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Citytrip Lissabon Die magische Stadt für Genießer


In wirtschaftlich schwierigen Zeiten entwickelt Lissabon ein neues Selbstbewusstsein. Und besinnt sich zugleich auf alte Stärken – zu erleben in den Weinbars, Restaurants und Fado-Clubs der Stadt.

Die Genussreise durch Portugal beginnt kurz nach 18 Uhr, hinter meterdicken Steinmauern des über 200 Jahre alten Turms im Stadtteil Princípe Real, mitten in Lissabon. Es gibt keinen Fahrplan, kein Ticket, kein Ziel. Nur die Eingebung von Manuel Moreira. "Gehen wir ins Dão", schlägt der 43-Jährige vor, lässt sich einen Weißwein eingießen, goutiert, lächelt. "Es ist die höchst gelegene Region, wohl auch die unbekannteste. Aber dort wachsen mit die besten unserer Weine, sehr elegant."

Moreira ist einer der renommiertesten Sommeliers des Landes, ein famoser Begleiter auf diesem Trip durch die Hauptstadt, die wie geschaffen ist für Genießer. Er sitzt in einer Nische im ersten Stock. Noch vor 100 Jahren versorgte sich hier die Bevölkerung mit Wasser aus dem Aquädukt. Heute ist an selber Stelle die Weinbar Chafariz do Vinho untergebracht, der "Brunnen des Weins". Ein lauer Wind weht durch die vergitterte Fensteröffnung. Draußen auf der Praça da Alegria gehen die Lichter an. Die Kellnerin serviert Schinken, Salami, geräucherten Thunfisch. "Vor knapp 20 Jahren war sie hier die erste Bar dieser Art", sagt Moreira. "Damals begann unsere Revolution in Sachen Wein." Anbaugebiet, Jahrgang – "spielte früher keine Rolle, es ging nur um Masse", sagt Moreira. "Nach dem Beitritt zur EU wurde viel Geld in Qualität investiert, uralte Tradition zu neuem Leben erweckt."

Er lässt den letzten Schluck Weißwein auf der Zunge vergehen, schwärmt von den Granitböden und der grünen Landschaft des Dão. Und ordert beschwingt einen Roten aus derselben Region. In den ehemaligen Brunnenschächten des Chafariz do Vinho lagern rund 200 der 250 heimischen Rebsorten. Also ranhalten. Zunächst ein Roter aus der Küstenregion Setúbal, dann ein Muskateller und ein Portwein aus der Region Douro. Es reicht sogar noch für einen Bairrada, frisch, robust, Kellerei São João, eine der ältesten der Region. "Die haben mehr als eine Million alte Flaschen auf Lager", erklärt Moreira und drängt zum Aufbruch. Schließlich gibt es in Lissabon rund 50 Weinbars. Und zahlreiche Restaurants, die der ohnehin leckeren Küche neues Leben einhauchen. Es ist 22.30 Uhr, Zeit fürs Abendessen.

Der beste Fisch der Welt

Es ist kein Zufall, dass viele Franzosen unter den Nachtschwärmern sind, die allmählich die Gassen füllen. Nicht nur im Altstadtviertel Bairro Alto, wo die Bewohner Wäsche zum Trocknen aus den Fenstern hängen. Auch weiter unten, Richtung Fluss, in Chiado, wo historische Theater der Stadt eine erhabene Atmosphäre verleihen. So wie die herrschaftlichen Fassaden hier oben in Princípe Real. Vor der Cevicheria, einem neuen Fischlokal, stehen Gäste Schlange. Auch die Plätze in anderen Restaurants sind begehrt. Um den Zwei-Sterne-Tempel Belcanto von José Avillez, 36, zu besuchen, kommen Gäste sogar aus New York eingeflogen. Der Koch hat vier weitere Lokale, in denen es sich zu vernünftigen Preisen vorzüglich essen lässt.

"Die Krise in Portugal bot uns mit günstigen Immobilien ungeahnte Möglichkeiten", sagt Diogo Noronha, 36, ebenfalls ein Star der Szene. Er kochte in den besten Häusern in Spanien und New York, kam vor vier Jahren zurück. Auch, weil er hier den "besten Fisch der Welt" bekommt. Und die Chance, Restaurants an sensationellen Orten zu eröffnen. Der Bürgermeister half, dunkle Winkel wieder begehbar zu machen.

Fado- Revival

Casa de Pasto hat Noronha sein Restaurant in der Gegend Cais do Sodré in Anlehnung an die traditionellen, einfachen Gasthäuser genannt. An den Wänden Tonteller, schwülstige Sinnsprüche, kitschige Seidentapeten. Zu den Stammgästen zählt die Fadosängerin Teresa Lopes Alves, 35. Sie hat sich zum Mittagessen im Nebenzimmer niedergelassen. Eine schöne Frau, strahlende Augen, brillanter Geist. "Wir waren in der Diktatur lange unterdrückt. Danach galt nur als gut, was aus dem Ausland kam", sagt sie zwischen Gängen aus Tintenfisch an geröstetem Knoblauch und iberischer Kalbsschulter an Thymianmousse. "In der Krise haben wir uns auf alte Werte besonnen, ein neues Selbstbewusstsein ist erwacht."

Das verhalf auch dem Fado, der klagenden traditionellen Musik Portugals, zu einem Revival. So viel Gefühl und Intimität stecke sie in ihren Gesang, dass sie sich nackt fühle, wenn sie vor Publikum singe, sagt sie. Am Abend im Casa da Severa im einst anrüchigen Stadtteil Mouraria, bei Kerzenschein, hören wir sie. Ihre Augen sind geschlossen, ihre kräftige Stimme wird nur begleitet von zwei Gitarren.

Sommelier Manuel Moreira zieht weiter ins Bairro Alto. Noch ein kurzer Stopp in der Weinbar Alfaia, wo Stammgast Pierre Arderne, ein brasilianischer Sänger, mit zwei Freunden um ein Fass sitzt. Man stößt mit einem Roten aus dem Alentejo an. Die Gitarre, stets in Griffnähe, bleibt heute an der Wand, es ist schon spät.

Am nächsten Tag meldet sich Pierre per E-Mail. "Ich hoffe, Portugal und die portugiesischen Weine behandeln dich gut." Keine Sorge, Pierre. Abends will Manuel vorbeikommen. Die Reise geht weiter. 


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