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Leela Hotels Indien Vom Freiheitskämpfer zum Hotelier

Im Alter von 65 Jahren ging Captain C.P. Nair nicht in den Ruhestand, sondern eröffnete sein erstes Hotel. Mit seinen im Frühjahr in Dehli eröffneten Luxushaus ist der rastlose Inder auf Expansionskurs. Sein Motto: Meditieren, im eigenen Garten herumpusseln und Erfolg haben.
Von Swantje Strieder

Das Taj Mahal sieht so richtig zum Anbeißen aus. Ist es auch. Indiens größtes Kulturdenkmal steht in Miniatur auf meinem Nachttisch im Hotelzimmer. Ein dreißig Zentimeter hohes Patisserie-Kunstwerk aus weißem Zuckerguß, dazu mein Namensschildchen aus feiner Schokolade "Willkommen im Leela-Hotel Mumbai". Pantoffeln, flauschiger Bademantel, Duftwässerchen und acht Whiskysorten in der Minibar. Damit verwöhnen auch andere Luxushotels ihre Kundschaft. Aber die indische Leela-Kette, die seit einigen Jahren mit der deutschen Kempinski-Gruppe liiert ist, möchte mehr: nach ganz oben auf den Olymp der internationalen Hotellerie.

"Der Gast ist Gott" heißt bei uns ein altes Sanskrit-Sprichwort", sagt Captain C. P. Krishnan Nair, der 1987 die Leela-Hotel-Gruppe in Mumbai, das damals noch Bombay hieß, gründete, "wir wollten nicht irgendeine Luxusmarke sein, wir wollen das Besondere, den Flair, die Farben und Magie Indiens vermitteln." Der alte Herr im weißen Seidenanzug, der mir in der Präsidentensuite im 8. Stock des Leela-Hotels gegenüber sitzt, nimmt die Mission der hohen Gastlichkeit ernst.

Ob es die Lobby des Leela ist, die mit ihren warmen Farben, Krishna-Statuen, Götteraltären und Mosaiken aus frischen, bunten Blüten an einen feierlichen Tempel erinnert, die raffinierte indische oder internationale Küche in den Hotel-Restaurants oder die freundliche Effizienz des Personals, überall merkt man die Lebensphilosophie des Senior-Chefs: "Meditieren, im eigenen Garten herumpusseln und Erfolg haben!"

Was die Gärtnerei betrifft: Natürlich packt er nicht mehr persönlich den Spaten an, dazu hat er ein Heer von Ober- und Untergärtnern, die den Leela-Palmengarten, eine grüne Oase in der Betonwelt Mumbais, hegen und pflegen. Aber der Chef ist sein eigener Gartenarchitekt, der kontrolliert, ob jedes Pflänzchen an seinen Platz ist. Und wenn etwa die Dame von Zimmer 711 unbedingt Lotusblumen haben möchte, dann pflückt der Chef ihr schon mal persönlich ein Bouquet: der Gast ist Gott! Dass all dieser göttliche Service auch in Indien einen exorbitanten Preis hat, versteht sich von selbst.

Der Entscheider mit dem silbernen Krückstock

"Als wir vor etwas über zwanzig Jahren das erste Leela-Luxushotel am Mumbaier Flughafen eröffneten, dachten meine Kollegen, ich spinne", lächelt der inzwischen 89-jährige Unternehmer, der noch immer sein Imperium regiert. Seinem Sohn überlässt er gerne das Tagesgeschäft, aber nicht die großen Entscheidungen. Die Großen im Fünf-Sterne-Business wie etwa das Taj-Hotel und das Oberoi liegen nämlich ganz im Süden der 18-Millionenstadt, mehr als anderthalb Autostunden vom Flughafen entfernt. Das Leela Kempinski dagegen zehn Minuten vom Airport - und keine zwanzig Minuten vom berühmten Juhu Beach. "Hier draußen gab es früher nur Fabriken, ein paar Kühe und Slums, aber wir wollten nicht nur die Pioniere, sondern die Besten sein".

Er zeigt mit dem silbernen Krückstock aus dem Fenster des Leela-Palastes, wo im tropischen Dunst Mumbais heute dutzende moderner internationaler Hoteltürme aufragen. Die Konkurrenz hat nachgezogen. "Anfangs standen meine Frau und ich auch um drei Uhr nachts, wenn die Flieger aus Europa und Nahost landen, am Empfang, um zu sehen, dass unsere Gäste auch wirklich aufs Beste empfangen wurden". Mit Blumengirlanden, Lächeln und Effizienz.

Pioniergeist hatte C.P. Nair, 1922 im südindischen Kerala geboren, schon immer. Schon als 13-Jähriger schloss er sich dem Unabhängigkeitskampf gegen die Briten an, wurde später Hauptmann der jungen Armee im unabhängigen Indien, weshalb er noch heute vom indischen Premier Mammohan Singh bis zum Leela-Hotelpagen "Captain Nair" genannt wird. Als 28-Jähriger quittierte er den Militärdienst und heiratete seine Leela, die schüchterne 18-jährige Tochter eines keralesischen Textilunternehmers.

Vom Tuchmacher zum Hotelier

Zurückhaltung und Schüchternheit legten sich schnell. Herr und Frau Nair waren bald die bekanntesten Unternehmer Indiens, erst im Gewürzhandel von Kardamon, Kurkuma, Pfeffer bis Vanille erfolgreich, dann als Textilkönige. Leela sorgte dafür, daß 25.000 Fischersfrauen, die nicht lesen und schreiben konnten, eine Schulbildung bekamen und Näherin lernten. Er revolutionierte die indische Baumwollindustrie, ließ neue Stoffe kreieren, bis jedes Kind in Indien die Hausmarke "Leela Laces" kannte. Dann kam, als das Ehepaar Nair schon im Rentenalter war, als jüngstes Baby die Hotellerie dazu.

Warum aber fing er, der erfolgreiche Unternehmer, mit 65 Jahren noch einmal von vorne an? "Genau das hat mich mein Freund, der Dalai Lama, auch gefragt", sagt Captain Nair vergnügt. "Warum ich mir das in meinem Alter noch antäte!" und vermerkt nebenbei, daß das Oberhaupt der Tibeter sich, wenn er im Mumbai sei, im Leela wie zuhause fühle. Aber der Traum vom eigenen Luxushotel sei sehr viel älter. "Als ich 1957 mit der ersten ausländischen Handeldelegation ins Nachkriegsdeutschland kam und mit Ludwig Ehrhard verhandelte, war ich so beeindruckt von der deutschen Gastlichkeit, dass ich mir sagte: Das machst du eines Tages auch!" Ganz im indischen Stil.

Matuli, die junge Medienmanagerin im rotgoldenen Sari bringt schwere Kunstbücher und Baupläne herbei. Bald sieht der Tisch der Präsidentensuite wie ein Architekturstudio aus. "Schauen Sie, unser Juwel" sagt Captain Nair und zeigt auf das Umschlagfoto eines Kunstbuches", wo sein Leela Palace in Bangalore abgebildet ist. "Es wurde 2007 als bestes Business Hotel der Welt ausgezeichnet", souffliert Assistentin Matuli und drückt mir die dreiseitige Liste der Auszeichnungen und Preise, die die Leela-Familie weltweit eingeheimst hat, in die Hand. Am meisten habe ihn die 2008-Auszeichnung des amerikanischen Magazins Business Week für sein Lebenswerk gefreut, als Senior unter lauter "Jungen". Aber jetzt beugt er sich über die Pläne und erklärt mir eine moderne Glasbaukonstruktion, das Leela in Dehli, das kurz vor der Vollendung steht und das Leela-Hotel in Udaipur. "Das wird die Pracht der alten Maharaja-Paläste von Rajasthan noch in den Schatten stellen", sagt er stolz.

Der General ruft

Und dann natürlich Goa, die Orchidee im Strauß der Leela-Hotels. Ein romantisches Luxusressort, das wie eine Tempelanlage am einsamen weißen Strand liegt, in einem riesigen Palmenhain. Überhaupt die Palme, philosophiert der alte Herr, der sich heute als Umweltkämpfer bezeichnet. "Sie ist unser schönster und nützlichster Baum. Wir Inder brauchen die Kokospalmen, ihre Früchte, Fasern, Blätter zum Leben, und die Palme braucht uns zur Pflege." Da klingelt ein Handy in den Raum. "Sorry, Captain Nair, Ihre Frau", haucht eine Assistentin und reicht dem alten Herrn das Handy. " Oh je, Leela... nein, natürlich habe ich unser Mittagessen nicht vergessen!" Der Hauptmann erhebt sich mühsam. "Seit über 50 Jahren im Ehedienst, der General ruft!"

Beim Abschied sehe ich plötzlich, daß er derbe Rapper-Turnschuhe zum feinen Seidenanzug trägt. "Wie finden Sie die? Hat mir meine Enkelin aus den USA mitgebracht!" Und winkt mit dem silbernen Krückstock, bis sich die Tür des Hotelfahrstuhls schließt.


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