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Fluss-Porträt: Die Oder: Leben an Polens großem Strom

Urwüchsige Natur und Städte voller europäischer Geschichte: Impressionen der 854 Kilometer langen Oder. Eine Reise flußabwärts durch Polens wilden Westen.

Möwen kreisen um Kutter

Auf dem Stettiner Haff gehen Mensch und Möwe auf Fang .Kleine Fische werden ins Wasser zurückgeworfen.

Nirgendwo an seinen Ufern erscheint dieser Fluss so modern wie hier, mitten in Wrocław, Breslau. Überall Fußgängerbrücken, die über die vielen Seitenarme der Oder auf kleine Inseln führen. Hinüber zu Kapellen und Kathedralen, zu Promenaden und Ponton-Cafés. Hier am Wasser machen es sich die jungen Leute auf Liegestühlen bequem. Aus den Boxen dröhnt "Supergirl" von Anna Naklab, in Polen der Hit der Saison.

An der Halbinsel Między Mostami ("Zwischen den Brücken") liegen Sportboote im Yachthafen vor dem Lokal "Marina". Agnieszka Chmielewska, die Chefin im Businesskostüm, führt vorbei an frisch gedeckten Tischen hinaus zur Terrasse, die um eine mächtige Eiche direkt an den Strom gezimmert ist. Früher habe das Ufer mehr oder weniger brach gelegen, sagt sie, "lange haben wir der Oder den Rücken gekehrt, aber inzwischen ist uns klar, wie schön das Leben am Fluss ist".

Die Geschichte von der jüngst erwachten Liebe zur "Odra" ist oft zu hören in Polen. Die Menschen treffen sich dort zum Vergnügen, zum Schwimmen, Sonnenbaden und Paddeln. Neue Häfen und Anlegestellen entstehen. Passagierschiffe tuckern. Der Fluss hat nicht die mythische Größe des Rheins und der Donau, nicht den Charme der Moldau, aber historisch bedeutsam ist er zweifellos: Die Oder-Neiße-Linie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Westgrenze Polens, Deutschland büßte die östlich davon gelegenen Gebiete ein. Aus ihnen wurde "Polens Wilder Westen", so die polnische Historikerin Beata Halicka. "Und kaum einer der neuen Siedler konnte etwas anfangen mit diesem Fluss." 

Flussabwärts auf der Oder: Alles fließt
Spielende Kinder im Fluss

Erfrischend: Am Stauwehr Bartheln in Breslau spielen Jungen im flachen Wasser des Flusses.

Der Fluss ruft - seit 2004

An seinen Ufern wucherte die Natur und verwandelte die mäandernde Oder in eine Amazonaslandschaft. Bis 2004, als Polen zur EU stieß, dauerte der Dornröschenschlaf. Dann kam Brüssel mit seinen Finanzspritzen. Und erst jetzt heißt es in unserem Nachbarland: Der Fluss ruft.

Wer dem Ruf folgt, kommt aus dem Staunen nicht heraus: gesprengte Brückenstümpfe an den Uferböschungen, windschiefe Fachwerkhäuser, undurchdringlich dichte Auenwälder und uralte Backsteindome. Dann wieder glückliche Kindergesichter am Wasser, im Sommer gelbe Meere von Sonnenblumen und unendlich weite Überschwemmungswiesen.

Die Zeit scheint stillzustehen zwischen Mährischer Pforte und Stettiner Haff. Aber die Natur ist gewachsen, geradezu hemmungslos. Polens zweitgrößter Strom ist ein Paradies für die Ökologen und Ornithologen. Im Odertal flattert die Zwergseeschwalbe, rund 250 Vogelarten nisten hier, und nicht selten kann man beobachten, wie sich ein Fischadler mit einem Hecht in seinen Krallen aus dem Flussnebel erhebt.

Und dann die Städte. Wie Gemälde aus längst vergessener Zeit tauchen sie am Ufer auf. Einst waren es traditionsreiche schlesische Orte, heute jedoch kann sich in Deutschland kaum noch jemand an sie erinnern. Głogów - Glogau, Nowa Sól - Neusalz, oder Opole - Oppeln, Provinzstädte mit großer wirtschaftlicher Bedeutung. Im oberschlesischen Koźle, Cosel, etwa befand sich bis 1945 der zweitgrößte deutsche Binnenhafen nach Duisburg-Ruhrort.

"Heute ist der Hafen Koźle tot", sagt der Kapitän Czesław Szarek, ein groß gewachsener Herr mit schlohweißem Haar, der ein Segelboot-Tattoo am rechten Unterarm trägt und sein ganzes Leben auf der Oder verbracht hat. Zuerst als Schiffsjunge, später als Matrose, Bordmechaniker, Lotse und Steuermann, schließlich als Kapitän und Reeder. "Ich liebe diesen Fluss so sehr", sagt er, "dass ich sogar mit dem Schiff fahre, wenn ich zum Zahnarzt muss."

Zeitreise durch Mitteleuropa

Kapitän Szarek ist in Polen ein bekannter Mann, er setzt sich seit Langem für die Belange der Oder ein. Zum Treffen auf dem Gelände der Malbo-Werft am Breslauer Hafen hat er ein historisches Buch über die Oderschifffahrt mitgebracht, erschienen 1997 in Duisburg. "Wir Polen haben nur eine einzige Schleuse gebaut, alle anderen stammen noch aus deutscher Zeit", erklärt er und zeigt auf einen Schubleichter, an dem die Schweißer arbeiten. "Der wird bald nach Holland exportiert wie alles, was hier produziert wird", sagt er mit bitterer Miene. Die Schiffe seiner Reederei seien alle um die 50 Jahre alt. Wenn das so weitergehe, werde vom viel beschworenen Wiederaufschwung des Oderraums nicht viel übrig bleiben.

Noch nie war der Kapitän an der Quelle des geliebten Flusses. Sie befindet sich in 633 Meter Höhe im militärischen Sperrgebiet der tschechischen Oderberge. Der Weg dorthin führt, vorbei an Schlagbäumen, ins Dickicht der Tannen. Bis im Unterholz zwischen Heidelbeerbüscheln und bemoosten Steinen eine moorige Brühe zu erkennen ist, ein Rinnsal. Ein paar Kilometer weiter ist daraus bereits ein munterer Bach geworden, der durch Odry,Odrau, fließt - die erste Stadt am Oberlauf. Ihre Barockfassaden und der idyllische Springbrunnen auf dem Marktplatz stammen noch aus der Habsburger Zeit. Im nahen Příbor, Freiberg, kam 1856 Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, zur Welt. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum. 

Mehr Schiffe als auf dem Rhein

"Die Oder ist wie eine Enzyklopädie", sagt der Historiker Karl Schlögel. Man bekomme an ihren Ufern alles zu sehen, was Mitteleuropa zu bieten hat. Hoch im Norden am Unterlauf viel skandinavisch anmutende Backsteingotik und hier im Quellgebiet ein Stück Österreich. In Ostrava, Ostrau, dicht vor der Grenze zu Polen, ist die Oder bereits ein Fluss, bis zu 20 Meter breit, aber noch sehr flach. Schiffbar war die Wasserstraße hier nur für die Flößer, die früher Baumstämme aus den nahen Wäldern transportierten. Vorbei am Steilufer nahe Racibórz, Ratibor, in Richtung Koźle, wo um 1900 große Mengen von Kohle und Erz aus Oberschlesien umgeschlagen wurden.  Damals fuhren auf der Oder bisweilen mehr Schiffe als auf dem Rhein.

Sechs Stunden lang tuckert ein Schleppkahn heute stromabwärts, dann hat er Oppeln erreicht. Dort und im bäuerlichen Umland verstehen sich bis heute noch 100.000 Bewohner als Deutsche; auch der Fußballer Miroslav Klose kommt hierher. Ortsschilder tragen neben dem polnischen manchmal den deutschen Namen der Dörfer, in denen die Deutschen nicht selten die Mehrheit stellen, in tiefster Provinz.

Dagegen geht es im nahen Breslau, Polens Venedig, geradezu weltstädtisch zu. In der Ferne ragt der 212 Meter hohe Sky Tower empor. Yachten tummeln sich unter der Most Rędziński, der höchsten Brücke im Land. Die Oder ist hier etwa 100 Meter breit. Kein Kapitän weiß genau, wie lange die Fahrt zur Mündung in Stettin, Szczecin, dauern wird. Vier bis fünf Tage, vielleicht mehr.

Der schönste Streckenabschnitt kommt noch

Anders als beim Rhein, der relativ gleichmäßig mit Wasser der Alpengletscher versorgt wird, schwanken die Pegelstände der Oder: So kommt es entweder, wie 1997, zu Flutkatastrophen oder zu totaler Ebbe. Diesen Sommer stand zeitweilig die Schifffahrt still. In Malczyce, Maltsch, etwa saß auf der Malbo-Werft ein Schubleichter fest, den Kapitän Szarek nicht nach Holland transportieren konnte, weil das Hafenbecken leer stand.

Den schönsten Streckenabschnitt bildet die Mittlere Oder. Hinter Erlenwipfeln erscheinen die Türme des Märchenklosters Lubiąż, Leubus, 1163 von Zisterziensermönchen begründet. Der König des Pop, Michael Jackson, kam 1997 im Helikopter angeschwirrt und wollte das bis heute für Musikfestivals genutzte Prunkschloss kaufen. Daraus wurde nichts.

Ebenfalls gut erhalten ist Bytom Odrzański, Beuthen an der Oder, eine höchst romantische Renaissancestadt. Das nahe Glogau jedoch wurde im Krieg zu 95 Prozent zerstört. Vieles ist inzwischen wieder aufgebaut, darunter die einstige Hindenburg-Brücke, die heute Toleranz-Brücke heißt und - als Tribut an die Schwulenbewegung - pinkfarben bemalt ist. Außerhalb der Stadt macht die Oder einen Knick in Richtung Westen, später nach Norden. Vorbei an Eisenhüttenstadt und Frankfurt. Bei Küstrin kommt viel Wasser vom Nebenfluss Warthe dazu. Nun ist der Strom breiter denn je, voller wilder Seitenarme.

Am großen Kai in Stettin, unterhalb der berühmten Hakenterrasse, wartet eine Überraschung. An einem Freitagabend trifft eine lustige Gruppe von Flößern ein. Auf den Baumbooten stehen Strohhütten zum Übernachten. "Wir sind", ruft einer der Abenteurer, "schon seit zwei Wochen unterwegs." 

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