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Belfast: Jetzt wird die Zukunft nachgeholt

Noch vor zwei Jahren herrschte Terror in Nordirland. Dann schlossen Katholiken und Protestanten Frieden. Seitdem ist Belfast erblüht: Boom statt Bomben.

Von Bernhard Lill

Schon kurz nach der Ankunft fängt es an. Da steht ein älterer Gentleman vor uns im Schnellimbiss, in jeder Hand eine Fish & Chips-Tüte. "Wo kommt ihr her?", fragt er. Um gleich loszusprudeln, wie großartig Belfast sei, dass wir uns unbedingt das Schloss ansehen und auf keinen Fall das Cathedral Quarter mit seinen historischen Gebäuden verpassen sollten. Später, beim Rundgang durchs ehrwürdig-viktorianische Rathaus, lädt die Führerin dazu ein, den gewaltigen Sessel des Bürgermeisters auszuprobieren, sich auf den Plätzen der Stadtverordneten zu lümmeln und deren Roben anzuziehen. In kaum einer anderen Stadt werden Besucher heute so freundlich empfangen wie in Belfast. Jahrzehntelang war Nordirland touristisches Brachland. Wegen der "Troubles" - britisches Understatement für den blutigen Konflikt zwischen der Irisch- Republikanischen Armee (IRA) und protestantischen Paramilitärs. Doch seitdem die IRA im Juli 2005 endgültig die Waffen niedergelegt hat, haben fast 2,5 Millionen Touristen aus dem Ausland Belfast besucht. Der Reiseführer Lonely Planet zählt Belfast in seiner „Blue List 2007“ zu den zehn Topstädten, die weltweit im Kommen sind.

Ken Harper fährt das Taxi auf der Falls Road in Richtung Westen. An der Scheibe ziehen Einfamilienhäuser aus rotem Backstein vorbei und ab und zu eine Gedenkstätte für Kämpfer der IRA - mit den orange-weiß-grünen Fahnen der Republik. Noch immer trennt die Peace Line, eine drei Kilometer lange Mauer, die Anwohner der katholischen Falls Road von denen der protestantischen Shankill Road. Während des Terrors haben sich britische Soldaten nur in Kampfmontur hierher gewagt. Heute zieht die Gegend Touristen an. Sie wollen eine Attraktion sehen, die einzigartig ist: die "Murals", politische Wandbilder, die Häuserseiten einnehmen. In einer Seitenstraße der Falls Road hält das Taxi. Das riesige Porträt eines lächelnden Mannes schaut auf die Fußgänger hinab, eingerahmt von gesprengten Ketten. "Das Porträt von Bobby Sands gehört zu den bekanntesten republikanischen Wandgemälden", erklärt Ken Harper - Mitte 50 und in Belfast geboren. Bobby Sands war IRA-Mann und begann 1981 im britischen Gefängnis einen Hungerstreik, um als politischer Gefangener anerkannt zu werden. London beharrte, er sei Terrorist, Sands starb, für die IRA wurde er zum Märtyrer. "Wandbilder sind schon Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommen", erzählt Ken. "Viele hatten eine politische Botschaft. Andere sollten an Ereignisse erinnern wie den Untergang der ,Titanic‘, die in Belfast gebaut wurde." Das war zwischen 1910 und 1912. Damals hatte Belfast vor allem durch Schiffsbau und die Leinenindustrie Wohlstand und Ansehen erlangt.

Jenseits der Peace Line, in den Seitenstraßen der Shankill Road: die gleichen Einfamilienhäuser. Nur weht hier der blaurote Union Jack, die britische Fahne. Auf vielen protestantischen Wandbildern posieren vermummte Untergrundkämpfer mit Maschinengewehren. Mittlerweile verhandeln Stadt, Sozialarbeiter und Geistliche mit protestantischen Splittergruppen. Und einige lassen zu, dass Künstler und Schulkinder solche Murals übermalen. Ken fährt zu so einer Wand. In poppigen Farben sind Cartoons darauf gesprüht - von Mädchen und Jungen, die Skateboard fahren und iPod hören. "So sieht die Zukunft aus", sagt Ken zuversichtlich.

Von der Bank zum Luxus-Hotel

Vertrauen in seine Heimatstadt hat auch der Unternehmer Bill Wolsey. Deshalb hat er im Cathedral Quarter ein heruntergekommenes Bankgebäude aus dem Jahr 1860 gekauft und 15 Millionen Euro in die Renovierung gesteckt. 19 Container voll französischer Antiquitäten hat er für das neue Luxushotel The Merchant kommen lassen. Die ehemalige Schalterhalle ist zu einem Restaurant umgebaut worden, mit viel Stuck, rotem Samt und einem riesigen Kristalllüster. Zum Lunch schaut manchmal Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney vorbei. Und zu den Gästen, die über Nacht bleiben, gehören Rockstars wie die Scissor Sisters. In der Bar serviert Barkeeper Hayden einen Mai-Tai- Cocktail, der 1125 Euro kostet. Das Glas wohlgemerkt. Wegen des 17 Jahre alten Rums von Wray & Nephew, von dem es nur noch ein paar Flaschen auf der Welt geben soll. Doch es sind nicht reiche Amerikaner oder Japaner, die den Drink bestellen. "Hier in Belfast leben jede Menge Millionäre", erzählt Hayden. "Die haben zum richtigen Zeitpunkt mit Immobilien spekuliert." Trost für Touristen: Auf der Karte finden sich auch bezahlbare Cocktails. Einfach einen Daiquiri für knapp zehn Euro bestellen und das Ambiente genießen.

Alles in Belfast lässt sich bequem zu Fuß erreichen. Belfast ist keine Liebe auf den ersten Blick. Viele alte Gebäude sind zerstört worden - durch die deutsche Luftwaffe, Bausünden späterer Jahrzehnte und die Bomben der IRA. Trotzdem gibt es einiges zu entdecken. Und das sollte auf jede Liste: im Crown Liquor Saloon Austern schlürfen und ein cremiges Guinness trinken. Der schönste Pub von Belfast stammt aus dem 19. Jahrhundert, hat Fenster aus Kristallglas, viel Mahagoniholz, gemütliche Nischen und Gasbeleuchtung. Der Barmann erzählt, wie der Pub zu seinem Namen kam. Der erste Besitzer war Republikaner, seine Frau Anhängerin der Union mit Großbritannien. Sie soll auf dem Namen "The Crown" bestanden haben. Also ließ er vor der Eingangstür auf dem Boden ein Mosaik in Form einer Krone legen - sodass jeder Besucher drauftreten musste.

Magischer als Harry Potters Zauberschule

Wenn der Wind schwere Regenwolken vom Atlantik über die Stadt fegt, ist die Linen Hall Library ein idealer Zufluchtsort. In der Bibliothek von 1788 stehen urgemütliche Sessel und Sofas zwischen langen Holzregalen, es gibt ein kleines Café. Bei Sonnenschein bietet sich ein Ausflug in Richtung Norden an, zum Belfast Castle, um von dort auf Wanderwegen den Cave Hill zu besteigen und den Blick über die Belfaster Bucht zu bewundern. Im Universitätsviertel, südlich der Innenstadt, stehen noch viele viktorianische Häuser. Hier kann man durch Alleen spazieren oder durch den Botanischen Garten und sich in einem der Cafés ausruhen. Und wenn die Abendsonne den Sandstein der über 150 Jahre alten Queen’s University aufleuchten lässt, sieht sie magischer aus als Harry Potters Zauberschule.

Belfasts Osten kennt keiner besser als Bobby Cosgrove. Der Mann ist eine lokale Legende. Er ist ein Cousin von Van Morrison, dem wohl bekanntesten Musiker aus Belfast, und ein Schulkumpel der nordirischen Fußballikone George Best. Bobby hat jedes seiner 63 Lebensjahre in Belfast verbracht. Er bietet im Auftrag des alternativen Veranstalters "Belfast Safaris" Führungen durch die östlichen Stadtteile an. Dazu gehören auch die Straße, die Van Morrison zu seinem Lied "Cyprus Avenue" inspiriert, die Grundschule, die George Best besucht hat. Und das Wandbild, das zu dessen Tod im Jahr 2005 gemalt wurde. Manchmal endet Bobbys Tour im Walkway Community Centre, wo man versucht, mit katholischen und protestantischen Schülern gegenseitige Vorurteile abzubauen. Damit haben sie schon angefangen, als sich noch niemand vorstellen konnte, dass der Hardcore-Unionist Ian Paisley einmal mit dem Ex-IRA-Mann Martin McGuinness eine Regierung bilden würde. So wie es im Mai geschah.

Noch ein Weilchen bleiben

Ein Freund von Bobby, der Hobby-Botaniker Mervyn, zeigt Besuchern den Belvoir Park im Süden. Ein Märchenwald mit alten Eichen, Mammutbäumen und Weiden, deren Äste im Fluss Lagan treiben. Mit Eichhörnchen, Füchsen und Ottern. Und wenn man auf einer Picknickdecke am Fluss sitzt und der Blick über die Landschaft geht, möchte man nur eins: noch ein Weilchen bleiben, in Belfast.

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