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Südafrika: Ritt durchs Straußenland

Kaum jemand, der nach Südafrika fährt, lässt sie aus: die Garden Route östlich von Kapstadt. Weitaus weniger bekannt ist die Route 62 im Hinterland der Küste. Es ist eine Landstraße im besten Sinne.

Gleich, sagt der Mann am Steuer, gleich kommen sie. Wissend richtet er das Fernglas gen Horizont. Sein verschrammter BMW 318i steht nun schon zwei Stunden inmitten südafrikanischer Buschlandschaft. Dass "sie" gleich kommen, verspricht er alle zehn Minuten. Wäre nicht weiter schlimm, würde man nicht im Fond des Wagens gefangen sein. Aussteigen dürfen wir drei Mitfahrer nicht, auch wenn die Blasen darum betteln. An der Heckscheibe versucht ein Straußenweibchen ebenso hartnäckig wie vergebens, das Dichtungsgummi der Heckscheibe wegzupicken. Tok tok tok. Grant McIlrath heißt der Mann am Steuer. Er behauptet, Biologe zu sein, wir halten ihn inzwischen für einen Betrüger. Um "sie" hier in freier Wildbahn zu sehen, hat er uns 250 Rand abgeknöpft, rund 30 Euro. "Sie", das soll eine Sippe von Erdmännchen sein. Angeblich ist Ian der einzige Mensch der Welt, der sich diesen scheuen Tieren in freier Wildbahn bis auf wenige Zentimeter nähern kann. Tok tok tok.

Eine halbe Stunde Holperweg südlich von uns liegt die Route 62, bis zur Kleinstadt Oudtshoorn, der "Straußenhauptstadt der Welt", sind es 20 Kilometer. Die 62 war mal ein Teil der wichtigsten Verbindung zwischen Kapstadt und Port Elizabeth. Als 1830 die Küstenstraße N2 und der Sir Lowry's Pass gebaut wurden, fiel sie in einen Schönheitsschlaf, aus dem sie hoffentlich nie mehr erwacht. Die N2 wurde die neue Rennstrecke zwischen den beiden Hafenstädten; als "Garden Route" steht sie heute bei Südafrika-Urlaubern auf dem Tourplan ganz oben.

Die Garden Route ist die Strecke für die "Oohs" und "Aahs" der Augenmenschen, die Route 62 durchs Hinterland ist die stille Schwester mit der Schönheit und dem Charme auf den zweiten Blick. Die Landstraße schlängelt sich durch die fruchtbarsten Täler Südafrikas, führt durch Wein- und Obstanbauregionen (die 62 gilt als längste Weinroute der Welt), durch die Halbwüste der Kleinen Karoo, durch verträumte, verschlafene, vergessene Städte und Dörfer, durchs Gebirge - und durch eine der artenreichsten Vegetationszonen der Welt. 8500 Pflanzenarten, vor allem Heide, Gräser und Blütenpflanzen, haben Botaniker im Reich des Fynbos (Afrikaans für "feiner Busch") gefunden; in ganz Deutschland gibt es gerade mal 3050. Mitten im Fynbos steht der BMW mit den genervten Insassen. "Da sind sie", sagt Grant mit dezentem Triumph in der Stimme. Er zeigt nach rechts, matt drehen sich unsere Köpfe. Tatsächlich, zuerst sehen wir hoch aufgerichtete Schwänze, die wie Antennen durchs niedrige Gebüsch pirschen. In kurzen Abständen richten die Erdmännchen ihre unterarmlangen, schlanken Körper auf, stellen sich auf Hinterbeine und Schwanz, sichern nach links und rechts und zockeln weiter. Schließlich haben sie den Erdhügel über ihrem Bau erreicht.

Wir dürfen aussteigen. Zwar sind alle Glieder vom langen Sitzen steif, trotzdem gleiten wir wie auf Schmierseife aus dem Auto und nehmen Aufstellung hinter Grant. Jetzt bloß keine ruckartigen Bewegungen, bloß kein Mucks. Während wir im Gänsemarsch losschleichen, gibt Grant brummende und keckernde Laute von sich. Es sagt, es sei die Erdmännchensprache, die er nach zehn Jahren Beobachtung fließend gurrt. Dazu bewegt er Arme und Hände wie ein arthritischer Dirigent. Die Erdmännchen, acht Erwachsene und vier Kinder, stehen auf ihrem Hügel, Vorderbeine an den Körper gepresst, Fußballspielern gleich, die im Schulterschluss einen Freistoß abwehren wollen. Sie wärmen sich die Bäuche in den letzten Sonnenstrahlen. Die Kleinen sind müde, können sich kaum noch auf ihren Hinterbeinen halten und drohen immer wieder umzukippen. Putzigkeitsweltrekord! Von uns lassen sie sich nicht stören. Nachdem sie sich jahrelang an Grant gewöhnen konnten, ist der Wissenschaftler fester Bestandteil ihres Weltbildes geworden. Inzwischen sind wir so dicht an die Erdmännchen herangepirscht, dass wir sie berühren könnten. Nicht mal die Jungen verstecken sich hinter ihren Eltern. Wohl selten ist jemand von einem wilden Tier, bei dem man mit einem Fuß quasi im Wohnzimmer steht, so allumfassend ignoriert worden.

Wer sich von Kapstadt in Richtung Route 62 aufmacht - sie beginnt in dem kleinen Ort Montagu - durchquert zunächst das Herzland der südafrikanischen Weinproduktion. 200 Kilometer um die Stadt am Tafelberg herum erzeugen der Atlantik und die häufigen Nebelbänke, die bis in die Berge hinaufsteigen, ein ideales Klima für den Anbau von Wein. Paarl, Stellenbosch, Franschhoek - bei Kennern klingen im Kopf sofort die Gläser, Laien finden Gelegenheit, sich über den Anbau von Shiraz, Merlot und Cabernet Sauvignon kundig zu machen.Mit Hilfe der südafrikanischen Weinbibel, dem "Platter", findet sich schnell der Weg zur nächsten Verkostung oder Kellerführung. Zum Beispiel zum Weingut "Rust en Vrede", dessen Wein Nelson Mandela 1993 in Oslo servieren ließ, als ihm der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Im Schatten des schneeweißen, im kapholländischen Stil 1694 gebauten Herrenhauses und umringt von den 64 Hektar Weinbergen kann man den Tropfen verkosten, der seit 1991 immer wieder unter die 100 besten Weine der Welt gewählt wird.

Südafrikanischen Wein schätzten schon Napoleon und Friedrich der Große, und der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock war so vernarrt in einen Muscadet vom Gut Constantia, dass er eine Ode schrieb. "Von solcher Wärme und voller Sonne" sei der Wein gewesen, dass er dem französischen abschwor. Wobei - kein Wein ohne Franzosen: Auf der Flucht vor den Schergen Ludwigs XIV. kamen Ende des 17. Jahrhunderts 171 hugenottische Familien auf die Kaphalbinsel. Sie begannen umgehend, Wein zu pflanzen. Ortsnamen wie Franschhoek ("Franzosenecke") und Güter wie L'Ormarins, La Motte und Le Roux erinnern daran. Wer den Franschhoek-Pass Richtung Osten überquert und von ganz oben noch einmal in das haltlos strotzende Idyll zurückblickt, kann sich nur schwer gegen das Gott-in-Frankreich-Gefühl wehren. Dass man sich am unteren Zipfel von Afrika befindet, rufen einem dann die Paviane ins Bewusstsein, die wie Wegelagerer an der Straße darauf warten, dass ein dummer Tourist den Fehler macht, die Wagentür zu öffnen. Montagu ist das Tor in die Klein Karoo, eine fruchtbare Halbwüste mit überbordendem Pflanzenreichtum. In der Kleinstadt treffen sich Kletterer, um die nahe gelegenen Steilwände, die schwierigsten des Landes, zu bezwingen. Am Ortsrand erhebt sich Klein-Las Vegas: Das Avalon Springs Hotel ist ein Kasten mit Fünfziger-Jahre-Ausstrahlung, innen in Eiscremetönen gehalten und mit angetäuschtem Art-Deco-Mobiliar geschmückt. Draußen bietet eine Pool-Landschaft 43 Grad heißes Quellwasser, dessen leichte Radioaktivität bei Hautproblemen und "Schmerzen aller Art" Wunder wirken soll. Die Badenden unterstützen die Heilwirkung gern mit kaltem Bier und Champagner. Auf halber Strecke nach Oudtshoorn lässt sich etwas über die allwaltende Macht der Sexualität lernen. Neben Alfred Kinsey ist Frank Ronald Price wohl der Mann, der über die Macht der Libido am meisten zu erzählen weiß. Price betreibt an der Route 62 im Niemandsland zwischen Barrydale und Ladismith eine Kneipe mit Farmshop, der klassische Ort für Fernfahrerdurst, Pinkelpause und ortsübliche Marmelade. "Ronnies Shop" stand an dem schmucklosen weißen Haus, der Laden lief bescheiden. Eines Nachts pinselten seine Freunde im Suff das Wort "Sex" dazu. Ronnie war sauer, aber zu faul, es zu übermalen. Plötzlich war die Bude voll, kaum jemand fuhr vorbei, ohne zu halten. Ronnie hat heute seinen Platz in jedem Reiseführer, die Wände seines Shops sind voll mit Visitenkarten und Touristengrüßen aus aller Welt. Nur auf Sex deutet bei Ronnie nichts hin.

Wer sich Oudtshoorn nähert, merkt dies an den riesigen Straußenherden links und rechts der Route 62. Rund 200 Farmen umgeben die kleine Stadt, etwa 90 Prozent der Weltpopulation der Laufvögel leben hier. Ihr Fleisch ist begehrt, weil fast fett- und cholesterinfrei, und die Häute geben hervorragende Handtaschen und Schuhe ab. "Kühe mit Flügeln" werden sie von ihren Besitzern genannt. Oudtshoorn war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der reichsten Städte der Welt, dank des Exports von Straußenfedern. Der Grundstoff für luxuriösen Hutschmuck und die Bekleidung von Nackttänzerinnen wurde damals mit Gold aufgewogen. Eine halbe Million Kilo Federn verkauften die Farmer 1918 in alle Welt. Einige der Federbarone wussten nicht mehr, wohin mit dem Geld. Sie ließen sich prächtige, vom Jugendstil inspirierte Villen bauen, die heute zu den Touristenattraktionen gehören. Als sich weltweit das Automobil gegen die Pferdekutsche durchsetzte, waren die goldenen Zeiten vorbei: In die kleine Kabinen der Kraftwagen passten keine großen Hüte mit ausladenden Straußenfedern mehr. Das Gehirn eines Straußes ist winzig - nicht größer als sein Auge -, konzentriert aber auf solch kleinem Raum erstaunlich viel Dummheit. Auf der "Safari Ostrich Farm" ist zu sehen, was der Vogel von morgens bis abends treibt: Er frisst. Kaum wacht ein Strauß morgens auf, pickt er los und schluckt alles, was durch die Speiseröhre passt. Wie eine wandelnde Mülldeponie liest er Steine auf, Gummistücke, Stofffetzen, minutenlang pickt er nach Fotoobjektiven, die ihm Farmbesucher hinhalten. Am Ende der Führung durch Farm und Museum dürfen sich die Besucher für ein Foto auf einen Strauß setzen. Dummheit, merkt der Beobachter in diesem Moment, funktioniert auch mit großem Gehirn. Man möchte dann am liebsten seinen Kopf in den Sand stecken, was der Strauß übrigens nie tut.

Kann man Südafrika verlassen, ohne Elefanten gesehen zu haben? Man kann, sollte aber nicht. Zumal es zum Addo Elephant Park nur ein Großkatzensprung ist. Wieder auf der Route 62 geht es entlang der Tsitsikamma Mountains, einer riesigen, quasi verkehrsberuhigten Zone, in der das Autofahren zur meditativen Übung wird. Der Addo-Naturpark nördlich von Port Elizabeth wurde 1931 gegründet, um die letzten hier lebenden Elefanten zu schützen. Im Auftrag von Obstbauern hatte der Großwildjäger Major Jan Pretorius den ursprünglichen Bestand dieser Region im Jahre 1920 auf elf Tiere zusammengeschossen. Heute grasen auf den fast 1500 Quadratkilometern des Parks wieder etwa 400 Dickhäuter, zusammen mit Zebras, Nashörnern, Büffeln und Löwen. Addo soll in den nächsten Jahren bis hinunter zur Küste erweitert werden. Dann gehören auch Wale und Pinguine ins Tierprogramm. Noch sind die Elefanten die Stars. Wer mit dem Privatwagen oder im offenen Land Rover mit einheimischen Führern den Park durchquert, kann sich ihnen fast bis auf Rüssellänge nähern. Wie die Erdmännchen ignorieren die Elefanten die Besucher in den Blechkisten, saufen ungerührt am Wasserloch und bespritzen sich mit Schlamm.

Wer sich den Abschied von der Kleinen Karoo, den Straußen, Elefanten und Weinen richtig schwer machen will, sollte zum Schluss in einem der herzwärmendsten Gästehäuser im Umkreis der Route 62 übernachten, in "The Retreat at Groenfontein". Von Calitzdorp aus, wo bei "De Krans" der bekannteste Portwein Südafrikas reift, noch 20 Kilometer Sandpiste, dann ist man bei Marie und Grant Burton. Die Schwedin und der Südafrikaner haben ein altes viktorianisches Farmhaus inmitten wilder Natur zu einem Wohlfühl-Tempel gemacht - ohne Wellness-Angebot, dafür mit gradliniger Freundlichkeit, intakter Umwelt und schlicht leckerem Essen. Wer hier in der Dämmerung auf der Veranda sitzt, mit Blick auf die "Swartberg Mountains", und sich bei lauer Abendluft und einem Glas Rotwein von Grant Geschichten über Tiere und Pflanzen der Kleinen Karoo erzählen lässt, der ahnt, dass er eines Tages wieder an dieser Stelle sitzen wird.

Peter Pursche / print

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