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Golfemirat: Dubai - tausend und eine Welt

Schnee in der Wüste, fliegende Taxis, künstliche Inseln. Dubai beherbergt Gesellschaften und Kulturen – ohne sie zu vereinen. Unterwegs in einer globalen Metropole.

Von Raphael Geiger

Unten: Duett im Schleier. Arabische Frauen in der Karaoke-Bar des "Hub Zero", eines Vergnügungszentrums inmitten einer Shoppingmall

Unten: Duett im Schleier. Arabische Frauen in der Karaoke-Bar des "Hub Zero", eines Vergnügungszentrums inmitten einer Shoppingmall

Vielleicht ist Dubai eine sehr menschliche Stadt. Sie will den Menschen nicht erziehen. Mal dekadent sein, ein bisschen oder auch sehr. In Dubai ist Prahlen und Prassen erlaubt, die Stadt ist ein Fest des Größenwahns. Skifahren in einer Shoppingmall zum Beispiel, das ist okay, denn Dubai stellt ja selbst absurde Dinge an. Schüttet künstliche Inseln in Form einer Palme auf. Baut das höchste Gebäude der Welt. Lässt bald die erste Taxidrohne fliegen.

Man darf sich hier abschotten von den Problemen der Welt, von der Not der anderen – träumen davon nicht viele? Ruhe in einer unruhigen Welt, beschützt von Mauern und Security-Posten. Das versprechen die "gated communities", die abgeriegelten Wohngebiete.

Ein bisschen Kamelfolklore und Oasenfeeling in der Wüste

Ein neues Leben beginnen, die eigene Geschichte vergessen, auch das ist Dubai, es ist wie gemacht für Neuanfänge. Man kann hierherziehen und ein anderer sein. Dubai ist wie eine Bühne, jeder darf sich selbst spielen, und die Rolle darf er sich aussuchen. Dubai ist wie die ganze Welt im Kleinen, neun Ausländer auf einen Einheimischen, ein vollkommen globalisierter Ort, ohne eigene Identität.

Da ist ein bisschen Kamelfolklore, ja, und Oasenfeeling in der Wüste. Es gibt eine Altstadt, die herausgeputzt ist wie ein Freiluftmuseum und deshalb fast genauso künstlich wirkt wie alles um sie herum. Das alte Dubai ist so klein neben alldem, was in den vergangenen Jahren entstand, und die Kultur der Beduinen so sehr konserviert und für Touristen aufbereitet, dass es in manchen Momenten scheint, als sei auch sie nur eine der Shows in den Themenparks.

Wolkenkratzer der Zukunft?: Dieses Hochhaus dreht sich um sich selbst

Ist es eigentlich eine Stadt? Gehört dazu nicht eine gewachsene Struktur, etwas, was über Generationen entstand und mit ihr verbunden wird?

So wie es It-Girls gibt, die berühmt dafür sind, berühmt zu sein, so ist Dubai vielleicht eine It-Stadt. Sie verkauft sich selbst. "Ein Ort zum Geldverdienen und zum Geldausgeben", sagt Fotograf Nick Hannes, der für sein Projekt viermal nach Dubai gereist ist. Er hat mal in einem pakistanischen Hotel gewohnt und mal bei Belgiern in einer gated community.

Träume lassen sich realisieren, darin liegt das Versprechen

Was er fand, ist eine Fläche, auf die alle ihre Hoffnung projizieren: Bauarbeiter aus Pakistan, die hier in einfachsten Baracken hausen, aber viel mehr als zu Hause verdienen; deutsche Immobilienmakler, die sich das große Geld versprechen und es vielleicht auch bekommen. Träume lassen sich realisieren, darin liegt das Versprechen. Weil alles hier von Menschen gemacht ist, erscheint auch alles machbar.

Viele von Hannes' Fotos sehen aus, als seien sie an einem Filmset entstanden. Nichts stört, die Menschen sind wie Figuren. Gerade posieren sie für den Fotografen, aber eigentlich tun sie ja nie etwas anderes. Um irgendeine Pose geht es in Dubai immer.

Die Bewohner dieses Orts treffen sich nicht, sie leben nebeneinanderher. Dubai ist eine echte Multikulti-Stadt, aber die Menschen mischen sich nicht. Es gibt keine Zufälle, keine Überraschungen. Das Leben ist äußerst berechenbar. Suchen nicht viele von uns genau danach? Nach dem Bekannten, nicht dem Fremden? Dubai hat diesen Wunsch perfektioniert.

Weil diese Stadt kein Zentrum hat und kaum jemand zu Fuß geht, verlaufen die Wege getrennt. Jeder bleibt für sich, auf seinem täglichen Weg des Geldverdienens oder -ausgebens. So kam es, weil immer mehr Menschen so leben wollten und Dubai dieses Leben im Angebot hatte. Ein funktionierendes Geschäft, die Einwohnerzahl steigt Jahr für Jahr.

Die Freiheit in Dubai ist die der Drinks in den Nachtclubs

Man einigt sich auf eine Art amerikanisch-westliche Alltagskultur, garniert mit etwas Orient, man spricht Englisch, man stört sich gegenseitig nicht. Niemand ist, wie man in Deutschland sagen würde: integriert. Manche machen mehr Geld, andere weniger, aber alle machen mehr als dort, wo sie herkommen. Zusammen sind sie 1001 Parallelgesellschaften. Es geht.

Die Freiheit in Dubai ist die der Drinks in den Nachtclubs, nicht die der Demokratie und freien Wahlen. Niemand will Dubai verändern, sondern jeder nur das eigene Leben. Es gibt keine Politik mehr, nur Wirtschaft. Der regierende Herrscher Scheich Maktum redet wie ein Motivationstrainer. Und alle, die hierherkommen, wollen nur eins sein: Gewinner.

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