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Klimapfad im Berner Oberland: Der Berg rutscht

Das Handy erklärt den Klimawandel. Sieben Wanderungen in der Jungfrau-Region zeigen die dramatischen Veränderungen in der Schweizer Bergwelt. Als "virtueller Bergführer" dient eine App auf dem iPhone.

Von Dirk Wegner

Über dem Eiger strahlt der Himmel tiefblau, die Sonne brennt. In der Ferne plätschert das Eis des Unteren Grindelwaldgletschers als Rinnsal ins Tal. Doch das Idyll trügt. Wer lange genug hinschauen würde, könnte feststellen, dass sich die Eismasse zurückzieht. Der Klimawandel sorgt dafür, dass sie jährlich bis zu einem Meter dünner wird. Vor 150 Jahren stand der Gletscher noch kurz vor Grindelwald. Damals schlugen die Einwohner mannshohe Blöcke heraus und exportierten das Eis mit Pferd und Wagen nach Paris. Ein lukratives Geschäft. Heute muss man dem Eis fast zwei Kilometer entgegen gehen. Aber der Weg lohnt sich.

Im gesamten Alpenraum gibt es kaum einen Ort, an dem sich die aus dem der Klimawandel erwachsenen Naturgefahren so gut verfolgen lassen, wie am Unteren Grindelwaldgletscher. Eine Szenerie, wie für ein Lehrbuch gemacht. Drei Kilometer lang ist Route B, eine von insgesamt sieben Strecken, die zum Set des neuen multimedialen Klimaguides der Jungfrauregion gehören. Das kleine Programm lässt sich bereits zu Hause aufs iPhone laden. "Spannende Unterhaltung" wird nach der Berührung des Touchscreens gewünscht. In der steil aufragenden Bergwelt erklingen Sphärenklänge, die einen Öko-Thriller untermalen.

Gefahr durch Gletscherseen

Für die dramatischen Entwicklungen in den Bergen soll der Klimaguide sensibilisieren. Denn wo infolge des CO₂-verursachten Temperaturanstiegs der Permafrostboden auftaut, geraten nicht nur Hänge und Gebäude ins Rutschen, es entstehen auch Gletscherseen als neue Gefahr.

Doch die sonore Männerstimme erzählt am Standort B1 ganz unaufgeregt: "Naturgefahren waren schon immer eine Bedrohung, gleichzeitig aber auch eine Normalität in Grindelwald. Aber wenig später kommt es dicke: Durch den Klimawandel gerate das Material an den Hängen leicht in Bewegung. Rutschungen seien zwar schon immer bekannt gewesen, aber ein spezielles Monitoring überwache jetzt, in welche Richtung sich der Boden bewegt.

Die stoisch anmutenden Alpenberge scheinen in Bewegung zu geraten. Offensichtlich reagieren sie empfindlicher auf Klimaveränderungen, als angenommen. Experten warnen schon jetzt, dass es durch die Einwirkungen von Wasser im Gebirge mehr Felsstürze geben wird. Auch deshalb führt Klimapfad B nicht durchs Tal, sondern oberhalb der vom Gletscher ausgewaschenen Schlucht. 350 Höhenmeter sind auf drei Kilometern zu überwinden.

Am Standort B 4 poltern gegenüber Steine in die Tiefe. Früher drückte der Gletscher gegen die Felswände und stabilisierte das Gestein. Nach dessen Rückzug kommt es jetzt im Inneren des Berges zu Spannungen und Rissen, bis am Ende die Felsen ins Tal donnern. Der größte Brocken riss 2006 ab. Die Spuren zeichnen sich deutlich an der Wand gegenüber und tief unten in der Schlucht ab.

Am Ende von Route B ragt oberhalb des Restaurants Bäregghütte ein Mast in den Himmel. An ihm hängen Solarzellen, Kamera und einige Messgeräte. Die Kamera überwacht den Gletschersee im Tal, dessen Wasservolumen jedes Jahr größer wird. Solange das Wasser seinen Weg durch Geröll und Eis findet, leert sich der See allmählich. Gefährlich wird es, wenn er sich aufstauen sollte, um plötzlich ins Tal zu schießen.

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