Menorca Die Sonne, das Meer, die Ruhe ...


Party auf Mallorca. Schickimicki auf Ibiza. Esoterik auf Formentera. Aber was ist los mit Menorca? Zum Glück nichts. Die kleine Baleareninsel leistet sich den Luxus der Normalität.
Von Stéphanie Souron

Der Tag schläft noch hinterm Hori zont, als Martin Marta den ersten Schatz aus dem Meer heraufzieht. Dunkelrot schimmert der Panzer der Languste, ihre Fühler ragen fast 30 Zentimeter aus den Maschen des Netzes heraus. "Das wird ein guter Tag", sagt Martin und wiegt das Tier bedächtig in der Hand. Seit fünf Uhr am Morgen steht er zusammen mit seinem Freund Xavier Carreres an Deck des kleinen Fischerbootes vor der Küste Menorcas und holt die Netze ein. Die beiden Männer haben sich auf Langustenfang spezialisiert, ein Kilo Krustentier bringt auf dem Markt etwa 80 Euro. "So viel kriegst du mit Fischen nie zusammen", sagt Martin.

Doch weil die Netze einen Tag lang auf dem Grund liegen, hat sich neben Langusten auch ein Haufen Steine darin verfangen. Martin, 33, schlägt deshalb mit einem Holzklopfer die Brocken aus den Maschen. Xavier, 27, passt hinten an der Spule auf, dass keine Knoten in die Netze kommen. "Knoten und Steine sind die Pest", sagt Martin. Aber ohne Knoten und Steine kommt man nicht an die Langusten ran, und Langusten gelten als eine Spezialität auf Menorca. "Sogar der spanische König will immer "Caldereta de Langosta", Langustensuppe, essen, wenn er zu Besuch auf der Insel ist", sagt Martin.

Seine Majestät schätzt die Ruhe

Der spanische König schätzt die Insel nicht nur wegen des Essens. Pauschaltouristen bekommen ebenso wie seine Majestät auf Menorca nämlich das, was woanders längst zum Luxusgut geworden ist: Die Ruhe! Die Einsamkeit! Die Normalität! Menorca hat es irgendwie geschafft, sich dem großen Touristik-Hype der Nachbarinseln zu entziehen. Das Feiervolk weilt auf Mallorca, die Schickeria jettet nach Ibiza, und Formentera ist zum Esoterik-Eldorado aufgestiegen. Und Menorca? Die schroff abfallenden Klippen an der Küste und das raue Inselinnere mit seinen flachen Hügeln und kilometerlangen Trockenmauern haben Menorca vorm Massentourismus geschützt. Auf der nördlichsten der Balearen-Inseln findet man auch heute noch Strände ohne Hotel-Skyline, Buchten ohne zweispurige Zufahrtstraße und Dörfer ohne McDonald's. Und den größten Naturhafen Europas, in dem bis ins 18. Jahrhundert die Engländer ihre Schiffe für die Streifzüge durch das Mittelmeer flottmachten.

Der Hafen hat Menorca schon vor den Engländern zum begehrten Eiland gemacht. Bei der Besetzung der Insel wechselten sich seit etwa 1000 v. Chr. unter anderen Phönizer, Römer, Araber, Katalanen, Engländer, Franzosen und wieder Engländer in chronologischer Reihenfolge ab. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Insel endgültig spanisch - die anderen Nationen hatten bis dahin genügend Zeit, ihre Spuren zu hinterlassen. So stehen zum Beispiel seit mehr als 3000 Jahren auf Menorca die "Taulas", jene geheimnisvollen Riesenskulpturen, über deren Bedeutung die Archäologen sich bis heute streiten. Und hier wurde 1756 zu Ehren des französischen Eroberers Richelieu eine kalt gerührte Creme aus Eigelb, Salz, Pfeffer und Öl kreiert und nach ihrem Entstehungsort "Salsa Mahonesa" genannt. Ähnlich stolz wie auf die Majo sind die Menorquiner auch auf die Ernennung ihrer Insel zum Biosphären-Reservat durch die Unesco 1993.

Ein bisschen Mallorca im Hafen von Mahon

Heute ist der Hafen von Mahon vor allem von Touristen besetzt, in den Fischrestaurants und Tapas-Bars brummt bis spät in die Nacht das Leben. Dazwischen sitzt Maria Bonnin in ihrem Laden am Kai und klebt schmale Lederstreifen auf plattgewalzte Autoreifen. Der Leimgeruch beißt in der Nase, aber Bonnin, 46, scheint er nach zwölf Jahren Arbeit am gleichen Ort nichts mehr auszumachen. Sie sitzt hinter ihrem Tisch und bastelt an einem Paar Avarques. Die typisch menorquinischen Schuhe wurden früher nur von Bauern getragen, heute hat fast jeder Inselbewohner ein Paar davon im Schrank. Als Sohle dienen alte Autoreifen, und was früher nur ein Notbehelf war, gilt heute als "dernier cri". "Wir exportieren die Avarques bis nach Australien", sagt Bonnin. Eine Freundin habe sogar bei "Harrods" in London ein Paar davon entdeckt. "Aber völlig überteuert", sagt Bonnin.

Auf der Insel gibt es nur zwei größere Städte, Mahon und Ciutadella. Sie liegen gut 40 Kilometer auseinander, die eine völlig im Osten, die andere ganz im Westen, verbunden durch Menorcas einzige Schnellstraße. Beide Städte haben enge Gassen, weiße Häuser und einen wunderschönen Hafen, doch ausstehen können sie sich nicht. Mahon wurde des Hafens wegen von den Engländern zur Hauptstadt erklärt, nachdem sich bis ins 18. Jahrhundert das gesellschaftliche Leben weitgehend in Ciutadella abgespielt hatte. Bis heute ist jeder Einwohner Ciutadellas fest davon überzeugt, dass es sich hier viel besser leben lässt.

"Entweder man mag Ciutadella oder man mag Mahon. Beides geht nicht", sagt auch Martin, der inzwischen Languste Nummer fünf und sechs aus den Tiefen des Meeres gezogen hat. Damit die Tiere frisch bleiben, wickelt er sie in feuchte Jutetücher, später kommen sie in kühle Becken - so lange, bis ein Edelrestaurant sie für höhere Weihen einbestellt. Trotz der astronomischen Langustenpreise bleiben ihm übers Jahr gerechnet nur etwa 1000 Euro im Monat. Martin hätte auch ins Touristengeschäft einsteigen können, wie sein Vater, seine Schwester und fast 80 Prozent der Inselbewohner. "Fischer zu werden war aber schon immer mein Traum. Das Meer, die Sonne, die Ruhe, wunderbar." Typisch Menorquiner: Sie lieben die Ruhe. Und obwohl ihnen die Touristen willkommene Gäste sind, schätzen sie doch die Wintermonate. Denn wenn dann ein Tramuntana-Sturm über die Insel fegt, haben sie ihr Eiland meist ganz für sich.

Mittlerweile ist die Sonne durch den Horizont gebrochen. Javier packt die Stullen aus, und Martin legt den Holzklopfer beiseite. "Jetzt wird erst mal gefrühstückt", sagt er. Es ist sechs Uhr morgens, und an der Küste kriechen die letzten Nachtschwärmer aus der Cova d'en Xoroi, der Höhlendisco, deren Lichter man vom Meer aus sehen kann. Am Nachmittag plätschert dort 20 Meter über dem Wasser die Musik im Takt der Wellen, am Abend treibt Israel Nagore, 32, den Tänzern den Schweiß auf die Haut. Der DJ trägt Oberarm-Tattoo und Muskel-Shirt, vor neun Jahren ist er aus Pamplona nach Menorca emigriert. Zurück in die Stadt will er nicht mehr. "Der Lärm wurde mir zu viel. Und dann diese langen Wege", stöhnt er. "Hier gibt es zwar weniger Discos, aber ich habe auch keinen Stress", sagt er. Unter der Woche legt er vor allem für die Touristen auf, am Wochenende ravt die Inselbevölkerung in der Höhle. Er hat sich schnell eingewöhnt, nur die Sprache findet er immer noch ein bisschen schwierig. Von den knapp 70 000 Einwohnern Menorcas sprechen die meisten untereinander einen alten katalanischen Dialekt, das Menorquin. Und nicht alle sind bereit, in der offiziellen Landessprache zu reden.

Mit Hand und Fuß zu Hefeschnecken

In den zahlreichen Bäckereien der Insel ist es deshalb durchaus von Vorteil, sich auch mit Händen und Füßen zu verständigen. Denn man sollte auf keinen Fall abreisen, ohne die Ensaimada, die mit Kürbismarmelade gefüllten Hefeschnecken, probiert zu haben. Und nicht nur die: Weil sich die Menorquiner nie hundertprozentig auf den Import von Touristen verlassen haben, sind einige ihrer Exportprodukte wie Käse, Schuhe und Schmuck heute europaweit erfolgreich. Den Schnaps der Insel, ein Gin aus Holunderbeeren, führen sie allerdings nicht aus, sondern trinken ihn am liebsten selbst. Besonders während der Dorffeste, wenn die Reiter ihre Pferde auf den Hinterbeinen tanzen lassen.

Fabias Weihnachtsfest fand dieses Jahr an einem heißen Samstagabend im Juli statt. Zum ersten Mal durfte der elfjährige Junge beim großen "Jaleo" mitmachen. Zwischen Juni und September richtet reihum jedes Dorf auf Menorca ein dreitägiges Fest aus, bei dessen Eröffnung am Samstagabend bis zu 70 Pferde beim Jaleo durch die engen Gassen ziehen. Die Häuser werden mit bunten Fähnchen geschmückt, die Straßen mit Sand gepolstert, und dann ist es erst mal vorbei mit der Ruhe! Die Kapelle spielt die Gemüter warm, die Dorfjugend betrinkt sich friedlich mit Fanta-Gin-Gemisch. Wenn die Pferde kommen, tanzen alle zusammen auf der Straße. "Einmal hat sein Pferd kurz gebockt, da hatte ich wirklich Angst um ihn", sagt Fabias Großmutter Pilar. "Ach Quatsch, Nort war ganz sanft", beruhigt sie Fabia. Dreimal pro Woche trainiert der Junge zusammen mit seinem Vater auf der selbst gebauten Reitbahn auf ihrem Hof. Vor dem großen Jaleo am Samstag war er trotzdem ein bisschen aufgeregt. Freiwillig würde er das nie zugeben - besonders dann nicht, wenn seine kleine Schwester in der Nähe sitzt. Clara ist jetzt fünf, vor kurzem hat sie ihr erstes Pony bekommen. "Wenn sie will, kann sie in vier Jahren mitreiten", sagt ihr Vater. "In Menorca ist der Jaleo fast so ein großes Fest wie Weihnachten."

Auf dem Meer geht Martins Arbeitstag langsam zu Ende. Der Fischer ist auf Menorca geboren, und wenn nichts dazwischenkommt, wird er auch hier sterben. Ein paar Mal war er schon auf dem Festland. Barcelona hat er besichtigt und Madrid, einmal war er auch auf den Kanarischen Inseln. Aber weiter als Spanien ist er noch nie gekommen. "Weißt du, hier gibt es doch alles, was du brauchst", sagt er und wickelt die letzte Languste in das feuchte Jutetuch. 15 Stück hat er heute gefangen. Morgen wird er wieder mitten in der Nacht aufstehen und hinausfahren vor die Küste. Das Meer, die Sonne, sein Boot, Martin könnte stundenlang von Menorca schwärmen. Martin lässt den Motor an, und schaut auf die Küste, wo der Tag längst begonnen hat. "Ich finde, hier ist einfach der beste Platz der Welt."

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