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Venedig ...: ... durch den Sucher entdeckt

Wie man eine Stadt mit der Kamera kennen lernen kann, zeigt diese Reportage - entstanden bei einem Fotokurs rund um den Markusplatz.

Die erste Illusion ist schon nach drei Minuten futsch. "Ein überbelichtetes Bild kann auch der Computer nicht mehr retten", doziert der Maestro und schaut durch seinen Sucher. Wie jetzt? Fotoshop & Co. können doch sonst immer alles? Aus Kühen Katzen zaubern und aus Regen Schnee zum Beispiel. "Aber wenn das Licht nicht stimmt, hast du keine Chance." Okay, das leuchtet ein. Aber Maestro, wie macht man gute Bilder ohne Sonne? "Postkartenoptik bei Sonnenschein kann jeder, bei Regen aber muss man auf den Rhythmus achten", sagt Rainer Martini. Welchen Rhythmus? Das Auftreffen der Tropfen auf den Boden und das spritzende Wasser. Der Maestro führt die zwölf Hobbyfotografen durch die verwinkelten Gassen zur Accademia-Brücke, und dann stehen sie da im Regen, klick, und versuchen, den Rhythmus einzufangen.

"Fotografieren in Venedig" heißt der Kurs, bei dem Rainer Martini eine Einführung in die Städte- und Reisefotografie gibt. "Venedig ist etwas ganz anderes als Paris", sagt der Fotograf gleich zu Anfang. In Paris müsse man die Weite der großen Boulevards einfangen, in Venedig mit dem Wasser spielen. Die Gruppe nickt ehrfürchtig.

Die besten Reflexe vom Wasser

"Bei so einem Licht hätt ich normalerweise die Kamera gar nicht ausgepackt", staunt einer der Knipser, eine Frau guckt verwirrt auf das Display ihres Fotoapparates. "Muss ich in der blauen Stunde eher eine große oder eine kleine Blende wählen?", fragt sie. "Das kommt ganz auf die Verschlusszeit an", sagt Martini, nimmt die Kamera in die Hand und dreht fachmännisch an einem der Rädchen. Die Frau schaut durch den Sucher, klick, und lächelt verzückt das Ergebnis im Display an. Martini hat inzwischen zwei andere Teilnehmer auf den Vaporetto-Anleger unter der Brücke gelotst. "Dort kriegt ihr die besten Reflexe vom Wasser."

Rainer Martini, 57, trägt Jeans und Sportschuhe, in seinen Augen funkelt Abenteuerlust. Früher hat er hauptsächlich Sportler mit seiner Kamera abgelichtet, mittlerweile ist er auf Städte spezialisiert. Seit fünf Jahren unterrichtet er auch: Freizeitfotografen. Eigentlich sollten die zwölf in dem Kurs lernen, die Sonne in den schmalen Gassen einzufangen - aber das Wetter spielt nicht mit. "Wir sollten von Panoramabildern Abstand nehmen und uns auf Details konzentrieren", sagt Martini.

"Fotografieren schärft meinen Blick"

Die meisten Teilnehmer sind nicht zum ersten Mal bei einem Fotoseminar dabei. Martini kennt die Spezialisten: Barbara nutzt gern lange Brennweiten, in Marinettes Fototasche hätte ein junges Känguru Platz für einen Mittagsschlaf, und Alexander fotografiert am liebsten, ohne durch den Sucher zu schauen. "So dokumentier ich das Leben", sagt er. 98 Prozent seiner Aufnahmen will Alex nach dem Kurs wieder wegschmeißen. "Brauch ich nicht", sagt er, "aber Fotografieren schärft meinen Blick." Andreas ist zum ersten Mal dabei, redet dafür aber gern und ausführlich über Kameras und Stative. Mit "Schrott aus alten Flippern" könne er nicht arbeiten, weshalb er am nächsten Morgen beim Abmarsch zum Rialto-Markt gleich mit zwei High-Tech-Kameras um den Hals aufläuft. Überhaupt: Wer hier mitmacht, liebt sein Hobby. Die meisten sind mit hochmodernen Digital-Apparaten ausgestattet, kaum eine Ausrüstung hat weniger als 3000 Euro gekostet.

"Bitte bis zum Rialto-Markt nicht fotografieren", warnt Martini. Damit der kurze Fußmarsch sich nicht in die Länge zieht, lässt er Pärchen bilden. Einer soll auf den anderen aufpassen, falls der sich wieder in ein Motiv verliebt und dafür die Gruppe vergisst. Bis zur Rialto-Brücke geht dann tatsächlich niemand verloren, die Fotoexperten vertiefen sich in Gespräche über Motive und Marken. Paläste oder Pontons? Nikon oder Canon? Es ist eine Frage der Ideologie. Und wer kann sich heutzutage noch eine Leica leisten?

Am Markt lässt Martini die Gruppe von der Leine. Treffpunkt in einer Stunde. "Für Fragen stehe ich zur Verfügung." Zwei Teilnehmerinnen bestürmen ihn sofort: Welches Objektiv ist jetzt am besten, und wie mache ich noch mal den Weißabgleich? Der Markt summt um diese Uhrzeit, die Venezianer kaufen für das Mittagessen ein. Auf den Fischtheken warten die Seppioline, die Tintenfischchen, gleich bergeweise auf Käufer, klick. Daneben glotzen Sardinen ins Leere, klick. Andreas überredet einen Verkäufer, seinen Kopf ins Maul eines Seetieres zu stecken. "Auch gestellte Bilder sind Bilder", verteidigt er sich. Der Mann willigt ein, Andreas verspricht ihm, das Foto später per Mail zuzuschicken. Christa lässt den Markt beiseite und konzentriert sich auf die Fischerboote.

Als sich die Gruppe wieder um Martini schart, hat der schon den Nachmittag verplant: ein Spaziergang durch San Polo und das Dorsoduro-Vietel. "Aber da dürfen wir doch fotografieren?", fragt einer. Martini nickt, er kennt das Problem der Hobbyfotografen: Sind sie in normalen Reisegruppen unterwegs, überprüfen sie ständig Blenden und Verschlusszeiten und werden als Bremsklötze veralbert.

Martini geht mit zügigem Schritt

voran. Jedes Mal, wenn der Maestro stehen bleibt, ist das ein Zeichen für die Gruppe: Hier muss es ein Motiv geben, man muss nur richtig hinschauen. Runde Treppe vor eckigem Geländer, ist das ein Bild? "Gleich geht's weiter zum Markusplatz", sagt Martini und drückt auf seinen Auslöser. Wo war denn jetzt schon wieder das Motiv? Das kleine Weinlokal am Straßenrand? Wer Situationen schnell erfasst, ist im Vorteil. "Immer sehen, was als Nächstes passiert", schärft Martini ein. "Und immer die außergewöhnliche Perspektive suchen!"

Mittlerweile ist es Nachmittag, der Gondelanleger am Markusplatz wird von Touristen belagert. Eine französische Reisegruppe kommt an, 30 Japaner möchten zusteigen. Jetzt wäre der Zeitpunkt, Lichtreflexe auf der Bootslackierung festzuhalten oder die Gondoliere beim Mittagsplausch. Zu spät, das Boot legt schon wieder ab, die japanischen Touristen sind nur noch von hinten auf dem Foto drauf.

Auf dem Markusplatz steht Alexander umringt von einer Taubenkolonie. "Ich hab Vogelfutter gekauft, ihr könnt mit fotografieren, während ich es verteile", bietet er an. Seine Kamera hat er am Boden abgestellt, den Fernauslöser hält er mit der Hand umklammert. "Achtung, es geht los!" Die Inszenierung ist perfekt: Wie ausgehungert stürzen sich die Vögel auf das Futter, Alex' Kamera surrt wie eine Nähmaschine. Marinette versucht derweil, ein Bild durch das Fenster des Caffè Florian zu machen, wo der Kakao acht Euro kostet und die Musikkapelle noch einen Zehner extra. Die Geschichte des Dogenpalastes muss man später im Hotelzimmer nachlesen, jetzt ist die beste Tageszeit für Fotos vom Campanile di San Giorgio Maggiore. Und dann hat sogar der Himmel ein Einsehen.

Langsam schiebt sich die Sonne durch ein Loch in der Wolkendecke, die Lagunenstadt wirkt plötzlich goldfarben, und als Martini die Gruppe auf den Campanile bugsiert hat, kreuzt gar ein Luxusschiff durch den Kanal. Die Ermüdungserscheinungen sind verschwunden. Santa Maria von oben, klick, der Dogenpalast, klick, der Canale della Giudecca, klick.

Am nächsten Tag taucht der Nebel die Stadt wieder in fahles Licht, Martini schiebt eine kurze Theorieeinheit ein. "Wenn es extreme Kontraste gibt, müsst ihr unbedingt manuell fotografieren, sonst wird alles überbelichtet", sagt er, und dann darf Alex ein paar seiner experimentellen Bilder zeigen. Die meisten sind begeistert. Marinette ist nicht ganz überzeugt: "Ich kann doch am Ende nicht nur unscharfe Bilder mitbringen", sagt sie. Martini erklärt für alle noch einmal den Zusammenhang zwischen Blende und Verschlusszeiten, dann geht es los nach Burano, eine der Inseln vor Venedig.

In Burano sind die Häuser bunt und die Touristen rar. Zwischen den Fassaden flattern Wäschestücke im Wind, die Gruppe zerstreut sich. Jeder probiert auf seine Weise, die Stimmung einzufangen. Alles ist erlaubt, nur auf Stative reagiert Martini allergisch. "Bis ihr das aufgebaut habt, ist das Motiv weg", sagt er immer wieder. Erst am Abend zur blauen Stunde dürfen die Fotoschüler vor dem Dogenpalast das Dreibein aufstellen. Das Licht verlangt nach langen Verschlusszeiten, aus der Hand wären die Bilder verwackelt.

Am Ende des Kurses, als die Gruppe ein bisschen erschöpft auf den Stufen der Santa Maria della Salute hockt, bietet Martini an, dass jeder ihm seine fünf besten Bilder schicken könne. "Ich werde sie dann konstruktiv kommentieren", sagt er. Die meisten sind hochzufrieden mit ihrer Ausbeute, quantitativ zumindest. Alex hat sich schon für den nächsten Kurs angemeldet. Die Digitalfotografen vergleichen Ergebnisse auf den Displays, die Analogen müssen noch ein paar Tage bis zur Filmentwicklung warten. "Aber auf keinen Fall montags zur Entwicklung bringen", warnt Marinette und schiebt auch gleich die Erklärung hinterher. "Da rühren die immer das Chemiebad neu an, und dann sind oft die schönsten Motive dahin."

Stéphanie Souron / print
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