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Sark: Das kleine Ass im Ärmelkanal

Sie gehört weder zu Großbritannien noch zur EU - die Kanalinsel Sark ist Eigentum der britischen Krone und letztes Feudalreich Europas. Im milden Golfstromklima gedeihen subtropische Pflanzen und schrullige Typen.

Der Herrscher von Sark sitzt im Sessel vor seinem Kamin. Blaue Trekkinghose, rotes Hemd. "Sehr seigneurisch sehe ich ja nicht aus", sagt Seigneur Sir Beaumont, bevor er sich fürs Foto in Positur setzt. Macht nichts, auf Sark ist alles ein bisschen anders. Die kleinste der vier großen Kanalinseln wird zwar in vielen Atlanten zu Großbritannien gezählt, ist aber weitgehend autonom, und die 610 Bewohner führen ein selbstständiges, schrulliges Leben.

Es dürfen keine Autos fahren auf den ungeteerten Straßen der knapp fünf Kilometer langen Felsformation, die sich immerhin fast 110 Meter aus dem Meer erhebt. Dafür tuckern 78 Traktoren durch die Landschaft. Es gibt keine Beamten und keine Krankenversicherung, und für die Rente muss jeder selbst sorgen. Der Höchststeuersatz liegt bei nur knapp 6600 Euro im Jahr, und den zahlen gerade einmal zwei Bewohner der Insel. Sark hat seinen Sonderstatus seit 1565, als Königin Elisabeth I. genug hatte von marodierenden Piraten und Franzosen und die Insel einem treuen Ritter zusprach, der sie dafür verteidigen sollte. Zu diesem Zweck händigte der Land an 40 Familien aus, die ihm je einen Mann mit Muskete zur Verfügung stellen mussten. Noch heute wird das Parlament von den Vertretern der alten Familien dominiert.

Demokratie für Sark

Doch das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Auf Anweisung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte wurde den Sarkianern Demokratie verordnet. Zu verdanken haben sie das den Barclay-Brothers, zwei Millionärsbrüdern aus London. Die Barclays haben sich Sarks kleine Nebeninsel Brecqhou gekauft und dort eine Art Disney-Märchenschloss gebaut. Sie waren nicht amüsiert, als sie erfuhren, dass sie ihr Bauwerk nur dem erstgeborenen Sohn vererben dürfen. Außerdem würden sie bei einem Verkauf den Seigneur um Erlaubnis fragen und dann noch einen dreizehnten Teil des Verkaufspreises abgeben müssen. Die Brüder klagten vor dem Europäischen Gerichtshof. Und bekamen recht. Sarks Verfassung ist unzeitgemäß. Da half auch nicht, dass die Sarkianer schnell ihr Erbrecht änderten und Scheidungen auf der Insel möglich machten. Sark steht bevor, zumindest politisch die Einzigartigkeit zu verlieren. Der Seigneur wird die Insel bald nur noch repräsentieren. Und jeder Bewohner von Sark, der älter als 18 Jahre alt ist, soll das volle Wahlrecht bekommen.

"Es hat doch 400 Jahre funktioniert", sagt Phyllis Rang, 83-jährige Juwelierin und Nachfahrin einer Siedlerfamilie. Sie sitzt seit Jahrzehnten im Inselparlament und ist seit fast 60 Jahren mit Werner, 87, verheiratet, einem ehemaligen Wehrmachtssanitäter aus Thüringen, der 1944 während der deutschen Besatzung nach Sark gekommen ist. Als er aus dem englischen Kriegsgefangenenlager entlassen wurde, heirateten die beiden. Inzwischen haben sie neun Enkel und acht Urenkel und verkörpern den guten Geist, der die Insel so lange auch ohne Verwaltung und Bürokratie am Laufen gehalten hat. Werner fuhr 29 Jahre den Krankenwagen auf Sark. Das heißt, er hat bei Notfällen den Traktor vor einen alten Wohnwagen gespannt und Kranke zum Doktor gefahren. Oder zur Fähre, damit sie ins Hospital nach Jersey gebracht werden konnten. Heute steht Sark der Hubschrauber der Barclay-Brüder zur Verfügung.

Gemeinschaftssinn,Seemannsgarn und Idylle

Es ist der Gemeinschaftssinn, der Sark zu einer Insel macht, auf der man sich gleich heimisch fühlt. Jeder kennt jeden, jeder hilft jedem. Wer in "Sue's Teagarden" zu Walnussgebäck und Cream Tea einkehrt, kann gleich den Ehemann von Sue, den ehemaligen Fischer George Guille, kennenlernen. Und wer mit George um die Insel schippert, kann sich danach dem Inselrichter Reginald Guille vorstellen und mit ihm über die politischen Veränderungen diskutieren. Die beiden sind Brüder. Richter Guille, der auch Lieutenant-Colonel ist, erzählt gern, dass sich Touristen auf der Insel in vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen. "Uns sagen viele Besucher, wie entspannend das ist - sich mal keine Sorgen machen zu müssen." Als Inselrichter darf Guille Übeltäter in eine der zwei Zellen des Gefängnisses von 1856 sperren lassen. Aber das passiert selten. "Meist hat nur einer etwas zu viel getrunken."

Abends treffen sich die Sarkianer in der Kneipe "Bel Air" an der Straße zum kleinen Hafen. So ähnlich muss vor gut 200 Jahren die Atmosphäre an den Strickabenden gewesen sein, als ganz Sark für die britische Wollindustrie arbeitete - inklusive der Männer. Aus dieser Zeit stammt ein Gesetz, dass Männern verbietet, sich bei gutem Wetter auf der Straße mit Wolle sehen zu lassen. Damals sollen die Felder brachgelegen haben, weil das Stricken einträglicher war als die Feldarbeit. Vor ihren Kaminen erzählten sich die Sarkianer viel Seemannsgarn, Geschichten, die man auch heute noch auf der Insel hört. Von Hexen, die sich in der Nacht auf Schornsteinen ausruhen, und vom Wind, der Stimmen von Ertrunkenen hinüberträgt zum schmalen Felspfad "Coupée", der den größeren mit dem kleineren Teil von Sark verbindet. Hier hat man bei gutem Wetter einen Blick weit hinaus ins Meer zu den Felsen, die schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden sind. Auf der Bootsrundfahrt mit George geht es an riesigen Steinformationen vorbei, die sich je nach Blickwinkel von einer Madonna mit Kind in die betenden Hände eines Priesters verwandeln. Wer genug Fantasie hat, kann Katzen entdecken, Delfine und eine grimmige Königin Viktoria. Oder man merkt sich versteckt gelegene Badebuchten mit feinem Kieselstrand und wuchtige Felsen für eine Wanderung.

Noch liegt Sark in einem Märchenschlaf

Im April und Anfang Mai ist Sark über und über mit Wildblumen bedeckt. Penny Prevel führt dann Interessierte an die schönsten Stellen mit dem fingernagelgroßen Sandkrokus, dem bunten Vergissmeinnicht oder zu den kleinen wilden Hyazinthen, die ganze Klippen blau überziehen. Später führen Freiwillige jede Woche durch die blühenden Gärten der Insel. Auch den von Elsie, der Schwester von Bootsmann George und Richter Reginald. Den schönsten Garten von allen hat jedoch der Seigneur. Je nach Jahreszeit wachsen hier im milden Meeresklima Rhododendren, Azaleen und Kamelien oder die orange-rote "Dame of Sark"-Rose, die ein Züchter nach seiner Mutter benannt hat. Eine efeublättrige Pelargonie hangelt sich neben dem viktorianischen Gewächshaus die Mauer hinauf. Und im hinteren Teil des Gartens fliegen weiße Tauben aus einem Rapunzel-Türmchen. Der Seigneur ist der Einzige auf der Insel, der Tauben halten darf, jedenfalls derzeit noch. Genau weiß noch keiner, was sich alles ändern wird, wenn gewählt werden darf. Wie regelt man dann die Anzahl der Hunde? Wird jeder Land kaufen können, auch ohne die Zustimmung des Seigneurs? Wie verhindert man dann einen Ausverkauf der Insel? Und wer garantiert, dass neue Bewohner neben den Privilegien auch die Pflichten wahrnehmen, die bisher Landbesitz auf Sark mit sich bringt? Zum Beispiel, die Klippenwege für die Ausblicke bis nach Frankreich frei zu halten? Noch liegt Sark in einem Märchenschlaf, der wahrscheinlich bis 2012 dauern wird. So lange soll ein Übergangsparlament tagen, das zum Teil noch aus Vertretern der alten Familien besteht. Wer also das alte Sark noch erleben will, sollte die Insel bald besuchen.

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