Hawaii Für eine Hand voll Dollar


Spektakuläre Landschaften, endlose Sandstrände und weitab vom Rest der Welt: Das ist Kauai im Pazifischen Ozean. Als Reiseziel rückt es näher, seit der Dollar so günstig ist.

Zuerst sind da die Hühner. Du landest in Lihue, schlenderst zum Autoverleih, und da sind sie: Hühner, überall. Haushühner, Wildhühner, Blesshühner. Auf den Straßen, bei den Wasserfällen, am Rande der Vulkane. David Hayes aus Nebraska schrieb ins Gästebuch: "Die Insel ist ein Traum. Alles war ein Traum. Aber die Hühner! Punkt vier Uhr morgens krähte der Hahn. Eine Woche lang. Kauai war ein Traum. Aber jetzt bin ich müde. Aloha."Der Besucher ist gewarnt - und wird erst mal enttäuscht. Kein Hahnenschrei morgens um vier. Nichts als absolute Ruhe. Vielleicht hatte David aus Nebraska nur einen Mai-Tai zu viel, denn der ist günstig auf Hawaii, vier Dollar, und zwar nicht nur für Europäer und wegen des günstigen Wechselkurses. Vielleicht also hatte David bloß zu tief ins Glas geblickt. Und vielleicht ticken und picken selbst die Hühner auf Kauai anders als die in, sagen wir, Kalifornien oder Iowa, die bestimmt morgens um vier krähen. Aber auf Kauai gehen die Uhren anders, langsamer.

Touristen? Am offenen Mund zu erkennen

Die örtliche Zeitung heißt "The Garden Island" und berichtet über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: Surfen, Kanu-Rennen, Wettkämpfe der Strandwächter und immer wieder das Wetter. Sonne, Lufttemperatur 26 Grad, Wassertemperatur 24 Grad, leichter Wind, ein paar Tropfen Regen. Tagaus, tagein. Seit fünf Millionen Jahren geht das da so. Und wenn in Washington, 13 Flugstunden entfernt, der Präsident wieder mal groben Unfug anstellt, steht das entweder gar nicht oder nur klein in der Zeitung. Das Festland ist weit, und der Rest der Welt erst recht. Kein Hahn kräht danach. Auf Kauai fahren die Feuerwehrautos noch mit Surfbrett auf dem Dach herum. Touristen, schreibt der Hawaii-Liebhaber und Buchautor Andrew Doughty, seien auf der Insel leicht zu erkennen, weil sie ständig mit offenem Mund umherliefen und ihnen vor Verzückung der Sabber aus den Mundwinkeln triefe. Der Selbstversuch deckt sich mit Doughtys Beschreibung. Selten, nein, noch nie so gestaunt. Das ist das größte Problem mit Kauai: Wer dorthin fährt, ist versaut für den Rest des Lebens, weil: einmal und immer wieder.

Gipfel des Waialeale ist regenreichster Ort der Erde

Der Tourist sieht den gewaltigen Berg Waialeale, genauer: ahnt den gewaltigen Berg, weil der stets in dichte Regenwolken gehüllt ist und es auf dem Gipfel, regenreichster Ort der Erde, ununterbrochen schüttet. Kommt an Strände wie Tunnels Beach und trifft dort selbst in der Hochsaison gerade mal drei einsame Schwimmer aus West Virginia und vier Hühner. Beobachtet beim Schnorcheln bunte Fische, die Namen tragen wie Kihikihi oder Humuhumu, und isst abends welche, die Opakapaka heißen. Fährt mit dem Wagen die Küste entlang von Hanapepe bis Hanalei, sieht am Straßenrand Einheimische, die unentwegt winken und folgert: "Aha, gleich kommt eine Radarkontrolle." Doch es kommt keine. Stattdessen kommen weitere Einheimische, die winken. Da drängt sich der Gedanke auf: "Entweder sind die alle glücklich oder high." Das ist Kauai: schönste der hawaiianischen Inseln. 58.000 Einwohner, 1429 Quadratkilometer, 182 Kilometer Küste, davon 80 Kilometer Sandstrand. In der Mitte vulkanische Berge und gewaltige Schluchten, Waimea allen voran, die Mark Twain vom "Grand Canyon des Pazifiks" schwärmen ließ. Die Insel ist ein Regenbogen, blaues Meer, rote Vulkanerde, grüne Regenwälder, weißer Sand. Hawaii ist erdgeschichtlich der jüngste Fleck, und zum guten Schluss hat sich der liebe Gott offensichtlich noch mal richtig ins Zeug gelegt.

Die ganze Welt im Mikrokosmos

Gewiss, alle hawaiianischen Inseln sind sehenswert, aber Kauai ist der Primus inter Pares, weil es alles gibt, die ganze Welt im Mikrokosmos. Weshalb die Filmschaffenden seit vielen Jahren auf die Insel reisen. Mehr als 60 Spielfilme wurden dort gedreht; mal doubelte Kauai Vietnam ("Die verwegenen Sieben"), mal Afrika ("Lautlose Killer"), mal Costa Rica ("Jurassic Park"), mal Australien ("Dornenvögel"), und schließlich durfte die Insel auch sie selbst sein: in "Blaues Hawaii" mit Elvis Presley. Dem Besucher wird flott klar, warum vor 1500 Jahren eine Abordnung von Polynesiern, als sie nach langer und gefährlicher Seefahrt mitten im Pazifik auf diese kleine Inselgruppe stieß, nicht mehr weiterwollte. Was die Abenteurer gefunden hatten, war nicht mehr und nicht weniger als das Paradies. Dort lebten sie in Ruhe und in Frieden und würden das vielleicht auch heute noch tun, wenn sich James Cook im Januar 1779 auf der Suche nach der Nordwest-Passage nicht so entsetzlich verfahren hätte. Cook entdeckte Hawaii bei einer Irrfahrt durch den Pazifischen Ozean, und fortan war's vorbei mit der Ruhe.

Keine Betonburgen, nicht mehr als vier Stockwerke

Kurzzeitig versuchten die Russen 1815 die Insel zu besetzen, dann kamen die Amerikaner und machten das, was sie immer schon gern gemacht haben: Sie annektierten Hawaii. Aber Kauai blieb Kauai und erfrischend unamerikanisch. Kein Haus, kein Hotel soll höher sein als vier Stockwerke, was einer stattlichen Palme entspricht. Und was ein ziemlicher Kontrast ist zum wuseligen Honululu mit den Betonburgen von Waikiki Beach und den Horden von Japanern, die Pearl Harbor besuchen und sich dort lachend und feixend vor versenkten Schlachtschiffen fotografieren lassen.

Kauai ist anders, zurückgeblieben auf angenehme Weise. Kauai ist wie ein Gedicht, und eines über die Insel endet so: "He wai e mana, he wai e loa. E ola no e-a" - "das Wasser des Lebens. Leben, gib uns Leben". Hawaiianisch klingt entspannend weich und beschwingt, wie ein ewiges Lied. Vermutlich hört sich sogar das Ausstellen eines Parkzettels auf hawaiianisch noch lieblich an. Dem Besucher dämmert, dass dieses ewige Lächeln der Einheimischen kein genetischer Defekt ist, denn er ertappt sich selbst dabei. Auf Kauai lachen ja sogar die Hühner.

Ein Herz für Touristen - und für Tiere

Die tollsten Dinge lassen sich auf der Garteninsel erleben, ganz abgesehen von Kanufahren, Wandern, Schwimmen, Reiten, Tauchen, Schlemmen und Staunen. Zum Beispiel Seelöwen, die an den Strand von Poipu robben und sofort eine ältere Dame vom örtlichen Seelöwenschutzbund anrücken lassen, um die Badenden aus dem Wasser zu scheuchen. Hawaiianer haben zwar ein großes Herz für Touristen, aber ein noch größeres für Tiere. Vor allem eben für Hühner, die nach dem verheerenden Tornado Iniki 1992 ausbüxten aus den Farmen, kein Zaun mehr weit und breit, und sich seitdem vermehren wie nur Hühner das können. Wildhuhn mit Haushuhn, Haus- mit Blesshuhn, Blesshuhn mit Wildhuhn.Iniki kostete die Insel Millionen, Hotels wurden zerstört, Touristen blieben aus. Aber die Insel hat auch diese Katastrophe gemeistert, und neue Hotels entstanden, prächtig, aber nicht protzig. Die Besucher kommen zurück, fast eine Million im vergangenen Jahr, auch weil der Dollar schwach und Asien nicht weit ist. Womöglich wird selbst Kauai eines nicht mehr fernen Tages an Charme verlieren. Los Angeles ist gerade mal fünf Stunden entfernt, und in den Fliegern sitzen immer mehr Immobilienhändler, die das Paradies vermarkten wollen. Es sind Leute wie Josh Ruffkoff, der Time-Sharing-Objekte verhökert, was man sich spaßeshalber anhören kann an einem frühen Samstagmorgen, und wenn auch nur, weil es dafür Ermäßigung für einen Hubschrauberflug gibt.

Billiger Rundflug, ohne Premium-Paket

Josh wollte dringend Premium-Pakete loswerden. "Sie zahlen nur 250 Dollar pro Monat und dürfen dafür zwei Wochen Urlaub machen!" Er zeigte die schönsten Apartments mit Blick aufs Meer und hörte auch nicht auf zu quatschen, als man nach 90 Minuten ermattet damit herausrückte, dass man nur hier sei, um die Ermäßigung für den Flug abzustauben. Im Hintergrund gab es vereinzelte Beifallsbekundungen, ein Kollege von Josh rief durch den Raum "George aus Atlanta hat soeben das Premium-Paket gekauft." Man rettete sich erschöpft auf die Herrentoilette und fragte dort seinen Nachbarn, ob er auch hier sei wegen der Ermäßigung für den Hubschrauberflug. Worauf der ziemlich verblüfft guckte und sagte: "Nein, ich bin George aus Atlanta, ich habe gerade das Premium-Paket gekauft." Man gratulierte George aus Atlanta und trollte sich mit schlechtem Gewissen.Welches verflog, im Sinne des Wortes, beim Hubschrauberflug, Sonderpreis 220 Euro für vier Personen, über die Insel. Ermäßigt oder nicht - das ist ein Muss auf Kauai. Hubschrauberfliegen allein ist schon ein Erlebnis, Hubschrauberfliegen auf Kauai das höchste der Gefühle, vielleicht das zweithöchste, aber immerhin. Der Pilot, Raymond, war von der Sorte "Ich bin auch schon im Krieg geflogen", trug Minipli und Schnäuzer und warnte, dass man den Mund während des Fluges nicht zu weit öffnen solle vor Staunen, wegen, logisch, akuter Sabbergefahr. Raymond flog in Krater und Täler, stoppte vor gewaltigen Wasserfällen, kurvte über weite Ebenen und um den Vulkanberg Waialeale, den regenreichen. Nach einer Stunde landete Raymond auf dem kleinen Flughafen von Lihue. Man entstieg sprachlos, lächelte versonnen. Ein Huhn lief übers Rollfeld.

Das Gästebuch kündet von Fischen und Hühnern

Am Tag des Abschieds, 26 Grad, Sonne, leichter Wind wie immer, verkündete die Lokalzeitung auf der Titelseite, dass die Strandwächter von Kauai den großen Strandwächter-Wettbewerb auf Oahu gewonnen hätten und nun die dollsten Strandwächter von ganz Hawaii seien. Von George W. Bush stand wieder keine Zeile in der Zeitung. Aloha.Ins Gästebuch schrieb man viel über Tiere, von bunten Fischen im Meer wie Aweoweo, von köstlichen Fischen im Bauch wie Mahi Mahi, von Geckos im Schlafzimmer, von Seelöwen am Strand. Und von den vielen Hühnern natürlich. Es war ein schwerer Abschied. Im Flugzeug zurück nach San Francisco, fünf Stunden, waren die Zeitungen voll mit Bush und Schneestürmen in New York. Man sehnte sich zurück, tagträumte ein wenig von der Insel und wurde jäh herausgerissen. Die Stewardess fragte: "Nudeln? Oder lieber Huhn?"

Michael Streck print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker