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Nordseeinsel Föhr: Vom Wattenmeer umarmt

Helga Wögens ist eine Frau im vollen Föhrer Ornat. Sie lebt auf der Nordfriesischen Föhr und trägt gerne Tracht. Vom Glück, Insulaner zu sein.

Von Ilona Rühmann

Die reetgedeckte Windmühle ist das Wahrzeichen von Oldsum in Föhrs Nordwesten. Gemahlen wird dort schon lange nicht mehr, dafür aber gewohnt.

Die reetgedeckte Windmühle ist das Wahrzeichen von Oldsum in Föhrs Nordwesten. Gemahlen wird dort schon lange nicht mehr, dafür aber gewohnt.

Helga Wögens trägt schwer an der Tradition. Mehrmals läuft sie nach nebenan, bis alle Teile in der großen Stube ihres hellen Bauernhauses am Rand von Utersum ausgebreitet sind: dunkler Wollstoff, glänzende Seide, zarte Spitze. Zuletzt bringt sie Pralinendosen aus Blech. Auch 100 Jahre alte Schmuckstücke bleiben darin frisch: "Fast jede von uns hat eine Tupperdose oder Kekstrommel, damit das Silber nicht anläuft", sagt sie, und schält ihre Schätze aus dem Seidenpapier.

Silberschmuck ist typisch für die Föhrer Tracht: kugelige Knöpfe aus Drahtgespinst, filigrane Ketten mit Herz, Kreuz und Anker als Symbol für Glaube, Liebe und Hoffnung. Im 19. Jahrhundert kam das in Mode - keineswegs bei armen Leuten. Erfolgreiche Walfänger brachten Stoffe und Reichtum aus aller Welt heim; ihre Frauen stellten ihn zur Schau. Eine Männertracht gibt es nicht.

Durch Heirat Bauersfrau

An der Wand hängt das Bildnis einer Föhrer Braut aus der damaligen Zeit. Die blonde Mittvierzigerin auf dem Sofa darunter trägt Jeans und T-Shirt; sie hat drei jugendliche Kinder, bemuttert im Familienbetrieb 80 Milchkühe, liebt es, auf ihrer Stute durchs Watt zu galoppieren, und engagiert sich in der Trachtengruppe. Wo sie ihren Sonntagsstaat ausführt? "Auf Heimatfesten, Tanzabenden, Familienfeiern. Für interessierte Gäste im Dorfgemeinschaftshaus. Oder einfach zum Gottesdienst." Um Frauen im vollen Föhrer Ornat zu sehen, muss man nicht erst ins Museum.

Eine Tracht ist zum Tragen da, findet Helga Wögens und geht mit bestem Beispiel voran.

Eine Tracht ist zum Tragen da, findet Helga Wögens und geht mit bestem Beispiel voran.

Helga Wögens, "durch Heirat Bauersfrau", stammt aus Wyk, der einzigen Stadt auf Föhr, seinerzeit noch eine andere Welt als der weite, ländliche Westen der Nordseeinsel. Weil "die aus dem Osterland" nicht angemalt war und keine Angst vor Kühen hatte, wurde sie in Utersum heimisch.

Ein Kopftuch, keine Haube

Die Kleiderordnung ist aufwändig: "Wer nicht vorbereitet ist, braucht Stunden und eine geübte Helferin." Helga Wögens schafft das allein in 45 Minuten: Brustlatz und Tücher sind fertig gesteckt. Wie in einen Bolero schlüpft sie in lose Ärmel, die Stellung der Silberknöpfe am Handgelenk verraten ihre Osterland-Herkunft. Im schweren Miederrock verbergen sich viereinhalb Meter Wollstoff, vor allem in den rückwärtigen Falten: "Rückenschule auf friesische Art - man steht zwangsläufig gerade." Eine weiße Schürze wird darüber gebunden.

Der Rock ist eine Sonderanfertigung für die 1,89 Meter große Frau. Aber Hals- und Kopftücher schmückten schon die Großmütter ihres Mannes. Das blaue liegt wie ein Kragen über den Schultern, festgesteckt mit 100 Nadeln. Das schwarze mit Samtbordüren - "ein Kopftuch, keine Haube!" – wird aus einem riesigen Stoffquadrat gefaltet und drapiert. Obenauf kommt die sprichwörtliche Haube der Ehefrau, auch "Warndreieck" genannt: ein kleines rotes Tüchlein mit schwarzen Perlen. "Das hat mir mein Mann bei der Trauung aufgesteckt."

Tracht kommt von Tragen

Wie Kopftücher gebunden, Knöpfe platziert sind, gleicht einer Handschrift. Dass man in Omas Klamotten bis heute tanzen kann, spricht für die Qualität der Stoffe. Und für die Beständigkeit der Föhrer Identität. Seidentuch und Silber begleiteten mittlerweile die eigene Tochter zur Konfirmation. Tracht kommt von Tragen, sagt Helga Wögens. Wer sie anzieht, outet sich. Bewahrt die Erinnerung an Menschen, die ihnen ihre Eigenart vererbt haben, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl als Minderheit auf einer Insel im Wattenmeer.

"Ik skal uun fering tuwais", sagt sie, wenn sie ihre Tracht anlegt, sinngemäß: "Ich geh in Friesisch raus". Ihr Lieblingsplatz: der Strand zwischen Utersum und Hedehusum. Hier gibt es nur Ruhe und Einsamkeit. Naturbelassen, ein bisschen steinig. Man kann weit ins Watt hinein laufen, auch zu Pferde. Die Badestelle Utersum ist unabhängig von den Gezeiten.

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