HOME

Der gute Urlauber: Arbeit ist die beste Erholung

Sie reparieren Nordseedünen oder bauen Kindergärten in Afrika: Urlauber, die lieber helfen als faulenzen, gelten in der Tourismusbranche als zahlungskräftiger Glücksfall.

Von Stéphanie Souron

Von oben wärmt die Frühlingssonne, zwischen den Felsen wälzen sich die Robben träge im Sand. Es ist ein herrlicher Apriltag auf Helgoland, die Urlauber spazieren barfuß am Strand oder trinken einen Eiergrog auf den Café-Terrassen.

Helga Naundorf hat für so etwas keine Zeit. Sie steht gebückt auf der Düne und bohrt Löcher in den Sand. Dort hinein setzt sie Haferpflänzchen. Sie bewegt sich mechanisch: drehen, drücken, weitergehen, immer ein paar Zentimeter die Düne hinab. Auch Helga Naundorf, 48, ist im Urlaub. Doch sie sagt: "Ich will mir in den Ferien nicht immer nur die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, sondern auch mal mit anpacken." "Helfende Hände" heißt das Projekt, an dem sie zusammen mit rund 100 anderen Urlaubern teilnimmt. Zwei Tage lang arbeiten die freiwilligen Helfer auf der Hochseeinsel. Sie forsten dort die Düne auf, die der Orkan "Tilo" im vergangenen Jahr zu großen Teilen abgeräumt hatte. Die Bilder der Verwüstung erreichten die Bürofachangestellte im November 2007 an ihrem Schreibtisch in Herdecke. "Ich glaubte, Helgoland versinke im Meer." Als die Insulaner einige Wochen nach dem Orkan einen Hilferuf durchs Internet schickten, war für Naundorf und ihren Mann schnell klar: "Da müssen wir mitmachen." Deshalb stehen die Naundorfs nun in Allwetterkleidung verpackt auf der Düne und betätigen sich als Landschaftsgärtner. Im Urlaub. Und ohne Bezahlung.

Ähnlich wie das Paar aus dem Ruhrgebiet denken derzeit auch viele andere. Sie sind die Dauerbespaßung in den All-inclusive-Resorts leid und wollen sich stattdessen lieber in sozialen und ökologischen Unternehmungen engagieren. Angebote für den freiwilligen Einsatz in der Urlaubszeit finden sich reichlich: Die Feriengestalter heißen "Earthwatch", "Biosphere Expeditions" und "Bergwaldprojekt". Sie unterstützen und organisieren Projekte, bei denen die Teilnehmer Tiere beobachten, das Klima erforschen oder sogar in den Slums von Südafrika beim Hausbau helfen.

"Working" steht im Vordergrund

Bei "Earthwatch" beispielsweise stehen derzeit 140 Expeditionen in 50 Ländern auf dem Programm: von Walbeobachtungen in Kanada bis zu Affenzählungen in Afrika. Im Gegensatz zu herkömmlichen Safaris, bei denen es vor allem ums "Watching" geht, steht bei diesen Expeditionen das "Working" im Vordergrund. Jeder Teilnehmer übernimmt eine Aufgabe als "Volunteer", als freiwilliger Helfer. Dazu gehört die Pflege von verletzten Tieren, die Zählung der Herde, das Kartografieren ihrer Bewegungen. Dass einem während der Arbeit die Tiere dann en passant vor die Linse laufen, ist ein gewollter Nebeneffekt. Denn wenn man den Weg einer Elefantenherde anhand ihrer Exkremente verfolgt, stößt man früher oder später auf die Urheber der Kothaufen.

Für zwei Wochen Forschungsreise zahlt man immerhin rund 2000 Euro - plus Flug. Dafür ist die Chance, seltene Tiere tatsächlich zu sehen, relativ hoch. Und was sind schon 2000 Euro, wenn man behaupten kann, man habe zum Erhalt der Artenvielfalt beigetragen?

Auch Menschen profitieren von der neuen Arbeitswut der Urlauber. Die Agentur "Travel Works" bietet Reisen an, bei denen die Teilnehmer mehrere Wochen lang beim Aufbau eines Kindergartens in Kapstadt mithelfen oder wahlweise im Sozialzentrum von Rio de Janeiro arbeiten. Die Tage dort sind lang, doch die Teilnehmer schwärmen nach der Reise von dem Gruppengefühl. "Dass alle zusammen auf ein Ziel hinarbeiten, erlebt man im Alltag nicht allzu häufig", sagt auch die Helgoland-Helferin Naundorf.

Mehr Bewerber als benötigte Helfer

Nach knapp zwei Stunden ist bereits ein Drittel der Düne mit Strandhafer bepflanzt. Dem Aufruf im Internet waren 500 Freiwillige von Sylt bis Berchtesgaden gefolgt. Am Ende hatte Tourismusdirektor Klaus Furtmeier mehr Bewerbungen auf dem Tisch liegen, als er Helfer auf der Insel gebrauchen konnte. "Wir mussten 400 Leuten absagen", bedauert Furtmeier. "Das hätten wir logistisch sonst nicht geschafft."

Furtmeier befürchtete zuerst, dass bei der Hundertschaft auch ein paar Schnorrer dabei sind. "Es kamen aber nur echte Arbeitswillige", sagt er. Nach zwei Stunden werden deshalb auf der Düne bereits die Rohstoffe knapp. "Schluss für heute", ruft Furtmeier. "Wir müssen erst neues Material heranschaffen."

Im nächsten Jahr will er das Projekt "Helfende Hände" wieder anbieten, auch ohne Orkan. "Das belebt den Tourismus", sagt Furtmeier. Und auf der Düne gebe es schließlich immer etwas zu tun. Aber wo bleibt dann der tiefere Sinn der "Helfenden Hände"? "Na ja", sagt der Tourismusdirektor, "die Leute fühlen sich gut, wenn sie im Urlaub etwas Sinnvolles machen können."

Was hilft wirklich?

Wo die Hilfe aufhört und wo die Show beginnt, ist bei einigen Projekten schwer auszumachen. Denn mal ehrlich: Was bringt es, wenn europäische Großstädter der Bevölkerung in Namibia etwas über das Zusammenleben von Menschen und Geparden erzählen? Und welcher Schleichweg der kenianischen Elefanten ist noch nicht von den Vorgängergruppen akribisch protokolliert worden? Selbst eine große Hotelkette ist auf das "Helfen im Urlaub"-Konzept aufgesprungen: Bei den "Ritz-Carlton"-Expeditionen verlässt der Gast einen Nachmittag lang das klimatisierte Hotel und schaut sich ein wenig um in der Welt da draußen. Die Frage ist nur, ob es autistischen Kindern in der Laguna Niguel, Kalifornien, hilft, wenn Touristen drei Stunden lang ihrem Surfkurs beiwohnen.

Am Tag nach der Pflanzaktion sitzt Helga Naundorf an ihrem Lieblingsplatz auf der Hauptinsel. Von dort hat sie einen guten Blick auf die Düne. 16 000 Birkenbüsche und unzählige Setzlinge Strandhafer geben ihr jetzt Halt. Naundorf sagt, dass sie auch ein bisschen stolz auf sich sei. Weil sie dabei war, als Helgoland geholfen wurde.

print

Wissenscommunity