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Fjällräven Classic: Polarkreis-Lauf

Quer durch die Wildnis Lapplands führt der 110-Kilometer-Wanderlauf Fjällräven Classic. Vorbei am höchsten Berg Schwedens durch das menschenleeren Fjäll, mit Zelt und Kocher auf dem Rücken.

Von Bianca Gerlach

Fjällräven Classic

Beim Fjällräven Classic sind 110 Kilometer entweder in drei, vier oder fünf Tagen zurückzulegen

Der kleine Gurt muss enger anliegen, viel fester schließen. Zeigefinger und Daumen zerren mit voller Kraft an dem Riemen, das kleine Stückchen Stoff spannt sich wie eine zweite Haut um den Inhalt. Ein letztes ruckartiges Ziehen und alles ist verpackt, im Rucksack, fest und sicher. Der Mann neben mir wirkt zufrieden. Gibt seinem Gepäck einen kleinen Klaps und schultert ihn.

Wie er zurren Hunderte Wanderer nahezu synchron an ihren Rucksackgurten, vertäuen Wasserflaschen an Gürtelschnallen, schnüren Boots extra fest zu, pressen Isomatten und Ersatzkleidung zu kleinen Wülsten und fiebern dem Startschuss entgegen. In drei Minuten beginnen die Fjällräven Classic, ein Wanderlauf durch Lappland, nahe am Polarkreis. Ins Leben gerufen vom Outdoor-Ausstatter Fjällräven, der im Norden Europas fast eine Art Kultstatus hat. 110 Kilometer sind entweder in drei, vier oder fünf Tagen zurückzulegen, im Rucksack mit dabei die volle Ausrüstung von Kocher bis Zelt. Die Teilnehmer, insgesamt 1100, darunter überwiegend Schweden, aber auch 130 Deutsche und ich, treffen die letzten Vorbereitungen am Start in Nikkaluokta in der Nähe von Kiruna.

Vor der Startlinie, in der ersten Reihe, tänzeln die Extrem-Sportler auf der Stelle. Ganz vorne mit dabei ist Thomas Ehmke, 31 Jahre alt, Beine muskulös und sehnig wie ein Springbock, im echten Leben Sozialarbeiter, in der übrigen Zeit Sportcrack. "Ich will die Strecke in 20 Stunden schaffen, habe aber vorsichtshalber Zelt und Schlafsack dabei, falls ich doch mal ausruhen möchte." Das macht ein Schnitt von 5,5 Kilometern in der Stunde. Über Geröllbrocken hinweg, in Turnschuhen, inklusive Steigungen. Mit ihm laufen noch vier, fünf Weitere im Hochleistungstempo. Der Rest der Teilnehmer wird in überschaubaren Kilometerhappen in drei bis fünf Tagen diesen Teil des Kungsleden meistern. Der Königsweg, wie es übersetzt heißt, gehört zum älteren Teil des schwedischen Fernwanderweges, der 1901 markiert wurde.

Pocahontas auf Pirsch


10 Uhr, ein Schwede durchtrennt die Absperrung. Für die erste von vier Startgruppen geht es los. Geschätzte zwei Sekunden später ist von Thomas und den anderen Speed-Wanderern nur noch ein winziger Punkt in der Ferne zu sehen. Die Anderen erobern im Normaltempo mit festem Stiefel-Schritt das Feld. Wie eine Welle schwappen wir über die einsame Landschaft. Hunderte Fähnchen in orange, die jeder Teilnehmer bei der Registrierung bekommt und an den Rucksack befestigt, leuchten wie ein Strom durch karge Büsche.

Die Strecke ist anspruchsvoll. Dicke Steinbrocken liegen wie durcheinander gemurmelt im Weg, die scharfen, harten Kanten bohren sich schon nach kurzer Zeit erbarmungslos wie kleine, spitze Fakirnägel durch die Sohle. Man muss sich auf jeden Schritt konzentrieren, um nicht umzuknicken. Die Umgebung der Prototyp von Idylle. Neben dem Weg plätschert ein Bach, klares, sauberes Wasser, niedrige Büsche säumen den Flusslauf, kleine Tannen strecken sich in die Höhe. Vereint mit der Natur fühle ich mich wie eine Pocahontas auf Pirsch.

Zuspruch, Motivation und Blasenpflaster


Von Indianeridylle ist nach zehn Kilometern nicht mehr viel übrig. Trotz bequemer, gut eingelaufener Schuhe meldet sich eine Blase an der rechten Hacke. Nach nur einem Elftel der Tour. Der Stopp bei LapDonalds kommt wie gerufen. In vierter Generation grillt die Samen-Familie Sarri, Nachfahren der Ureinwohner Lapplands, saftige Rentierfrikadellen und serviert sie als Burger. Aber auch dieser außergewöhnliche Snack zaubert keine euphorische Abenteurerfantasie mehr hervor. Die Sache hier ist anstrengend. Es fehlen noch 13 Kilometer bis zum auserkorenen Zeltplatz.

Immerhin gibt es zurück auf dem Steinparcour gefühlte drei Wander-Wochen später eine Abwechslung. Der Weg wird nicht mehr von Bäumen gesäumt, jetzt dominiert Weitsicht über den Fjäll, die skandinavische Bergtundra. Kahl, kaum bewachsen, oberhalb der Baumgrenze. Gelegentlich mit Holz-Pfaden durchzogen, die über sumpfiges Gebiet führen, im Hintergrund Schnee bedeckte Hügel als kleiner Vorgeschmack auf die Container-Ladungen Weiß, die diese Region im Winter einhüllt. Einige Wolken hängen eine Etage tiefer als normal und geben dem Ganzen einen Hauch Mystik. Auf einer Anhöhe hinter einer Kurve dann ein ungewohnter Anblick in der menschenleeren Region: der erste Checkpoint der Strecke, die Kebnekaise Fjällstation in der Nähe des höchsten Berges des Landes, dem Kebnekaise mit 2111 Metern. Etwa alle 15 Kilometer kommt so ein Check-Point, an dem Gaskartuschen- und Nahrungsnachschub ausliegt, darunter Outdoor-Eintöpfe mit Hühnchen-Aroma, Brot und Trockengrütze; alles in der Startgebühr enthalten. Falls Verletzte eintreffen, organisieren die rund 80 ehrenamtlichen Helfer einen Helikopter, um sie auszufliegen. Die Luftrettung ist die einzige Möglichkeit anders als zu Fuß aus der Region zu kommen. Zuspruch, Motivation und Blasenpflaster sind ebenfalls reichlich im Angebot.

Zwischenziel erreicht


In einem Zelt vor der Herberge wird der Hiking-Pass abgestempelt. Das Heftchen mit kleinen Texten über die Stopps auf der Strecke bekommt jeder Wanderer vor dem Start. Leider ist alles auf Schwedisch, so dass der Pass für Anderssprachige lediglich zum Abstempeln dient. Eine Kontrolle, dass niemand im Feld verloren geht und sich keine Kilometerschummler untermischen.

Nach 23 Kilometern ist das Zwischenziel erreicht: das ideale Nachtlager. Direkt neben einem kleinen Bach mit frischem Gletscherwasser bauen wir unsere Zelte auf. Gerade diese Nähe zur Natur macht die Fjällräven Classic so besonders. Fast auf der gesamten Strecke darf man sein Quartier überall aufschlagen, wer mag, nimmt ein paar Extra-Meter auf sich und nächtigt fernab des Wanderweges in der Einsamkeit des Fjälls. Unterwegs trinken wir das Wasser aus den Bächen, so rein, so klar und so eiskalt wie eine Handvoll Eiswürfel. Diese Freiheit bietet kaum ein anderes Land. Einzige Einschränkung: Im Abisko National Park, dem letzten und landschaftlich wunderschönen Teilstück der Strecke, ist Zelten auf bestimmte Bereiche reduziert.

Der Preis der Natur-Idylle


Nachdem Zeltstangen und Heringe fest im steinigen Boden stecken, sitzt meine kleine, müde Wandergesellschaft wie Vorzeitmenschen um kleine Gaskocher statt ums Feuer. Wir hocken im Gras, haben Moskitoschutz-Salbe in allen Poren und köcheln wortkarg über den Gaskochern Outdoor-Eintopf, angerührt mit frischem Gletscherwasser. Gelegentlich ziehen durch die Dauerdämmerung, die sich im lappländischen Sommer Nacht nennt, die Konturen anderer Wanderer vorbei. Auf dem Berglauf bestimmt jeder Teilnehmer sein eigenes Tempo. Einige gehen die ganze Nacht durch und rasten nur für wenige Stunden. Oder laufen wie Extremsportler Thomas die gesamten 110 Kilometer am Stück. Von uns denkt keiner ans Weiterwandern, einer nach dem anderen stakst mit steifen Beinen ins Zelt.

Sechs Uhr, nächster Morgen. Hinter mir liegen sieben schlaflose Stunden - der Preis der Natur-Idylle, einer flatternden Zeltplane, laut plätschernden Baches und der fehlenden Schwärze der Nacht. Trotzdem fällt das Aufstehen leicht. Vor Aufregung, Vorfreude auf landschaftliche Überraschungen - oder schlicht dem Respekt vor den noch fehlenden Kilometern bis zum Ziel Abisko. Ich schnüre meine Boots, schultere den Rucksack, nicke den freilaufende Rentieren auf der Grünfläche hinter mir zu und rekonstruiere später: In diesem Moment läuft Speed-Trekker Thomas durch das Ziel. In 20 Stunden, 50 Minuten. Ich brauche 62 wundervoll anstrengende Stunden länger.

Anreise

Flüge beispielsweise mit SAS nach Kiruna. Von dort bringt ein Shuttlebus die Teilnehmer kostenlos zum Tourstart in Nikkaluokta.

Tourinfos

Das Anmeldeverfahren für die Fjällräven Classic vom 8. bis 10. August 2008 hat begonnen. Da nur maximal 1100 Menschen teilnehmen können, besser frühzeitig Plätze buchen. In der Gebühr von mittlerweile 145 Euro sind Essen (Tütenmahlzeiten und Brot) und Gaskartuschen enthalten. Unterwegs kann man in einigen, wenigen Hütten zusätzliche Verpflegung einkaufen. Generell ist die Strecke relativ anspruchsvoll. Sie beinhaltet zwar keine extremen Höhenunterschiede, aber viele kleinere Steigungen und ist steinig. Gute, eingelaufene Schuhe sind ein Muss. Beim Packen nur das Wichtigste mitnehmen, der Rucksack sollte möglichst nicht mehr als zehn Kilogramm wiegen.

Anmeldung unter: www2.fjallraven.com/classic

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