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Pula in Kroatien: Amphitheater an der Adria

Hier wird Kroatisch und Italienisch gesprochen: In Pula an der Südspitze der Halbinsel Istrien ließen sich schon die Römer nieder. Heute entdecken Touristen den Ort mit viel Kultur und Badebuchten.

Von Wolfgang Röhl

Wer "Schlag den Raab" als zeitgemäße Variante des altrömischen Herrschaftsprinzips panem et circenses begreift, muss wissen: In puncto Spiele wurde schon Tafferes geboten. Das spürt der Besucher in Pula, wenn er aus dem einst herrschaftlichen, heute etwas runtergekommenen Hotel Riviera schaut. Und was erblickt? Ein riesiges, ellipsenförmiges Kalksteinskelett, abends aufs Fotogenste illuminiert! Eine antike Kampfarena, wo es immer um Leben und Tod ging - ein Unentschieden war nicht vorgesehen.

Nun ist es nicht so, dass Pula, die größte Stadt der kroatischen Halbinsel Istrien, ihre Hauptattraktion schamvoll verbirgt. Im Gegenteil, das kolossale Teil ziert jede zweite Postkarte. Doch selber vor dem Amphitheater stehen, das die Römer um die Zeit der Geburt Christi in ihrer Provinz Illyricum errichtet hatten, erst das macht den Thrill. 130 mal 100 Meter misst die kühne Konstruktion. 72 Arkaden, 15 Eingänge, dreißig Meter hohe Tribünen, Platz für bis zu 20.000 Menschen.

Phantasiebegabte glauben noch heute das Klirren der Schwerter zu hören, das Rasseln der Kampfwagen, die Schmerzensschreie der Gladiatoren. Das Gebrüll der Bären, das Röhren der Löwen, die man zum Gaudi des Publikum auf die "Morituri", die Todgeweihten hetzte. Manchmal soll es derart nach Blut gestunken haben, dass auf den Rängen Rosenöl verspritzt wurde.

Schlagerstars, Tenöre, Rocker

Heutzutage performen hier Schlagerstars, Tenöre, Rocker. Entertainer lieben das Freilufttheater des Kaisers Vespasianus. Vor Kurzem war Tom Jones da. "I felt the knife in my hand and she laughed no more..." Der richtige Song für das Ambiente.

Pula hat was passiv Einnehmendes. Nach drei Stunden kennt man sich in der Stadt aus. Diese italienische Anmutung! Das Flair der etwas schatterigen Palazzi und Piazze - sehr vertraut. Entspannt klappert man die Attraktionen ab, Kirchen, Tempel, das archäologische Museum, alles fußläufig erkundbar. Die Markthalle mit überbordendem Angebot liegt nur einen Bogenschuss vom Sergier-Triumpfbogen entfernt.

Wenn es ab Mittag in den Gassen heiß wird, erklimmt man die luftigen Bastionen des venezianischen Kastells. Schnuppert das leicht tangige Meeresparfüm, vermischt mit Kiefernharzaromen. Beobachtet Ausflugsdampfer, welche Urlauber die zerklüftete Küste rauf und runter schippern. Im Süden der Stadt ziehen sich Buchten und Felsplateaus am Wasser entlang, die an Wochenenden knackvoll mit Badenden sind.

Aschenbrödel unter den Adria-Belladonnen

Pula ist das Aschenbrödel unter den Adria-Belladonnen wie Venedig, Dubrovnik, Triest. Als seine römische Ära zu Ende ging, kümmerte der Ort lange im Schatten des mächtigen Venedig. Mitte des 19. Jahrhunderts baute Österreich-Ungarn Pula zum Kriegshafen aus. Das brachte nicht nur Vorteile. Bei diversen Gefechten und Angriffen bekam die Stadt immer wieder eins aufs Dach. Aus dem jugoslawischen Sezessionskrieg der Neunziger ging sie zum Glück fast unbeschädigt hervor.

Überall in Istrien riecht es nach Geschichte. In Porec, auch so ein unterschätztes Adriajuwel, glänzt das Marmorpflaster der Hauptstraße Decumanus wie poliert. Kein Wunder, der blank getretene Decumanus hat gut 2000 Jahre auf dem Buckel. Die nahe Euphrasius-Basilika stammt aus dem 6. Jahrhundert. Wenn unter ihren wunderbaren Mosaiken ein Jugendchor Kirchenlieder und Gospels singt, dann schallt das derart beseelt, als läge die frühe Christenzeit nur einen Wimpernschlag zurück.

Rovinj auf der Felszunge

Und dann ist da noch Rovinj. Blaupause eines bunten, verwinkelten Mittelmeerstädtchens auf einer ins Meer ragenden Felsenzunge, dominiert von einem weithin sichtbarem Glockenturm alla Venezia. Am Hafen zimmert Meister Mladen Takac jedem Sommer ein fünfeinhalb Meter langes Batana-Boot. Das schwimmende Arbeitspferdchen hatte seine Hoch-Zeit in der kurzen wirtschaftlichen Blüte Jugoslawiens, den Sechzigern. Das Batana ist Kult, wie bei uns der VW-Käfer. Es erzählt aus vermeintlich guten Tagen.

Unterdessen sülzt auf der Terrasse des nahen Hotels "Adriatic" Eros Ramazotti aus Lautsprechern. Davor flanieren italienische Touristinnen, chic wie aus der "Vogue" gesprungen. Und auf einmal steht das scherbenreiche, dick mit Historie bestrichene Istrien ganz im Hier und Jetzt.

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