Kurzurlaub in Deutschland: die Schlei Viel wilder als die "Landarzt"-Idylle


Deutschlands längster Meeresarm ist bei vielen lediglich als Kulisse der ZDF-Serie "Der Landarzt" bekannt. Idyllisch ist die Schlei-Region tatsächlich, doch auf die ganz wilde Tour. Hier badet man nackt in einem Fass und 90-Jährige tanzen nach dem Genuss von "Angeliter Muck" auf dem Tisch.
Von Philip Wesselhöft

Ein Tag an der Schlei kann so aussehen: Morgens um acht serviert einem ein zwirbelbärtiger Wikinger warme Brötchen mit Kirschmarmelade (hausgemacht), um zehn hat man bereits zwanzig Mal den längsten Fjord Deutschlands gequert (und das innerhalb einer halben Stunde), mittags steht in einer Stadt mit nur 300 Einwohnern Aal in Gelee auf dem Tisch, um 15 Uhr bekommt man bei einem prächtigen Stück Mohn-Stachelbeer-Torte die Unzulänglichkeiten von Blechkuchen erläutert, und am Abend thront neben dem "Schnitzel vom fröhlichen Landschwein" ein kapitaler Klacks fliederfarbener Kartoffelbrei.

Natürlich kann ein Tag an der Schlei auch so sein: Morgens steigt man in den Bauch der Erde, begegnet mehrköpfigen Seeschlangen und lernt, dass ein Tag im Prinzip nur acht Minuten hat, paddelt mittags mit dem Kajak nach Knös, Klein-Grödersby und zu wilden Steilküsten und steigt dann abends in Hellör nackt in ein Fass.

90-Jährige tanzen auf den Tischen

Ja, die Tage an der Schlei … Man könnte meinen, die Gegend dank familiärer Bande gut zu kennen. Wer zum Beispiel einmal einem Dorffest beiwohnte, dürfte mit der regionalen Spezialität "Angeliter Muck" vertraut sein - und in der Folge mit Land und Leuten. Selbst 90-Jährige tanzen nach den ersten Gläsern auf den Tischen, bevor sie einem vertraulich die bisherigen 180 Jahre ihres Lebens ins Ohr brüllen. Das ist das Tückische an Muck, auch die Erfahrensten unterschätzen immer wieder die Wirkung von zwei Flaschen Zitronenlimonade, verdünnt mit einer Flasche Korn. Außenstehende aber sind selten Zeugen solch landestypischer Ausschweifungen. Die meisten Reisenden verorten die Schlei irgendwo "rechts von der A 7", wenn überhaupt, und fahren weiter zum dänischen Ferienhäuschen.

Deutschlands mit immerhin 43 Kilometern längster Meeresarm war eigentlich immer nur das Revier von Seglern. Und von Fans des "Landarztes". Denn im Prinzip dient die ganze Region als Kulisse für die offenbar (manche sagen: leider) unsterbliche ZDF-Serie, deren wechselnde Dorfdoktoren seit bald 25 Jahren an der Förde praktizieren. Es ist aber auch kein Wunder: Weiß getünchte Reetdach-Häuser, leuchtende Rapsfelder, Haselnusshaine und wildes Brombeergestrüpp zwischen Pferdekoppeln und Kuhweiden und dazwischen immer wieder das aufblitzende Wasser ergeben nun einmal eine fast klischeehaft fotogene Landschaft.

Doch jetzt emanzipiert sich die Schlei vom Image des real-maritimen Arztromans. Irgendwie scheint plötzlich jeder zwischen Maasholm, Kappeln und Schleswig mit sportlichen Freizeitangeboten, neuen Chill-out-Lounges oder In-Restaurants oder der Erzeugung von Bio-Produkten beschäftigt. Kurzum, man muss es sagen, die Schlei wird hip. Wobei die Protagonisten der neuen Bewegung keine laut tönenden Trendsetter sind, sondern eher Querköpfe und Romantiker - aber mit Business-Plan.

Schleswig-Holsteins wilde Seite

Dirk Röhling etwa, ein Mann, dessen Schnauzbart und hemdsärmelige Freundlichkeit nicht recht zum esoterisch klingenden Geschäftsmotto passen wollen: "Pflege deinen Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen!" Doch Röhling hat eine Marktlücke entdeckt in einer Region, deren größtes Kapital in mehr als 150 Kilometer abwechslungsreicher Fjordküste besteht. Er kutschiert mobile Sauna-Fässer an jeden gewünschten Ort und bietet seinen Kunden Wellness mitten in der Natur. Als Vorbild diente ein finnischer Motorradfahrer, beim Zappen im Fernsehen entdeckt: Den Sozius seiner Maschine zu einer Mini-Sauna umgerüstet, "aus der oben nur sein krebsroter Kopf guckte", sprang der Mann in jeden Waldsee. "Da hat es bei mir Klick gemacht", sagt der 44-jährige Unternehmer, eigentlich gelernter Schlosser. Er montierte ein sechs nackte Menschen fassendes Fass auf einen Anhänger, installierte einen Holzofen und kutschiert das urige Sauna-Mobil heute Schlei-auf, Schlei-ab. Eines aber gilt es zu beachten: dass man nach dem Saunagang nicht (wie der Autor dieses Berichts) unbedarft wie ein junger Hund ins Wasser rennt - denn manch schönem Schlei-Strand ist ein Bett unerfreulich spitzer Steine vorgelagert.

Das Angebot an Outdoor-Erlebnissen ist überhaupt groß in der Region. Maike und Günther Hoffmann zum Beispiel, Inhaber des Abenteuer-Anbieters "Event Nature", veranstalten regelmäßig einen "Fjord-Triathlon" mit den Disziplinen "Seekajak", "Biking" und "Orientierungstrecking". Daneben organisieren die ehemaligen Sportstudenten Ausflüge zu einsamen Stränden und hinter Schilf versteckten Buchten, ob mit Kajak, Kanu oder Kutter. Besonders schön ist zum Beispiel ein Törn zum Ufer unterhalb des Missunder Forstes mit seinen vom hoch aufragenden Kliff gestürzten Bäumen, die im Wasser wettergebleichte, wirre Formationen bilden - Schleswig-Holsteins wilde Seite. Hier am Uferabschnitt der Großen Breite, wo die Schlei bis zu vier Kilometer breit ist und ein bisweilen zünftiger Wellengang eine Ahnung von Abenteuer gibt, begegnen einem nur Möwen, Schwäne - und Lakritzschnecken, so man sich am Kiosk des selbsternannten "Naschikönigs" im nahen Weseby mit Proviant versorgt hat.

Romantisch wie einst Keitum

Die Schleiregion galt bislang nicht gerade als kulinarisch bedeutender Landstrich. Doch nun ziehen frische Düfte durch alte Landgasthöfe. Wie in Rieseby. Hier hat Maria von Randow vor bald drei Jahren dem 260 Jahre alten Dorfkrug "Riesby Krog" neues Leben eingehaucht. In schlicht-modernem Landhaus-Ambiente serviert sie heute feine Eigenkreationen wie ein Saltimbocca vom Noorfisch, aber auch deftige Klassiker wie das weithin gerühmte "Schnitzel vom freundlichen Landschwein". Dieses kommt auf Wunsch in Begleitung von lila Püree aus "Hermanns Blauen", einer fast vergessenen Kartoffelsorte. "Das Land gibt viel her", sagt von Randow, "vor allem an Beilagen." Ihre besonders krossen Bratkartoffeln etwa. Die kommen in großen Portionen - und treffen auf große Zustimmung bei den hungrigen Gästen.

Man sollte sich nicht täuschen lassen vom Gerücht, das Land sei hier so platt wie der Zungenschlag der Einheimischen. Die Eiszeit hat ein paar Steigungen zusammengeschoben, die Wanderer wie Fahrradfahrer gern unterschätzen, zumal stets eine schöne Brise weht (natürlich immer von vorn). Doch gerade die charmant-hügelige Landschaft mit Meeresluft, die kleinen Städtchen wie Schleswig und Kappeln samt dem Geruch von Kuhdung dazwischen machen den Reiz der Region aus. Und: Fischerdörfer wie Sieseby am Südufer der Schlei mit eigenem Fähranleger und romantisch wie einst Keitum auf Sylt, bevor Bogner und Konsorten den einst verschlafenen Reetdach-Weiler in eine seltsame Parallelwelt mit teuren Boutiquen und schweren Allrad-Limousinen verwandelten.

An der Schlei entsteht Neues meist aus sich selbst heraus, und nicht selten hat es etwas mit Essen zu tun. Dafür gibt es sogar ein eigenes Hochglanzmagazin mit dem plattdeutschen Namen "Mohltied!", das zwar nur einmal im Jahr und nur in der Region erscheint, dessen Chefredakteur Eckhard Voß die Auflage der jüngsten Ausgabe aber gerade von zehn- auf fünf-zehntausend Exemplare erhöhen musste. Dass ihm der Stoff ausgehen könnte, muss er nicht befürchten: "Hier gibt es erstaunlich viele Leute, die ihr Ding machen und auf Kompromisse keine Lust haben." Der Traum von Hedda Krog, Frau eines Bauern in Ulsnis am Nordufer, sei "schon immer" ein eigenes Café gewesen, wie sie im Garten unter einem Apfelbaum mit Blick auf die Schlei erzählt. Das 2001 eröffnete "Café Krog" gilt heute als Institution kalorienreicher Nachmittage. Bis zu 30 Torten werden an einem guten Tag gebacken - und gegessen. Wer ein Stück von Krogs Trümmertorte mit Zitronencreme und Baiserhaube oder Mohn-Stachelbeer-Torte vor sich hat, weiß, warum hier niemand seinen Appetit an simple Blechkuchen verschwendet.

90 Sekunden für eine Fährfahrt

Gebacken wird überhaupt viel an der Schlei. Am Südufer bei Schleswig kann man im neu eröffneten "Historischen Gasthaus Haddeby" einem eher ungewöhnlichen Bäckermeister bei der Arbeit zusehen. Christian Timm ist nicht nur für seine nach alten Rezepten gebackenen Brötchen berühmt, die beim Wikinger-Frühstück vorzugsweise mit hausgemachter Kirschmarmelade serviert werden. Der 46-Jährige, dessen wildem Vollbart gleich zwei graue Zöpfe entwachsen, ist nach eigenem Bekunden "Wahl-Wikinger", seit er vor 18 Jahren einem Verein "für experimentelle und angewandte Archäologie" beigetreten ist. In seiner Freizeit bastelt er jetzt Schlittschuhe aus Pferdeknochen und hält Vorträge über das raue Leben vor tausend Jahren.

Fährt man von Haddeby aus nicht über die B76, sondern kleine Nebenstrecken durch Güby und Weseby, ist bald Missunde erreicht, ein kleines Dorf, das fast im Schilf versinkt und auch irgendwo in Norwegen liegen könnte. Hier ist die Schlei nur einen 135 Meter messenden Katzensprung breit. Herrscher der Meeresenge ist Rüdiger Jöns, Kapitän der acht Autos fassenden Fähre - ein verkappter Pirat, der nur darauf wartet, dass der FC St. Pauli aus Hamburg wieder in die 1. Liga aufsteigt. Missunde ist zwar weit weg vom Rotlicht-Kiez, doch im Fall der Fälle wird Jöns die vier Masten seiner Seilfähre mit Totenkopffahnen beflaggen - ein mutiges Vorhaben in einer Gegend, in der fast jeder zweite Wagen mit HSV-Wappen unterwegs ist. Bis es so weit ist, kreuzt Jöns noch unter den Flaggen Deutschlands, Schleswig-Holsteins und der beiden Ufer-Kreise Schleswig-Flensburg sowie Rendsburg-Eckernförde. Nur 90 Sekunden dauert übrigens eine Überfahrt, und wer sich mit dem Fußball-Piraten Jöns festquatscht, hat die Schlei schnell ein paar Dutzend Mal am Stück überquert.

Querköpfe fühlen sich offenbar wohl in einer Gegend, in der lange Jahre die Wikinger das Sagen hatten. Und später Herzöge, die sich selbst die Naturgesetze untertan machen wollten. So ließ Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf im 17. Jahrhundert einen begehbaren Globus bauen, ein Wunderwerk damaliger Technik, in dem der Herzog, ein großer Freund des Absolutismus, gut 1000 Sterne des Schleswiger Nachthimmels gern von eigener Hand auf- und untergehen ließ. Auch der heutige Globus-Nachbau im Barockgarten des Gottorfer Schlosses vernachlässigt einige neuzeitliche Erkenntnisse. So herrschen mehrköpfige Seeschlangen im Bermudadreieck, Kalifornien ist eine Insel und Alaska gar nicht verzeichnet (zu kalt und abseits). Die Erde selbst ruht fest im Mittelpunkt des Universums, dessen Hauptstadt Schleswig ist. Und schließlich: 24 Stunden dauern, dem Rotationstempo des Globusses sei Dank, in der rastlosen Metropole Schleswig in Wirklichkeit nur acht Minuten. Das sollte man bei seiner Urlaubsplanung durchaus bedenken.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker