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Malediven: Einmal Robinson Crusoe sein

Es gibt Dinge, die vertragen sich einfach nicht. Dazu gehören der Sand am Strand und Schuhe an den Füßen. Zumindest nicht auf der Malediveninsel Dhoni Mighili.

Sand ist ein natürlich vorkommendes Sediment mit einer Korngröße von 0,063 bis zwei Millimeter, das aus zerkleinertem Gestein besteht. Er kann auch aus Korallenskeletten bestehen. Und aus Quarz. Er kann schwarz sein, grün, weiß, grob, mittel, fein. Oder einfach perfekt. Wie auf Doni Mighili, einer kleinen Insel inmitten der Malediven.

Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach blütenweißem Sand, kristallklarem Wasser, ein paar Palmen in der Mitte und sonst nichts. Echter Luxus findet ohne Schuhwerk statt, wirkliche Freiheit kann nur strumpflos sein. Barfuß an einem Strand entlangzulaufen, macht Spaß. Im Sand auf Dhoni Mighili macht es glücklich. Diese kleine Insel hat den feinsten Sand, den der gestresste Fuß eines Stadtneurotikers erleben kann. Doch nicht nur deshalb ist ein Besuch auf Dhoni Mighili etwas ganz Besonderes.

Anreise im Liegestuhl

Schon die Anreise auf das kleine Eiland unterscheidet sich von anderen Robinson-Inseln in den Weltmeeren. Der Gast wird vom Flughafen der Hauptstadt Male mit seinem privaten Dhoni, einem traditionellen Bootstyp der Malediven, abgeholt. Statt beschwerlicher Weiterreise in einem Seelenverkäufer oder per Wasserflugzeug können sich die Urlauber sofort in der bootseigenen Dusche frisch machen. Bei Temperaturen über 30 Grad ist dies allein schon ein kleines Stück Lebensart. Das Dhoni ist nicht irgendein Schiff. In Handarbeit gefertigt, werden auf 20 Meter Länge nur die edelsten Hölzer verwendet. Die beiden Masten sind aus wertvollem Bayan-Baum gefertigt. Am Heck sitzen die Segler gemütlich im Liegestuhl, am Bug hinter der Kajüte liegen zwei überdimensionale Matratzen, die zur Entspannung unter den großen Segelflächen einladen. Die Kajüte besteht aus einer großzügigen Wohnküche. Die traditionellen Formen des Dhonis werden mit hochmoderner Technik und exklusivem Design kombiniert, das der französische Designer Philip Starck entworfen hat. Die Crew besteht aus Kapitän, zwei Matrosen und einem Butler, der sich in der maledivischen Kultur “Thakuru” nennt. Abu ist ein solcher Thakuru. Er kommt von einer der Nachbarinseln auf dem Ari-Atoll. Aber er ist kein reiner Dienstbote, sondern ein findiger Wegweiser in allen Lebenslagen: eloquent, charmant und dezent zurückhaltend.Der Thakuru ist nicht nur an Bord der Chef de Plaisir, sondern auch auf der Insel.

Enspannung wie zu Hause

Doch trotz Butler vermittelt Dhoni Mighili intensives Robinson-Crusoe-Feeling. Auf der Privatinsel gibt es lediglich sechs Bungalows - zu den sechs Dhonis -, ein Haupthaus und ein kleines Spa. Alle versteckt hinter Palmen und Mangroven. Jedes Mehr wäre ein Zuviel. Lässigkeit ist die Maxime. Kein Glitter und Glamour; viele Menschen, die hier stranden, sind sonst permanent dem Rampenlicht ausgesetzt und wollen wenigstens kurze Zeit einfach nur sie selbst sein. “We are not a resort, we are a home”, sagt Tom McLoughlin, Managing Director von Per Aquum Resorts und Spas, der Betreiberfirma von Dhoni Mighili. Er ist sich bewusst, dass durch dieses Konzept automatisch eine Selektion der Gäste vorgenommen wird. Wer sehen und gesehen werden will, ist hier fehl am Platz. Keine glamouröse Eingangshalle heißt den Gast willkommen. Dafür gibt es in jedem Zimmer einen i-Pod mit einer Auswahl von 9000 Songs. Und eben diesen Sand. David O'Hara, Manager der Insel, lächelt, wenn er berichtet, hartgesottene Vorstände großer Firmen seien schon dabei beobachtet worden, wie sie stundenlang mit den Füßen im Sand gescharrt hätten und dabei richtig entspannt wirkten. Die von vielen Urlaubern gefürchtete Malediven-Langeweile bleibt aus. Das eigene Dhoni eröffnet die Welt unzähliger Inseln. Jeden Tag kann der Gast neue Ziele erkunden, auf dem Schiff übernachten oder zurück zu Dhoni Mighili segeln, “chacun à son gôut”. David O'Hara erzählt, dass Gäste mit Koffern voll Büchern angereist seien und alle wieder ungelesen mit nach Hause genommen hätten.

"Tischlein-deck-dich" in der Brandung

Auch unser Dhoni ist startklar, alle Mann barfuß, die Segel gehisst und mit einem Getränk in der Hand geht es auf Entdeckungstour. Der Thakuru dirigiert den Kapitän zu einem der schönsten Schnorchelreviere im Ari-Atoll. Nicht weit entfernt wartet schon ein erster Geheimtipp: Namenlos, unbewohnt und von den Einheimischen “Five Palm Island” genannt. Diese Bilderbuchinsel entspricht jedem Klischee einschlägiger Werbespots: Fünf stattliche Palmen auf einem Eiland mit schneeweißem Sand wiegen sich im Wind, Kormorane stehen steif in einer Bucht, zwei Generationen Wasserschildkröten sonnen sich in einer anderen. Rundherum schützt ein kleines “Hausriff” das Eiland, in zehn Schwimmzügen ist es erreichbar. Abu und seine Helfer zaubern einen Tisch, zwei Stühle und einen Schirm in die Brandung, dorthin, wo die Wellen auslaufen und die Füße kühlend umspülen. Der frisch gefangene Thunfisch wird an Bord zubereitet und per Beiboot zu Tisch gebracht. Nachdem sich die Crew auf das Dhoni zurückgezogen hat, bleiben die Urlauber allein zurück mit ihrem “Tischlein-deck-dich” - und einem tiefen Gefühl von Glück.

Urlaub ohne Schuhe

Am Abend fällt der Anker des Dhoni irgendwo inmitten des Indischen Ozeans. Die Nacht auf leicht wogenden Planken zu verbringen, mit dem Blick auf die Silhouette naher Eilande, verbreitet Sicherheit und schenkt doch so viel Freiheit. Die Atmosphäre erinnert einmal mehr an Stevensons “Schatzinsel” und den gestrandeten Robinson Crusoe.Erst nach der Abfahrt fällt manchem Besucher ein, dass er etwas vergessen hat. Nicht die Klassiker Zahnbürste oder Rasiermesser. Seine Schuhe. Sie stehen immer noch da, wo sie bei der Ankunft ausgezogen wurden: direkt neben dem Bootssteg im Sand.

Oliver Jacobi
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