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Jugendliche in Russland Reise durch Putins Reich

Generation Putin
Moskau liegt ihnen zu Füßen: Kirill Wselenski (l.) und Dima Balaschow machen Fotos bei einer Klettertour über der russi­schen Hauptstadt. Die sogenannten "Rooftopper" steigen auf Hochhäuser und Bauwerke – gefährlich und meist illegal.
© Gerd Ludwig
25 Jahre nach dem Ende der UdSSR flammt der Ost-West-Konflikt wieder auf. Wie sehen das die jungen Russen, die keinen anderen Herrscher als Wladimir Putin kennen? Eine Reise durch ein verunsichertes Land.
Von Julia Ioffe
Menschen, die nach dem Ende der UdSSR geboren wurden, schreibt die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, hätten ganz andere Erfahrungen gemacht als die Kinder der Sowjetunion: "Es ist, als stammten sie von zwei verschiedenen Planeten."

Nach dem Ende der Sowjetunion herrschte zunächst großer Optimismus, der in einem Jahrzehnt voller deprimierender Widersprüche schnell schwand. Manche Menschen häuften nach dem Ende der Planwirtschaft ungeahnte Reichtümer an oder stiegen auf in eine neue, materialistische Mittelschicht; andere stürzten ab in die Armut.

Produkte, die man zuvor nicht kaufen konnte, stapelten sich in Geschäften, aber der Rubel verlor immer mehr an Wert. Kriminalität und Wirtschaftsdelikte nahmen exponentiell zu. Die Bürger konnten sich nach dem Ende der Diktatur endlich an politischen Prozessen beteiligen, aber viele Russen betrachteten diese als schmutziges Geschäft.

Die unpolitische Generation in Russland

Es war nicht einfach für viele Russen, sich mit der neuen Realität zu arrangieren. Die ungewohnte Freiheit wirkte auf manche Menschen desorientierend. „Als klar wurde, dass sich der Wandel nur sehr langsam vollziehen würde, trat das Streben nach den westlichen Werten wieder in den Hintergrund“, sagt Natalija Sorkaja, Soziologin am Lewada-Zentrum, einem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut in Moskau. Stattdessen, sagt sie, orientieren sich die jüngeren Menschen heute wieder an den „Grundpfeilern der sowjetischen Gesellschaft“: Familie, Patriotismus, Armee.

Generation Putin
Sommer und Liebe: Beim Festival "Wilde Minze" tanzen 36000 Besucher bis in die Nacht zu Elektro- und Ethno-Musik. Die populärsten Bands in die­sem Jahr waren die Wanton Bishops aus Beirut und Njestschastny Slutschaj ("Unglücklicher Zufall"), eine bekannte russische Band, die in ihren Liedern über altmodische Werte singt.
© Gerd Ludwig

Laut der Studie planen 65 Prozent der Russen im Alter zwischen 18 und 24 ihr Leben nicht länger als ein oder zwei Jahre im Voraus. „Diese Generation ist sehr egoistisch“, sagt Natalia Sorkaja, „und auch fragil.“ Außerdem seien die jungen Leute ziemlich unpolitisch: 83 Prozent geben an, sich bisher in keiner Weise politisch oder zivilgesellschaftlich betätigt zu haben. Und die meisten erfahren auch nichts von Fakten und Hintergründen, die die Regierung nicht öffentlich diskutieren will. Das Im-Moment-Leben und der Rückzug ins Private sind typisch für autoritäre Regime, sagen Politologen.

Ruf nach sowjetischer Ordnung

Die Antwort auf die Frage, wie es so weit hat kommen können, lautet: Putin. Als er im Jahr 2000 an die Macht kam, fing die Post-UdSSR-Generation gerade an, die Welt um sich herum bewusst wahrzunehmen. Er versprach Wohlstand und Sicherheit. Putin hat es den historisch hohen Ölpreisen und den Reformen der Neunzigerjahre zu verdanken, dass sich die Wirtschaft tatsächlich ein wenig erholte. Der neue Wohlstand aber ging auf Kosten demokratischer Freiheiten.

Putin nannte den Zerfall der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts und sprach frühere Machthaber von ihren Sünden frei. Stalin galt plötzlich als „effektiver Manager“, der ein bisschen zu weit gegangen war. Die neue, staatlich verordnete Nostalgie spiegelte sich auch in Lehrbüchern und im Fernsehen wider. Heute wünschen sich 58 Prozent der Russen die sowjetische Ordnung zurück, etwa 40 Prozent haben eine positive Meinung von Josef Stalin.

Generation Putin
Wasiljew übt mit seinem Skateboard auf dem Triumph-Platz in Moskau. Rechts steht die Statue des Dichters Wladimir Majakowski, der die Revolution von 1917 besungen hat. Junge Russen genießen heute mehr Freiheiten, als sich ihre Vorfahren je hätten träumen lassen. Zufrieden aber sind die wenigsten.
© Gerd Ludwig

Seit Beginn seiner dritten Amtsperiode im Jahr 2012 verfolgt Putin eine noch aggressivere neosowjetische Politik – im In- wie im Ausland. Er holte frühere Sowjetrepubliken wie die Ukraine und Kasachstan zurück in Moskaus Einflussbereich und demonstriert in Syrien Russlands militärische Stärke. Er erließ Gesetze gegen Homosexualität und Blasphemie, die angeblich traditionelle Institutionen wie Ehe und Kirche schützen sollen, es aber vor allem erschweren, offene Debatten zu führen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und wenn man sich aktuelle Umfrageergebnisse anschaut, scheint die Generation Putin tatsächlich so zu sein, wie es sich der Präsident wünscht: konformistisch, materialistisch und risikoscheu.

88 Prozent der Jugendlichen für Putin

Im Herbst 2016 unterstützen 80 Prozent der befragten Russen Putins Politik. Bei Menschen zwischen 18 und 24 Jahren ist die Zustimmung höher als in allen anderen Altersgruppen: 88 Prozent.
Mehr als andere Generationen sind sie stolz auf ihr Land, assoziieren Russlands militärische Potenz mit internationaler Bedeutung und glauben an eine glorreiche Zukunft. So weit die offiziellen Umfrageergebnisse. Reist man allerdings durch das riesige Land, trifft man viele junge Menschen, die die Gegenwart differenzierter sehen. Viele sind unzufrieden, enttäuscht, melancholisch und zynisch. Aber werden sie etwas tun, um ihr Land zu ändern?
Im Jahr 2018 steht Putin zur Wiederwahl. Es besteht kaum ein Zweifel, dass er für eine weitere sechsjährige Amtsperiode gewählt werden wird. In diesem Fall bliebe er bis 2024 an der Macht, wenn nicht länger.

Gekürzte Fassung aus: "National Geographic Deutschland", Heft 12/2016. Preis: 5,80 Euro.


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