Urlaub Internet und ein zweites Handy - Strandleben in Italien ist anders


Italien im August: Die Menschen fahren ans Meer und geniessen das Strandleben. Doch nicht mehr jeder kann sich das leisten und so wandelt sich das berühmte italienische "dolce far niente" langsam aber sicher.

Selbst der Sommer ist in Italien nicht mehr das, was er einmal war. Früher war das so: Die Städte leerten sich, offene Geschäfte waren im August eine echte Rarität, die Bewohner waren ja ohnehin am Meer. Dort dösten sie in der Sonne, plantschten in den Fluten, und am Abend ging man schick essen - "dolce far niente", das süße Nichtstun, nannten das die Italiener. Das Wort ging um die Welt.

Action auch am Strand

Heute sieht das etwas anders aus: In den Städten fließt der Verkehr munter weiter, die meisten Läden haben geöffnet, jeder fünfte Italiener bleibt zu Hause. Und wer ans Meer fährt, wird gnadenlos auf Trab gehalten. Da gibt es Tanzkurse am Strand, Gymnastikstunden unter und über Wasser, an der Adria werben Badeanstalten mit Internetanschluss - und am Strand von Rimini kann man sogar einen Intelligenztest machen. Action ist angesagt.Für die italienische Seele gibt es einen Feiertag, der ist fast so heilig wie Weihnachten und Ostern. Das ist der 15. August, Mariä Himmelfahrt, aber im Volksmund heißt er "ferragosto". Wer an "ferragosto" nicht in Ferien fährt, ist wirklich ein armes Schwein. "Früher hab’ den ganzen August zugemacht, jetzt mach’ ich nur ein paar Tage um 'ferragosto' frei", erzählt ein "barista", ein Cafébarbesitzer am Tiber in Rom. "Mehr kann ich mir nicht leisten."

Notruftelefon für Daheimgebliebene

Sieben von zehn Läden bleiben in Rom trotz brüllender Hitze im August geöffnet, berichtet das Fernsehen ungläubig. Ein ganzes Stück italienischer "Sommerkultur" gehe da den Bach runter. Wer an "ferragosto" zu Hause bleibt, der macht wirklich "brutta figura", eine schlechte Figur, und das ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Italiener passieren kann. Manche Leute genieren sich so arg, dass sie vortäuschen, sie seien unterwegs, berichten Psychologen. Sie lassen die Fensterläden runter, bunkern Lebensmittel im Kühlschrank und geben ihre Zimmerpflanzen beim Hausmeister zum Gießen ab. Mailand hat eigens ein "SOS-Telefon" für Daheimgebliebene eingerichtet.

"Bella figura" am Strand - aber nur mit Handy

Am Strand ging es freilich immer schon munter zu. Einsame Strände sind dem Italiener ein Gräuel. "Leere Strände machen traurig", meint eine bildhübsche Römerin. Schließlich braucht man am Meer doch die amici, die Freunde, mit denen man den Tag verplaudern kann. Deshalb fahren viele Italiener Jahr um Jahr an denselben Strand und treffen dieselben Bekannten zum Parlieren.Auch für Strandburgen zur Abschottung hat man nichts übrig, Strandleben in Italien ist wie auf einem "Präsentierteller", wie eine Deutsche meint. Man will nicht nur den Blick auf die Tanga-Mädchen und die durchtrainierten Papagalli, man will auch selbst "bella figura" machen. Am Strand ist "pralles Leben": Es wird geflirtet ohne Ende, afrikanische Händler bieten gefälschte Rolexuhren an, Chinesen offerieren Massagen. Wer will, kann sich tätowieren lassen, natürlich schaut der Nachbar zu. Und zu all dem klingelt das Handy ohne Unterlass.

Handy kann Seitensprung auffliegen lassen

Apropos Handy: Früher galt ja der Sommer als die große Zeit des Seitensprungs in Italien, auch das droht jetzt anders zu werden. Die Zeitung "Corriere della Sera" beschäftigt sich dieser Tage auf der Titelseite lang und breit mit dem Thema Fremdgehen und Handy. Das werde zunehmend zum "nemico mortale", zum tödlichen Feind, der ausgelebten Sommerlust. "Die registrierten Nummern auf dem Handy zu lesen, ist das sicherste Mittel, um einem Seitensprung des Partners auf die Spur zu kommen", berichtet ein Scheidungsanwalt. Da helfe nur eins: ein zweites Handy, wenigstens im Sommer.

Peer Meinert DPA

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