HOME

Trip in Frankreichs Hauptstadt: Frischer Wind zwischen Eiffelturm und Louvre: der Zauber von Paris

Selbstbewusst, elegant, souverän: Frankreichs Hauptstadt, einst fast erstarrt in eigener Schönheit, hat eine neue Leichtigkeit gefunden. Ein Streifzug durch die lässigste Metropole der Welt.

Frischer Wind zwischen Eiffelturm und Louvre: Der Zauber von Paris

Der Blick vom Arc de Triomphe hinab auf Prachtboulevards und auf den Eiffelturm

Mathilde pinselt noch eine Schicht Gloss auf ihre knallroten Lippen und erzählt, wie das damals war, in der kleinen Stadt, aus der sie stammt. "Das liegt ganz oben im Norden. An der Grenze zu Belgien!" Ihre schwarz getuschten Wimpern klimpern erschrocken, denn, ganz klar, an der Grenze zu Belgien, das ist für Franzosen so was wie Bremerhaven oder Brandenburg für Deutsche – wenn man jung ist und das Leben erobern will, muss man da weg. Und wenn man Franzose ist, dann heißt das: nach Paris!

Paris, la capitale, die Hauptstadt der Franzosen. Nirgendwo sind sie so französisch wie hier. So lässig elegant, so liebenswert selbstverliebt, so mondän und so dramatisch. Es gab eine Zeit, da schien die Stadt in ihrer Schönheit zu erstarren: Eingemauert zwischen Museen und Monumenten, zwischen all den Palästen der Macht, des Geldes und der Institutionen, drohte das normale Leben zu ersticken. Doch in den vergangenen Jahren ist die Stadt wieder freier geworden. Luftiger. Die Ufer der Seine wurden geöffnet, es gibt mehr Fahrräder und weniger Autos. Mehr Orte, an denen Ideen zählen und nicht bloß das, was man mit ihnen verdienen kann.

"à la parisienne"

Die Stadt ist um ihren Fluss herum gewachsen. Und wenn man von der Île de la Cité, der historischen Keimzelle von Paris mit der grausigschönen Kathedrale Notre-Dame, in Richtung Eiffelturm flaniert, bekommt man einen ersten Eindruck von ihrer weltstädtischen Pracht. Politik, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft – die Stadt ist in jedem Bereich das Zentrum Frankreichs. Wie ein dicker Magnet liegt Paris im nördlichen Drittel des Landes und saugt alles an: extrem Reiche und ganz Arme, Spinner und Genies, Karrieristen und Tagträumer.

Und auch wenn viele gern auf die Übermacht der Hauptstadt schimpfen, ist "à la parisienne" – nach Pariser Art – ein Fixpunkt im französischen Selbstverständnis. Ob es nun um halsbrecherisches Autofahren, kunstvoll zerzaustes Haar oder ein freizügiges Leben geht – man kann eigentlich alles "à la parisienne" machen. Es bedeutet immer etwas Besonderes. Und das ist bloß einer der vielen Gründe, die die meisten Franzosen aus der "province" in die Hauptstadt treiben, wo sie dann für astronomische Summen in absurd kleinen Wohnungen leben. Pariser sein ist eine Weltanschauung und ein Status. Beides bekommt man, indem man dort lebt.

Mathilde ist 30, sie kam mit 18 Jahren in die Hauptstadt. Machte was Vernünftiges, Fachhochschule für Wirtschaft. Doch statt in einem Bürokasten am Stadtrand Einnahmenüberschussrechnungen zu prüfen, steht sie in hautfarbener Unterwäsche vor einem Ganzkörperspiegel und kontrolliert, ob alles sitzt. Seit sieben Jahren ist Mathilde Tänzerin im Moulin Rouge. Ihr Arbeitstag beginnt am späten Nachmittag mit der Haarbürste. Sie frisiert sich einen strengen Dutt, drapiert ein abenteuerliches Geschirr aus funkelnden Strasssteinen um Schultern und Brüste, auf den Kopf kommt eine Krone aus plustrigen Federn, die bei jedem Lufthauch zittert wie ein aufgeregtes Vögelchen. Es braucht einen strengen Blick und einen stolzen Körper, um in diesem Kostüm nichtauszusehen wie ein Zirkuspony. Kein Problem für Mathilde, kein Problem für ihre 79 Kolleginnen aus dem Ensemble: Die Tänzerinnen im Moulin Rouge müssen athletisch sein und groß, mindestens 1,75 Meter. Alle sind in klassischem Ballett ausgebildet, auch das ist Vorschrift.

Nur eine halbe Stunde benötigt sie, dann hat sie sich in eines jener legendären Wunderwesen verwandelt, die allabendlich Touristen aus allen Teilen der Welt herbeilocken. Das Varieté-Theater mit den Windmühlenflügeln im einstigen Rotlichtviertel Pigalle ist eine Institution – genauso alt wie der Eiffelturm und ebenso berühmt. Die Besucher kommen in Busladungen, es gibt 850 Sitzplätze und zwei Shows pro Abend. Bei manchen Nummern sind bis zu 60 Tänzerinnen gleichzeitig auf der Bühne, das heißt: 120 verwirrend nackte Brüste und Beine, dazu ein Gewirbel aus psychedelischen Farben.

"Im Moulin Rouge zu tanzen war schon als Kind mein Traum", sagt Mathilde, während sie das Labyrinth aus Kleiderständern und Ankleidepuppen durchschreitet wie eine außerirdische Herrscherin ihren Palast. Frivol oder gar anrüchig? Nein, das fand sie nie. Nationales Kulturgut seien die Tänze, Rebellion gegen Aristokratie und Herrschaft! Der French Cancan hat seine Ursprünge in Straßentänzen, bei denen es darum ging, die Beine so hoch wie möglich zu werfen und Blicke unter den Rock zu gewähren. "Die Frauen haben sich damit über Polizei und Armee lustig gemacht", sagt Mathilde. "Ich finde das sehr feministisch."

Voll, aber nicht schrill

Die wohl berühmteste Cancan Tänzerin, La Goulue, die Maßlose, wurde von Henri de Toulouse-Lautrec in zahlreichen Gemälden verewigt. Bis 1895 tanzte sie immer wieder im Moulin Rouge, danach zog sie es vor, als Raubtierbändigerin auf dem Jahrmarkt zu arbeiten. Heute liegt sie auf dem Friedhof von Montmartre begraben, dem Viertel, auf dessen Anhöhe die weiße Basilika Sacré-Cœur thront.

Montmartre, das wilde, widerspenstige Dorf von einst, ist heute eines der touristischsten Viertel der Stadt – und immer noch eines der schönsten. Natürlich gibt es den Louvre, den Eiffelturm, die Oper, die Champs-Élysées und all die unzähligen Sehenswürdigkeiten aus den Büchern. Paris gehört zu den meistbesuchten Städten der Welt. Aber sie ist nicht schrill. Sie jagt keinen Trends hinterher und keinen architektonischen Moden. Paris ist steingewordene Eleganz, souverän und weise. Daher empfiehlt es sich, Google Maps abzuschalten und der Stadt beim Leben zuzusehen.

Montmartre ist dafür ein guter Anfang. Kleine Gassen mit uraltem Kopfsteinpflaster führen den Hügel hinauf, vorbei an winzigen Boutiquen, Häuschen und Gärten. Manchmal ist es steil, aber das wird belohnt – immer wieder eröffnen Schneisen einen Blick auf das wundersam weißgrau leuchtende Häusermeer von Paris.

Außerdem ist Montmartre Amélie-Poulain-Land. Hier drehte Jean Pierre Jeunet seine "Fabelhafte Welt der Amélie", was in dem Viertel viel angerichtet hat. Im "Café des 2 Moulins" in der Rue Lepic sitzen noch immer Fans der verstörend süßen Hauptfigur und schauen, ob alles in echt so ist wie im Film. Doch das gehört dazu, auch deswegen ist das Viertel gut für einen Anfangsbesuch: Paris hat keine untouristischen Orte – wenn sich irgendwo die Menschenmassen ballen, muss man es so machen wie die Pariser. Einfach ignorieren und woanders langgehen. Denn schon wenige Ecken weiter kann man etwas von dem Flair erhaschen, der das Viertel und eigentlich auch die ganze Stadt ausmacht. Abends, nach Feierabend, finden an den Tresen der Bistros Kitsch, Kunst, Klischee und Alltag zusammen.

In dieser Bar in der Rue Véron zum Beispiel, von der niemand so genau weiß, wie sie eigentlich heißt, treffen Bäcker und Blumenverkäufer auf verlotterte Lebenskünstler und reich gewordene Alt-68er und überbieten sich gegenseitig im Rebellischsein. Der ältere Herr, der schon seit Jahrzehnten sein obskures Ein-Mann-Puppentheater gegen die Makler verteidigt, trinkt ein Bier mit der Schauspielschülerin, die aussieht, als käme sie gerade aus dem Bett, und genau so will sie auch aussehen. Die Pariser haben diesen Stil kultiviert: Die Frau, die nach dem Aufstehen kurz ihre Haare schüttelt und sich dann das viel zu große Hemd ihres Liebsten überzieht, ist ein französischer Klassiker, nicht nur im Kino.

Paris wird immer Paris sein!

Früher oder später kommt in der Bar garantiert auch ein Poet vorbei, trägt seine Verse vor und ruft: "Die Kunst ist harte Arbeit, die Kunst muss leben!" Natürlich bekommt er Applaus und Geld, natürlich wird er eingeladen. Niemals würde ein Pariser einen Lyriker fragen: "Aha, und was machen Sie beruflich?"

Vermutlich werden Künstler nirgendwo auf der Welt so sehr geachtet wie in Paris. Ob sie erfolgreich sind oder nicht, ist dabei völlig egal. Selbst die Superreichen aus Altadel und Großbürgertum, die in Nobelvillen im 7., 8. oder 16. Arrondissement leben und ein Vermögen geerbt oder an der Börse erspekuliert haben, halten sich gern ein paar Künstler im Bekanntenkreis – eine gewisse Nähe zur Unangepasstheit gehört dazu. Wenn Präsident Emmanuel Macron sich unentwegt mit Schriftstellern und Philosophen trifft, zeigt das sein gutes Gespür für Imagepflege.

Künstler werden vom Staat recht großzügig gefördert, sie bekommen wieder mehr Raum. Lärmempfindliche Eigentumswohnungsbesitzer hatten eine Zeit lang viel dafür getan, alteingesessene Musikclubs zu vertreiben. Paris drohte langweilig zu werden – und das ist womöglich das Einzige, wovor diese Stadt tatsächlich Angst hat.

In der Rue de Charonne sitzt Antoine Naso an einem Schreibtisch voller Papierstapel und sorgt dafür, dass seiner Stadt die musikalischen Talente nicht abhanden kommen. Wer in Paris mit der U-Bahn fährt, wird sofort bemerken, wie originell die Künstler sind, die dort spielen. Am Wochenende gibt es unter der Erde Spontankonzerte, die auch auf großen Bühnen stattfinden könnten.

Was improvisiert aussieht, beruht in Wahrheit auf einem gut organisierten System. Antoine Naso, 55, ist so etwas wie der Dieter Bohlen des Untergrunds, nur mit besserem Geschmack und Festanstellung beim Pariser Verkehrsbetrieb RATP. Seit 20 Jahren entscheidet er als Teil einer Jury darüber, welche Künstler in den Gängen der Métro auftreten dürfen. Zu Beginn ging es darum, Ordnung in die Sache zu bringen. Inzwischen erscheinen zu den Castings, die zweimal im Jahr stattfinden, 2000 Bewerber. 300 werden genommen und erhalten die begehrte Lizenz "Musicien du Métro".

"Die Gänge zwischen den Bahnlinien sind die größten Bühnen von Paris", sagt Naso. "Da kommen im Schnitt 5000 Leute vorbei. So ein Publikum erreicht man sonst nicht, schon gar nicht als Anfänger." Einige, die hier gespielt haben, sind internationale Stars geworden. Die Sängerin Zaz zum Beispiel oder der Funk-Gitarrist Keziah Jones.

Zaz sei am Anfang gar nicht so gut gewesen, verrät Naso. Aber die Métro sei auch deshalb eine gute Bühne, weil man viel über den Geschmack des Publikums lerne. "So hat schon Edith Piaf angefangen."

Die Liebe der Franzosen zu ihrer Hauptstadt zeigt sich in unzähligen Chansons, Romanen, Filmen und Gedichten. Erzählt wird die unendliche Geschichte vom Glanz und Geist der Stadt und ihrer Bewohner. Kämpferisch in der Verteidigung der Werte der République, kompromisslos im Streben nach Freiheit – Paris lässt sich nicht unterkriegen und die Pariser erst recht nicht. "Paris sera toujours Paris!", sangen sie 1940 vor den deutschen Bombenangriffen – Paris wird immer Paris sein! Sie sangen es wieder nach den Terroranschlägen im Januar und November 2015, das alte Chanson von Maurice Chevalier, das diese wilde Entschlossenheit heraufbeschwört, sich von finsteren Mächten nicht einschüchtern zu lassen. Und so ist es auch. Sie haben getrauert, sie gedenken der Toten. Sie verdrängen nicht, sie versuchen zu begreifen, was geschehen ist. Aber sie lassen sich keine Angst machen.

Manche sagen, dass die Pariser enger zusammengerückt seien nach den Anschlägen. Dass sie mehr Rücksicht nähmen. Manche sagen, dass sie sich mehr über ausländische Besucher freuten. Vielleicht stimmt es. Vielleicht entspricht es einfach dem Geist der Zeit.

Die Stadt als Dschungel

"Ich glaube, dass sich die Stimmung in der Stadt schon vor den Anschlägen geändert hat", sagt die Schriftstellerin Virginie Despentes. Sie sitzt im "Faitout", einem unaufgeregten Café in Belleville, ihrem Lieblingsviertel, in dem sie seit einigen Jahren wohnt. "Eine Zeit lang lag eine kollektive Depression über der Stadt. Der Stolz der Pariser beinhaltet auch eine gewisse Überheblichkeit – und nun mussten sie feststellen, dass nicht mehr alles so super läuft. Die politische Krise, die strauchelnde Wirtschaft – das hat die Leute müde gemacht."

Ihre Romantrilogie "Das Leben des Vernon Subutex" fängt diese Stimmung ein: Paris als Dschungel – wer durchkommen will, muss improvisieren. Es ist der Gegenentwurf zur sozialromantischen Welt der Amélie: Ökonomische und politische Grabenkämpfe toben in allen Teilen der Gesellschaft. Despentes' Held, der Plattenhändler Vernon, verliert erst seine Arbeit, dann seine Wohnung. Ohne Besitz und sozialen Status wird er zum Beobachter – ein Flaneur im Rattenrennen des Spätkapitalismus. Dekadente Partys, kalte Herzen und kaputte Seelen auf der einen Seite; Fürsorge und Freundschaft auf der anderen.

In der Realität ist Despentes' Blick auf die Pariser Gesellschaft weniger pessimistisch. "Selbst die Leute mit vermeintlich sicheren Karrieren mussten feststellen, dass sie nicht unverwundbar sind. Daraus ist aber auch etwas Positives gewachsen: Die Menschen reden wieder mehr darüber, in was für einer Gesellschaft sie miteinander leben wollen. Sie sind offener für die Welt geworden. Vielleicht auch verständnisvoller."

In ihrem Wohnviertel Belleville und den angrenzenden Arrondissements um den Friedhof "Père Lachaise" sieht man kleine alternative Projekte, in denen sich dieser Geist wiederfindet. In Belleville gibt es viele Sozialwohnungen, es ist ein durchmischtes Viertel, in dem sich die Bobos angesiedelt haben – die "bourgeois Bohémiens": junge Familien und Freiberufler, die Nachbarschaftscafés betreiben oder Kantinen, in denen man mittags günstig essen kann. Im Park Buttes-Chaumont kann man diesem Treiben zusehen und nebenan, auf dem Hügel Butte Bergeyre, einen der schönsten Blicke auf Paris genießen.

"Brooklyn von Paris"

Das Gute ist ja: Paris ist so klein, dass man nie am falschen Ort sein kann – kein Viertel ist uninteressant, keines abgelegen. Wer durch die Stadt streift, fühlt sich, als reise er von einem Land zum nächsten: vom arabisch geprägten Maghreb zum Afrika der Subsahara, von Indien bis China; von großbürgerlicher Eleganz bis zu Elektro-Partys im Fischgeschäft – alles ist nur wenige Métro-Stationen voneinander entfernt.

Zieht man die Waldgebiete Bois de Boulogne und Vincennes ab, findet das ganze multikulturelle Spektakel, das Paris ist, auf einer Fläche von 87 Quadratkilometern statt: Die In-4nenstadt, umschlossen vom Autobahnring Périphérique, ist nicht größer als Würzburg, hat aber mehr als zwei Millionen Bewohner. Paris ist die am dichtesten besiedelte Großstadt Europas.

Die Mehrzahl der zwölf Millionen Einwohner der Metropolregion Paris lebt in den Vororten. Die vielen sozialen Probleme, die sich daraus ergeben, sind vor allem städtebaulicher Natur: Paris kann kaum wachsen, nur wenige Vororte sind an die Métro angeschlossen. Im Rathaus des Vororts Saint-Dénis, wo das Stade de France steht, denkt man zwar schon darüber nach, bald das 21. Arrondissement der Stadt zu werden. Und in Pantin, im Nordosten, pflegt man seinen Ruf als "Brooklyn von Paris". Es sind zaghafte Versuche, den Kern von Paris zu erweitern – aber richtig viel bewegt sich noch nicht.

Wie eine Spirale ist die Innenstadt um ihren historischen Kern gewachsen. Die Arrondissements werden von innen nach außen gezählt, von 1 bis 20 – und in welcher Nummer man wohnt, sagt für Pariser viel darüber aus, was man sich leisten kann oder wie man leben will. Grob gesagt ist es so: Im Westen konzentriert sich der Reichtum, im Osten sind die gemischteren Gegenden.

Am südlichen Seine-Ufer, "Rive Gauche", wo die Universität La Sorbonne liegt, geht es beschaulicher und gediegener zu als am "Rive Droite". Im Norden passiert dafür mehr: Seit die Seine-Kanäle nördlich der Place de la République von einer neuen Bewohnerschaft entdeckt wurden, boomen die umliegenden Viertel. Ständig eröffnen neue Restaurants oder "Concept Stores", in denen man vom Gartenstuhl bis zur Unterhose alles kaufen kann, was Modeblogger für angesagt erklärt haben.

Ein Schnaps-Komponist

In einem Hinterhof an der Rue du Faubourg Saint-Denis steht Nicolas Julhès wie ein moderner Alchemist zwischen Apothekerflaschen, Reagenzgläsern und Pipetten. Seit drei Jahren betreibt er seine "Mikro-Destillerie", wie er sagt, die einzige legale Schnapsbrennerei von Paris. Der 41-Jährige gehört zu den vielen kreativen Kleinunternehmern, die die Krise dazu genutzt haben, etwas Neues auszuprobieren. Gemeinsam mit seinem Bruder und seinen Eltern betreibt er eine kleine Feinkostkette – und nun auch einen Handel für handverlesene Spirituosen, deren Aromen er komponiert wie ein Parfümeur. Dort, wo früher eine Werkstatt war, duftet es nach Koriander, Bergamotte und Zitrone; an der Wand steht das blank polierte Herzstück seines Betriebs: eine Apparatur aus glänzenden Kupferkesseln und Rohren. Die Destille, sagt Julhès, sei übrigens das Werk deutscher Ingenieurskunst, spezialgefertigt von der Firma Holstein am Bodensee.

Neben Obstbränden produziert er Gin, Wodka, Brandy und Rum – mit immer neuen Rezepturen. Das gehört zur Basis seines Geschäftsmodells: "In Frankreich legte man traditionell viel Wert auf den Herkunftsort. Cognac darf nur aus der Region Cognac kommen, Calvados aus Calvados. Aber es gibt eine neue Generation von Kunden, die sich begeistert für Innovationen und die Herstellung. Viel wichtiger, als alles so zu machen wie vor 100 Jahren, sind ihnen die Zutaten und die Kreativität der Zusammensetzung."

Natürlich erinnert das an die Food-Trends, wie sie auch in anderen Großstädten in Mode sind. Aber das will Julhès nicht gelten lassen. Gerade kommt er aus Berlin von einer Craft-Messe. "Dort gab es auch gute Sachen. Vor allem gute Verpackungen. Das funktioniert in Frankreich nicht. Franzosen kaufen keine Lebensmittel, bloß weil sie schön aussehen. Und die Pariser sind noch kritischer als der Rest."

Wenn in anderen europäischen Städten die Finanzkrise der große Gleichmacher war, hat sie in Paris alte Kräfte wiedererweckt: Die Pariser ackern wie verrückt am Ruf ihrer Stadt als unangepasste Metropole. Und sie sind wehrhafte Citoyens. "Wir wollen hier nicht wie in einer dieser Schneekugeln leben, die man an den Souvenirständen kaufen kann, mit dem Eiffelturm in der Mitte", sagt Nicolas Julhès. "Paris hat eine spezielle Energie. Das, was ich mache, kann ich nur hier machen."

Der Wille zur Neuerfindung des Pariserischen hat sogar eine der ältesten Domänen erreicht: das Bistro. Die traditionelle französische Küche ist regional geprägt, mit einer großen Liebe für Fleischgerichte, denen man das Tier noch anmerkt. Viele Pariser geraten in Verzückung, wenn als Tagesgericht "An douillete" auf der Karte steht. Das ist eine Wurst aus der Auvergne, bei der Vorsicht geboten ist: Sie besteht nicht nur aus Innereien, sie riecht auch so.

"Franzosen haben einen schwierigen Ruf"

Seit ein paar Jahren zeichnet sich ein Trend ab, den die Pariser "néobistrot" nennen. Sie servieren klassische Bistro-Gerichte mit neuen Ideen. Pierre Derrien, Geschäftsführerin der renommierten "Clown Bar" in der Rue Amelot, erklärt das Prinzip so: "Selbst Menschen, die sagen, dass sie niemals Kalbshirn essen könnten, werden das bei uns mögen." Das stimmt auch. Inzwischen ist unter den Gastronomen ein Wettstreit darüber entbrannt, wie man Steak Tartare oder Entrecôte kreativ verfeinern kann. In der etablierten Restaurantszene haben diese jungen Chefs, die ohne Rücksicht auf Sterne und Regeln in spärlich ausgerüsteten Küchen experimentieren, ein Beben ausgelöst.

Anfangs habe er einen Heidenrespekt vor der Stadt gehabt, sagt Axel Ayza Gallant. Er hat gerade erst als Koch in der "Clown Bar" angefangen und kommt aus Barcelona. "Die Franzosen haben einen schwierigen Ruf", sagt er grinsend. "Aber wenn es ums Essen geht, hat man viel Spaß mit ihnen. Sie kennen sich aus, sind aber immer neugierig." Noch etwas Gutes hat er über die Pariser zu sagen. "Sie interessieren sich nicht für Small Talk. Aber wenn du etwas mit Begeisterung tust und davon erzählst, werden sie dir zuhören."

Höchste Zeit also, mit zwei Vorurteilen aufzuräumen, die an den Parisern kleben. Erstens: Pariser sind arrogant. Zweitens: Pariser weigern sich, Englisch zu sprechen. Punkt zwei ist schnell erzählt – Pariser sprechen nicht anders Englisch als Berliner, nämlich abhängig davon, wie gut sie es können. Punkt eins ist ein großes Missverständnis.

Die vermeintliche Arroganz speist sich meist aus dem Unvermögen des Gegenübers, präzise zu sagen, was gewollt ist. Wenn man einen Pariser mitten im Marais fragt, wo denn ein schönes Lokal sei, antwortet er vermutlich leicht genervt: "Ça dépend", es kommt darauf an: Wein oder Bier. Essen oder nicht essen. Drinnen oder Terrasse. Wenn essen: französisch, israelisch, nigerianisch, karibisch? Wenn französisch: traditionell oder modern? Bretonisch, korsisch, baskisch? Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Wegen der unsinnigen Frage nach einem "schönen Lokal" verpasst der Pariser nun womöglich die letzte leere Métro vor dem Feierabendverkehr. Oder jemand schnappt ihm den Stellplatz für sein "Vélib'" weg, das Pariser Leihradmodell ist deswegen so kompliziert, weil man die Dinger nie irgendwo anschließen kann. Pariser sind nicht arrogant, bloß ungeduldig.

Besser, man setzt sich in einem Café auf einen der geflochtenen Stühle und fragt jemanden, der gerade entspannt am Nachbartisch sitzt. Pariser reden gern über das, was in ihrem Viertel und ihrer Stadt besonders schön ist. Und jeder hat eine eigene Geschichte zu erzählen.

+++ Lesen Sie auch: "I. M. Pei wird 100 Jahre alt - Das ist der Architekt, der die Glaspyramide des Louvre gebaut hat" +++

Wissenscommunity