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100 Jahre Oktoberrevolution: St. Petersburg: Weiße Nächte und rote Fahnen

Vor 100 Jahren begann in St. Petersburg die Oktoberrevolution. Und heute? Hier kann immer noch alles geschehen. Ein Tusch für Russlands rebellische Schönheit.

Von Oliver Maria Schmitt

1917 feuerte der Panzerkreuzer "Aurora" den Startschuss zum Sturm der Bolschewiki auf das Winterpalais. 

1917 feuerte der Panzerkreuzer "Aurora" den Startschuss zum Sturm der Bolschewiki auf das Winterpalais. 

Wo bin ich? "Sankt Petersburg"?, sagt Google Maps, "Piter", sagen die Einwohner, "We-we-we-Leningrad", singen Rockbands auf dem Newski Prospekt, "Petrograd" steht auf Infoschildchen im Revolutionsmuseum – doch all diese Städte kriege ich in meinem Kopf nicht zusammen. Denn ich suche die Stadt, in der es vor 100 Jahren zum folgenreichsten Ereignis des 20. Jahrhunderts kam: zur Oktoberrevolution.

St. Petersburg ist nicht nur die nördlichste Millionenstadt der Welt und die viertgrößte Europas, nein, sie führt auch weltweit in den Disziplinen Veränderung, Aufruhr, Erneuerung und Umwälzung: 1703 von Zar Peter, dem Großen, quasi aus dem Nichts geschaffen, war sie 200 Jahre lang Hauptstadt Russlands, seit dem Dekabristenaufstand 1825 erlebte die Stadt im Newa-Delta vier Aufstände und Revolutionen (fünf, wenn man den friedlichen Übergang von der UdSSR zu Russland mit­zählt), überlebte eine grauenhafte Hungerblockade und wechselte in 80 Jahren dreimal den Namen. Mehr geht nicht.

Wie halten ihre Bewohner das aus? Sind die Petersburger geborene Revoluzzer? Wird man in St. Petersburg zwangsläufig zum Revolutionär? Kann ich auch einer werden? Gut, eigentlich bin ich das längst – mir fehlen lediglich noch die theoretischen, philosophischen, weltanschaulichen und politischen Grundlagen.

Auf dem riesigen Platz vor der Eremitage marschiert ein Trupp junger Kadet­ten auf! Werden sie sogleich das Winterpalais stürmen wie anno 1917, als die Oktoberrevolution begann? Sie stecken die Köpfe zusammen, um ein Gruppenselfie zu machen. Da – ein lauter Knall vom Wasser her, alle zucken jäh zusammen! Ein Blindschuss vom Panzerkreuzer "Aurora" als Startsignal für die Aufständischen? Es war nur der tägliche 12-Uhr-Kanonenschuss aus der Peter-und-Paul-Festung auf der anderen Newa-Seite. Und jetzt – zwei hochgewachsene Gestalten in historischen Prachtgewändern, mit Dreispitz und Reifrock! Kein Zweifel, es sind Katharina die Große und Peter der mindestens genauso Große, Arm in Arm, umringt von Menschen. Wird der entfesselte Mob sie als Vertreter der Feudalherrschaft an die nächste Laterne knüpfen? Von wegen – man gibt ihnen auch noch Geld, um sich mit ihnen fotografie­ren zu lassen.

Kein einziger der unzähligen Souvenirstände bietet Lenin-T-Shirts an, es gibt nur welche mit dem Bild eines sechstagebärtigen Mannes. "Das ist Sergei Schnurow, unser Volksheld", erklärt mir ein Andenkenverkäufer, "Sänger der Gruppe Leningrad, den kennt in Russland jeder." Er drückt mir eine unfassbar günstige Schnurow-Tasse in die Hand. Und deutet auf einen Putin-Kaffeepott im Regal, ein anderer weltberühmter Petersburger. »Bei mir gehen beide Tassen sehr gut«, sagt der Souvenirmann und kalkuliert spe­ziell für mich einen noch besseren Vorteilspreis für beide Pötte zusammen.

Den vollständigen Text und den Serviceteil über St. Petersburg finden Sie in "Geo Saison", Heft 10/2017.

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