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Kroatien auf der Leipziger Buchmesse: Zwischen Herzschmerz und harter Realität

Vom 13. bis 16. März öffnet die Leipziger Buchmesse wieder ihre Tore. Gastland ist dieses Jahr Kroatien - literarisch ein in Deutschland bislang weitgehend unbekanntes Gebiet. Kein Wunder, denn als Nationalsprache ist Kroatisch noch sehr jung.

Von Marion Nagel, Leipzig

Dass bei der Leipziger Buchmesse einzelne Länder schwerpunktmäßig vorgestellt werden, hat nun schon eine gewisse Tradition. Letztes Jahr präsentierte sich Slowenien dem lesenden Publikum. Dieses Jahr ist Kroatien an der Reihe. 38 Autoren und 40 Titel werden extra aus dem Land an der Adria importiert. Am bekanntesten hierzulande sind wohl Edo Popovic, Roman Simic oder Dasa Drndic.

Networking zwischen Pleiße und Adria

Dr. Alida Bremer, freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin, leitet das Leipzig- Kroatien-Projekt und setzt in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung und Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, auf kulturellen Austausch. Drei Jahre lang sollen kroatische Autoren regelmäßig nach Leipzig sowie deutsche Autoren zur Buchmesse ins westkroatische Pula reisen. Im Vordergrund steht natürlich das Networking. Die Beziehungen zwischen Mittelosteuropa und den restlichen europäischen Buchmärkten sollen intensiviert werden. Den deutschen Buch- und Übersetzermarkt sieht Alida Bremer dabei als Sprungbrett für ihre Autoren.

Alida Bremer ist Kroatin. Sie wurde in Split geboren und ist auch nach vielen Jahren Leben und Arbeiten in Deutschland stark mit ihrer Heimat verbunden. Kroatien soll in Leipzig, wie sie erzählt, nach allen Seiten vermitteln und die literarische Globalisierung vorantreiben. Denn in der Balkanregion ist die kroatische Literatur- und Verlagsszene die am stärksten entwickelte, sagt Bremer. Die Autoren und Übersetzer aus Ex-Jugoslawien sollen deshalb nicht nur zu westeuropäischen Ländern und Märkten aufschließen, sondern auch die Schriftstellerkollegen aus Serbien, Bosnien oder Montenegro unterstützen.

Was schreibt und liest Kroatien?

Die Leipziger Literaturagentin Christine Koschmieder betreut seit 2006 Autoren aus Südosteuropa. Ihr erster kroatischer Autor war Edo Popovic. Ihn lernte Koschmieder vor vier Jahren bei der Kochshow eines kroatischen Kochbuchautors auf der Leipziger Buchmesse kennen. Was kroatische Schriftsteller besonders bewegt, ist für Christine Koschmieder dennoch nur schwer zusammenzufassen: "Es ist immer schwierig eine Literaturszene zu subsumieren. Bei kroatischer Literatur oder Literatur vom Balkan wird es dennoch versucht. Alle müssten politisch sein und sich mit ihrer gesellschaftlichen Realität besonders auseinandersetzen. Das stimmt eben nur zum Teil. Kroatische Literatur ist neben dem besonderen politischen Aspekt eben auch einfach nur jung und urban wie überall auf der Welt."

Miljenko Jergovic, Jahrgang 1966, lebt seit 1993 in Zagreb und berichtete als Redakteur aus dem belagerten Sarajevo. Neben seiner journalistischen Arbeit hat er bei Schöffling zwei Romane veröffentlicht. Sein neuestes Werk, "Das Walnusshaus", stellt er in Leipzig vor.

In Deutschland etwas bekannter ist Bora Cosic. Der Prosaist und Essayist lebt seit einiger Zeit in Berlin. 1992 verließ er aus Protest gegen das Milosevic-Regime seine serbische Heimat Richtung Kroatien. Er hat über 30 Bücher veröffentlicht und wurde 2002 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. In diesem Jahr kommt er mit seinem neuen Roman "Die Vogelklasse" nach Leipzig, erschienen im Folio Verlag.

Laura Marchig schreibt hingegen in italienischer Sprache: Erzählungen, Poesie und Essays. Derzeit arbeitet sie als Chefredakteurin der italienischsprachigen Kulturzeitschrift "La battana" in Rijeka. In Leipzig wird sie gemeinsam mit weiteren kroatischen Autoren die Kroatische Bibliothek des Wieser Verlags vorstellen.

Die gesellschaftliche Realität in Kroatien spiegelt sich auch in Edo Popovics neuem Roman "Kalda" wider, aus dem der Autor auch in Leipzig lesen wird. Ein Bildungsroman über das Erwachsenwerden im Kroatien des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Für Koschmieder ist Popovic ein Geheimtipp. Popovic ist ein berühmter Kriegsberichterstatter und gilt als "Inkarnation des kroatischen Intellektuellen". Einer, der sich heldenhaft gegen nationalistische Stereotype wehrt. Doch Popovic sieht sich vor allem als deutsch-kroatisches Gastarbeiterkind. Denn seine Eltern leben seit Jahrzehnten in Münster und Edo Popovic selbst spricht sehr gut Deutsch, was er wiederum von griechischen und türkischen Gastarbeitern in einer Sägemühle gelernt hat. "Diese Anekdote bringt Edo gern, um das Bild vom nationalistischen Kroaten zu durchbrechen." erzählt Koschmieder.

Traditionslinien der kroatischen Literatur

In der Geschichte der kroatischen Literatur finden sich ähnliche Sujets wie in Deutschland oder Frankreich. Und auch Epochen wie Klassik, Romantik und Realismus lassen sich identifizieren. Die gegenwärtigen Themen sind recht breit gestreut. Als typisch kroatisches Thema nennt Alida Bremer die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit: Die Zeit seit dem Ende des Sozialismus und den Kriegen, die zum Zerfall Jugoslawiens führten, die rapiden Veränderungen durch den "Turbokapitalismus" - all das bietet genügend Material für spannenden Lesestoff. Neben Korruption und Globalisierung geht es aber immer wieder auch um Liebe und Landschaft. Der Herzschmerz hat ebenso seine Existenzberechtigung wie die harte Realitätsanalyse.

Serbisch, Kroatisch, Slowenisch, Bosnisch? Wie versteht man sich?

Der Umgang mit Sprache ist dagegen immer noch ein heikles Thema. Obwohl das alte jugoslawische Regime bestrebt war, eine gemeinsame "Dachsprache" für alle Serben, Kroaten oder Bosniern zu schaffen, ist das Projekt "Serbokroatisch" heute erledigt. Dennoch sind die Autoren und Künstler der verschiedenen Regionen nach wie vor am kulturellen Austausch interessiert.

Gleichwohl müssen sich die Autoren immer wieder dafür rechtfertigen, dass sie bestimmte Sprachen benutzen. "Dasa Drndic zum Beispiel kommt aus Belgrad, lebt in Kroatien und weigert sich, sich auf eine Sprache zu beschränken. Dafür wurde sie auch schon mal angegriffen", erzählt Koschmieder. Wie könne sie serbisch schreiben, wenn sie in Kroatien publiziere? lautete der Vorwurf der Kritiker.

Dasa Drndic begründete ihren Sprachenmix damit, dass es zum Beispiel Wörter wie "Wellen schlagen" im Kroatischen nicht gäbe. So wie in Deutschland die Vergangenheit immer mitgedacht wird, ist auch die Sprachenproblematik im ehemaligen Jugoslawien immer präsent. "Das muss man nicht thematisieren", sagt Koschmieder, "es ist immer da."

Wer gut schreiben kann, hat seine eigene Sprache

Alida Bremer sieht in der Literatursprache einen kritischen Punkt, über den man mit kroatischen oder serbischen Autoren nicht unbefangen reden könne. Die politisch motivierte Diskussion über Sprachentrennung oder -verschmelzung habe die Arbeit der Autoren allerdings nicht weiter beeinflusst, meint Bremer. Die literarische Sprache sei eher durch Stilmittel wie Slangwörter, Jugendsprache, Anglizismen und Dialekte beeinflusst. "Autoren, die gut schreiben können, tun dies unabhängig, in der Sprache, die sie für sich finden."

Weitere wichtige Erscheinungen:             Alida Bremer (Hrsg.): „Literarisch reisen – Istrien“, Drava Verlag (eine literarische Reise durch Westkroatien von verschiedenen kroatischen Autoren)
Nenad Popovic (Hrsg.): „Kein Gott in Susedgrad. Junge Literatur aus Kroatien“ (Sammelband mit junger kroatischer Literatur)
Ivana Sajko: “Rio Bar”, Verlag Matthes & Seitz
Olja Savicevic: „Augustschnee“, Verlag Voland & Quist
Igor Stiks: „Die Archive der Nacht“, Claassen Verlag
Anka Zagar: „Die Besänftigung der Quelle“, Daedalus Verlag (aus der Reihe "Kroatische Literatur der Gegenwart")