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Amsterdam: Grachtenstadt mal ohne Tulpen

Dem Besucher präsentiert sich die niederländische Metropole noch immer als idyllische Grachtenstadt, doch mit neuer, kreativer, spannender Szene. Wo früher Schiffe aus Übersee anlegten, sind lebendige Viertel mit modernster Architektur entstanden.

Von Anja Lösel

Steven Bergsma steht auf seinem Hausboot Wilhelmina und gießt die Blumen. Schöne, üppige Sonnenblumen in Keramiktöpfen. Um ihn herum wuselt sein buschiger weißer Hund, und "ab und zu kommt auch ein Schwan vorbei und klopft mit dem Schnabel ans Fenster". Bergsmas Hausboot, eines von 2500 in Amsterdam, liegt nicht an einer der romantischen Grachten, sondern dort, wo gerade ein neues, aufregendes Amsterdam entstanden ist: im ehemaligen Hafen. Als der Stadtplaner sich vor mehr als zehn Jahren hier niederließ, war die Gegend noch "paradiesisch, aber langweilig", so Bergsma. Dann begannen die großen Bauarbeiten, alles wurde umgewälzt und durchgeschüttelt. Und wenn der große Mann jetzt an Land guckt, dann prangt dort, wo noch vor wenigen Jahren verwilderte Brachen wucherten, modernste und schickste Architektur. Amsterdam wächst aufs Wasser hinaus. Große neue Stadtbezirke sind entstanden. Borneo heißen sie, Sumatra und Java, benannt nach den Überseeschiffen, die früher dort anlegten. Heute wohnen hier junge Familien in Häusern mit Bootsanleger.

Bergsma mag die extravaganten Bauten von Stars wie Hans Kollhoff, Diener & Diener oder Álvaro Siza. Und weil er vom Fach ist, weiß er jedes Detail zu schätzen - vom ungewöhnlichen Balkongeländer bis zum ausgeklügelten Müllschlucksystem. Besondere Attraktion: das "Schubladenhaus" der Architektengruppe Smit's Bouwbedrijf. Als könne man sie bei Bedarf einfach ins Haus schieben, so hängen die Zimmer an der Fassade. Amsterdam hat sich verändert und seine Besucher ebenso. Wegen Käse und Tulpen fährt schon lange keiner mehr hin. Viele kommen, um die neue Architektur zu bestaunen. Um Kunst von Rembrandt über van Gogh bis hin zur aktuellen Szene zu gucken. Oder um gut zu essen. Ihr Pommesfresser-Image haben die Niederländer nämlich längst abgestreift, keine Spur mehr von der "gastronomischen Wüste", die der Gourmetführer Gault Millau noch vor wenigen Jahren geißelte.

Das "De Kas" etwa war früher mal ein Gewächshaus. Restaurantgründer Gert Jan Hageman richtete hier ein äußerst ungewöhnliches Lokal ein, und Koch Ronald Kunis vollbringt wahre Zauberkunststücke. Man sitzt im Glashaus, umgeben von einem Park und kleineren Gewächshäusern, in denen Kräuter, Salat, Tomaten, Erdbeeren reifen. Irgendwo, "auf den Poldern", so Kunis, gibt es noch mehr Gewächshäuser. Nur Obst, Gemüse, Salat und Kräuter, die dort im kontrolliert biologischen Anbau wachsen, werden auch im Restaurant verarbeitet. Im Kamin prasselt das Feuer. Am Nebentisch genießen junge Frauen das köstliche Tagesmenü. Manchmal geht einer der Köche mit einem Körbchen raus und pflückt eine Hand voll Petersilie oder ein paar Erdbeeren. Schöner kann man nicht speisen.

Aber bevor sie sich in Museen und Restaurants stürzen, sollten Amsterdam-Besucher ein Fahrrad mieten. Ohne "fiets" ist man hier nämlich nur ein halber Mensch und steht entweder im Stau oder wird erbarmungslos zur Seite geklingelt. Radler dagegen gleiten mühelos durch die Straßen, an Grachten entlang, vorbei an netten Cafés und kleinen Läden.

"Radfahrer sind die Könige der Stadt", sagt Gijs van Tuyl, der Direktor des Stedelijk Museums. Erst vor kurzem kehrte er nach Amsterdam zurück - nach mehr als zehn Jahren in der Autostadt Wolfsburg, wo er eines der besten Museen Deutschlands aufbaute. Nun sitzt er im Restaurant "11" im obersten Stock des Postgebäudes, wo zurzeit das Stedelijk untergebracht ist, weil das Stammgebäude renoviert wird. Hier oben treffen sich alle, die schön und wichtig sind. Man genießt Konzerte, Diskussionen und Tanzereien - und den unglaublichen Blick aus dem 11. Stock über Stadt und Hafen.

Van Tuyl sieht Amsterdam mit den Augen eines sehr verliebten, aber auch sehr kritischen Heimkehrers. Dass Radler einfach alles dürfen, kommt ihm seltsam vor. Radler sind sogar wichtiger als Rembrandt. Vor kurzem kippte die mächtige Radler-Vereinigung Pläne für einen neuen, komfortableren Eingangsbau zum Reichsmuseum, in dem Rembrandts "Nachtwache" hängt. Der Grund: Dafür müsste ein beliebter Radweg verlegt werden. Mels Crouwel, Hollands Reichsbaumeister, kann es noch nicht fassen. "Eigentlich wäre genug Platz für alle gewesen", sagt er traurig. Dem Amsterdam-Besucher kann es egal sein. Sobald er auf einem Fiets sitzt, ist auch er König. Am besten beginnt man den Amsterdam-Tag mit einer Spazierfahrt in die Hartenstraat. Das ist eine der winzigen "Neun Straßen" zwischen Prinsengracht und Singel, in denen sich besonders nette Läden und Cafés angesiedelt haben. Gemütlich gleitet man durch die Straßen, dicht an Tischen mit Cappuccino trinkenden Menschen vorbei. Irgendwo trällert eine Opernsängerin, ein Blumenhändler mit einem Anhänger voll Tulpen fährt seine Ware aus, eine Frau schaukelt ihren Pudel im Lenkradkorb vorwärts. Ein paar Kinder sind zur Schule unterwegs. Die reine Idylle, wenn da nicht plötzlich eine bettelnde Frau stünde, von Drogen gezeichnet: Zöpfe wie ein kleines Mädchen, ein Gesicht wie eine alte Frau, rote, verklebte Augen, wankender Gang.

Auch das ist Amsterdam. Genau wie die unglaublich freizügigen Damen im Rotlichtbezirk. Selbst abgebrühten St.-Pauli-Kennern stockt der Atem angesichts Hunderter von Frauen jeden Alters, jeder Hautfarbe und jeden Gewichts, die Tag und Nacht in den Fenstern stehen, locken, klopfen, züngeln, sich drehen und wenden. Draußen: Horden von testosteronüberfluteten Männern, grölend, feixend, geifernd. Der Faszination der Damen in ihrer blitzweißen Unterwäsche kann sich niemand entziehen, auch wenn bei näherer Betrachtung deutlich wird, dass viele gar keine Damen sind.

Amsterdam ist nicht mehr die beschauliche, gemütliche und tolerante Stadt, die es mal war. Seit der rechtspopulistische Politiker Pim Fortuyn und der islamkritische Filmemacher Theo van Gogh auf der Straße ermordet wurden, hat die Stadt sich verändert. "Spannungen" sieht Gijs van Tuyl, und "Aggression". "Freiheit und Anarchie gibt es noch, aber auch soziale Kontrolle und doppelte Moral." Trotzdem: "Es ist wunderschön, wieder in Amsterdam zu leben", sagt er. Und, nun ja, er hatte Glück. Zurzeit wohnt er direkt am Museumplein, einem herrlichen Platz, auf dem sich Kunstfreunde mit Basketballspielern, Skatern und Sonnenanbetern treffen. Liebespaare sitzen auf dem schrägen Grasdach über dem Metro-Eingang. Eine elegante Dame führt ihre Bulldogge aus, bevor sie weiterstöckelt in die schicke Pieter Cornelisz Hooftstraat, wo sich die Edelgeschäfte von Prada bis Escada reihen.

Die Künstler Jeroen de Rijke und Willem de Rooij mögen's lieber schlicht. Auf altmodischen, roten Barhockern sitzen sie in ihrer Lieblingskneipe "Rooie Nelis". Über ihnen prangt ein Plakat mit dem Kronprinzen und seiner Máxima, aus der Jukebox dröhnen holländische Schlager. Jeroen und Willem ist eine Aufgabe zugewachsen, die ihnen ein wenig seltsam vorkommt: Sie vertreten ihr Land in diesem Jahr auf der Biennale von Venedig. "Eigentlich geht alles Nationalistische gegen unsere Natur", sagen sie. Als Beitrag zur Biennale zeigen sie deshalb einen Film, der sich kritisch mit dem eigenen Land und mit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit beschäftigt.

Amsterdams Bevölkerung besteht mittlerweile zur Hälfte aus Migranten der ersten, zweiten und sogar dritten Generation. Das strapaziert die viel beschworene Toleranz auf das Heftigste. "Ich habe mehr Angst vor den Holländern als vor Einwanderern", sagt Willem. "Und wir beide glauben an Europa - trotz der deutlichen Ablehnung der europäischen Verfassung in Holland." In De Pijp, dem lebendigsten Viertel der Stadt, funktioniert das Miteinander. Hier brodelt jeden Tag der lang gestreckte Albert-Cuyp-Markt, auf dem alteingesessene Amsterdamer genauso gern einkaufen wie eingewanderte Afrikaner und Asiaten. Hier wird geschlendert, geguckt und gequatscht. Rund um den Markt gibt's jede Menge netter Cafés und Restaurants, in denen man sich vom Einkauf erholt. Besonders schön: "Bazar Amsterdam", ein arabisches Lokal in einer ehemaligen Kirche. Über dem Eingang schweben noch die goldenen Engelchen, drinnen locken ornamentenreiche Kachelwände und türkische Riesenkronleuchter aus buntem Glas. Allerfeinstes Multikulti. Und schönstes Amsterdam.

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