparen. Die karge Ausstattung ist dabei traditionell weniger praktischen Umständen geschuldet, als frühen Erbauungsidealen des Bürgertums, nach denen der Alpenwanderer nur dann geistig gehoben ins Tal zurückkehren konnte, wenn er vorher genügend Entbehrungen auf sich genommen hatte.

Um das "echte Bergsteigertum" vor den "Jochbummlern" zu bewahren, beschränkte man bereits damals bewusst den Komfort: "Federbetten sind durch Wolldecken zu ersetzen und mechanische Musikinstrumente wie Grammophone oder Orchestrions zu entfernen", mahnten Richtlinien des DAV im 19. Jahrhundert.

Und heute? Der Wirt der Brunnsteinhütte erlaubt sich wenigstens ein Radio, und auch über Internet per UMTS verfügt er, aber einen Fernseher fände er dann doch "unpassend." Man steigt schließlich nicht auf 1950 Meter über Seespiegel um Television auf einem Flachbildschirm zu erleben. Der Reiz eines Aufenthalts in einer Berghütte liegt noch immer in Einfachheit und wenn nicht echter Entbehrung, so doch der Entschleunigung städtischer Hektik.

Gewaschen wird sich morgens kalt über gemeinschaftlichem Waschbecken. Zünftig halt. So wie auch die Stimmung: Herzlich, aber ab spätestens 23 Uhr herrscht strenge Nachtruhe. Umso schöner das Aufwachen, mit Blick auf die Gipfel in ihrer Morgenröte.

So schmecken die Berge

Hans-Peter Gallenberger lebt so von Mai bis Oktober an sechs von sieben Tagen - und das seit 1982. Mittwochs schreitet er hinab ins Tal, da wo seine Frau und Kinder leben. Nur am Wochenende, wenn sich die Sommerfrischler auf der Aussichtterrasse drängen, steigt ihm seine Frau nach zur Brunnsteinhütte. Ein Hinterwäldler ist der gelernte Zimmermann mit Abitur trotzdem nicht, eher schon ein "Grüner" in Lederhose, wie er selber sagt.

Mit seiner Hütte will er auch zeigen, dass man mit drei bis vier Kilowattstunden Energieverbrauch pro Tag auskommen kann - und das bei 1700 bis 1900 Übernachtungen pro Saison. Dazu unzählige Tagesgäste, denen der passionierte Koch mehr als aufgewärmte Fertigkost vorsetzen will, sondern Frisches aus der Regionalküche entsprechend der DAV-Aktion "So schmecken die Berge": Rohmilchkäse oder Rehbratwürstl statt Schnitzel mit Pommes.

Dafür muss die mit Rapsöl betriebene Lastenseilbahn funktionieren, doch die gibt plötzlich ihren Geist auf. Jetzt ist Handeln gefragt. Und der Wirt zögert nicht, schleppt die steckengebliebenen 28-Liter-Bierfässer auf seinem Rücken hoch zur Hütte. Die Plackerei war bis 1974 die Aufgabe von Lasttieren, als es noch keine Lastenseilbahn gab. Selbst das Baumaterial für die Brunnsteinhütte wurde 1935 von Maultieren und Haflingern zur Anhöhe transportiert.

Kann man bei all der Arbeit überhaupt noch die Aussicht genießen? Außer zwei Frauen, die ihm bei der Bewirtung der Gäste helfen, macht Gallenberger hier oben alles alleine. "Man muss die Hütte im Griff haben," sagt er. "Aber natürlich erfreue ich mich an der Natur hier oben." Nein, die Welt im Tal vermisst er nicht. Aber im Winter, wenn die Hütte schließt, fliegt der Hüttenwirt dann doch gerne mit Familie nach Gomera - an den Strand.

Weitere Infos:
www.brunnsteinhuette.de
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