Asien Singapur macht sich locker


Nach zwölf Jahren darf in Singapur wieder gekaut werden: Das Kaugummi-Verbot, bisher mit bis zu 1000 Dollar bestraft, ist aufgehoben. Auch sonst will der als spaßbremsig geltende Stadtstaat lockerer werden.

Die Stadt ist auffallend sauber. Keine Blechdosen liegen neben den Mülleimern, keine Zigarettenstummel verteilen sich über den Boden, ja nicht einmal platt getretene Kaugummis kleben am Pflaster. Selbst in der Metro-Station am Rathaus, mitten im Zentrum der Millionenmetropole Singapur, blitzt und blinkt es. Dass ihre Stadt so sauber ist, verdanken die Singapurer drakonischen Strafen.

Kaugummi aus der Apotheke

Wer es wagt, Glimmstengel oder Bonbonpapier auf die Straße zu werfen, zahlt 1000 Singapur-Dollar (500 Euro) Strafe. Coladosen und Papiertaschentücher, die nicht in der Tonne landen, kosten das Doppelte. In der U-Bahn ist es bei Strafe verboten zu essen, man darf nicht einmal trinken. Und damit die Bürger des Stadtstaates gar nicht erst in Versuchung geraten, ihren Kaugummi auf die Straße zu spucken, drohten bis vor kurzem sogar Geldbußen beim bloßen Besitz von Kaugummi. Immerhin: Das seit 1992 bestehende Kaugummi-Verbot wurde gelockert. Kaugummis mit therapeutischem Nutzen können - neuerdings sogar ohne Rezept - in Apotheken erstanden werden.

Ganz freiwillig haben sich die Saubermänner des Fernen Ostens nicht auf die neue Freiheit zum Kaugummi kauen besonnen. Die freiheitsliebenden Amerikaner haben mächtig Druck gemacht, insbesondere der US-Bundesstaat Illinois. Dort, genauer gesagt in Chicago, hat Wrigley's, weltweit größter Kaugummi-Produzent, seinen Hauptsitz. Verbissen drängte man darauf, das Verbot zu lockern - mit Erfolg. Seitdem das neue Freihandelsabkommen in Kraft getreten ist, sind in Singapurs Apotheken zwei Sorten Wrigley's Kaugummi zu finden: für frischen Atem und für Raucher. Die lange Liste von Verboten und Strafen in Singapur mag für Europäer und Amerikaner zwar teilweise absurd klingen, doch wer andere Städte in Asien kennt, wird die Sauberheitsfanatiker dort sehr zu schätzen wissen. Bangkok oder Kuala Lumpur, aber auch Hongkong gelten als dreckig. Zu Beginn der 90er war das auch in Singapur nicht anders. Dann musste die Freiheit der Sauberkeit weichen. Und da man gerade dabei war, hat man auch den lästigen Trunkenbolden in den Bars übel mitgespielt: Bier und Alkohol wurden verteuert, sogar das Tanzen auf Tischen unter Strafe gestellt. Kostenpunkt bei Zuwiderhandlung: bis zu 10.000 Singapur-Dollar.

Girls, Gays und Gum

Doch inzwischen sind die Singapurer schwer damit beschäftigt, ihren Ruf als "Fine City" - Stadt der Strafen - zu revidieren. Wer in einer globalen Spaßgesellschaft die begehrten Touristen abgreifen möchte, darf sich nicht als Spaßbremse präsentieren. Da die Zahl von 8,3 Millionen Gästen im Jahr bis 2015 aber verdoppelt werden soll, haben sich die Stadtoberen ein neues Image verschrieben. Den Mittelpunkt der neuen Freiheit bilden die drei G's: "Girls, Gays und Gum" - Mädchen, Schwule und Kaugummi. Inzwischen ist der Tresentanz von leicht bekleideten Mädchen wieder genehmigt, das Kaugummiverbot gelockert. Noch wichtiger ist die Genehmigung, Schwule und Lesben künftig auch in höchste staatliche Ämter vorzulassen. Ein Novum in einem asiatischen Staat.Hinter der geänderten Gesetzgebung steckt keine neue Freiheitsliebe, sondern wirtschaftliche Erwägungen. Der Stadtstaat will die Kreativbranchen anlocken: Werber, Agenturen, Softwareentwickler. Die aber wollen ihre Freiheiten. Und da unter der Gruppe der Kreativen auch besonders viele Schwule anzutreffen sind, war eine Lockerung der Gesetzgebung dringend geboten.Von allen Maßregelungen wird Singapur sich allerdings nicht verabschieden. Es wird weiterhin verboten sein, Wasser in Blumenuntersetzern stehen zu lassen. Die absurd klingende Regelung macht vielleicht sogar am meisten Sinn: Im Malaria gefährdeten Singapur sollen Mücken im seichten Brackwasser keine Möglichkeit zum Brüten finden.

Jens Maier

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