Neujahr in Thailand Wasserschlacht und Kreidekrieg

In Thailand wird das neue Jahr nicht mit Feuerwerk, sondern mit einer landesweiten Wasserschlacht begrüßt. Am 13. April ziehen mit Pistolen, Schläuchen und Talkumpuder bewaffnete Gangs durch die Straßen. Trockenbleiben ist so unmöglich wie unhöflich.
Von Heike Sonnberger, Bangkok

Bürgermeister Somsak Ganjanawattana tanzt ausgelassen durch die Straßen seines Dorfs Ko Kuat rund 250 Kilometer nordöstlich von Bangkok. Sein Gesicht ist mit einer Paste aus Talkumpuder und Wasser weiß verklebt. Sein buntes Hemd und die Blütenkette um seinen Hals hängen nass an ihm herunter. Er lacht verschmitzt über das ganze Gesicht.

Am 13. April findet in Thailand das Neujahrsfest Songkran statt. Heute beginnt nach hiesiger Zeitrechnung das Jahr 2550 nach Buddha - mit einer landesweiten Wasser- und Puderschlacht, die kein Hemd trocken und sauber lässt. Entlang der Straßen in Ko Kuat schaufeln Kinder und Eltern aus brusthohen Kübeln Wasser auf vorbeifahrende Autos oder spritzen es aus Schläuchen und Pistolen auf Passanten. Aus Hauseingängen lösen sich Pulks von Mädchen und schmieren Hände voller Talkumpaste nach einer höflichen Verbeugung in die Gesichter der Durchnässten.

Vom Ahnenkult zur Spaßparty

Der Tag begann harmlos. Morgens um acht versammelt sich das Dorf im Tempel, um der Ahnen zu gedenken und das neue Jahr segnen zu lassen. Neben einem Altar mit Buddha-Statuen, Kerzen und Vasen voller Plastikblumen bahren die Gläubigen Reis, Curry, Früchte und Wasser vor einer Reihe kniender Mönchen in braungelben Roben auf. Ein Portrait des Königs an der Wand schaut streng auf die Leute hinunter, die auf Matten auf dem Boden sitzen. Die zwölf Mönche murmeln Gebete über gesenkten Köpfen. Der älteste von ihnen läuft durch die Reihen und spritzt Wasser aus einer silbernen Schale auf seine Gemeinde.

Songkran ist ursprünglich ein tief religiöses Familienfest. Kinder kehren nach Hause zurück. Am Vorabend des 13. sind alle Straßen aus Bangkok heraus verstopft. Menschen zwängen sich mit Hab und Gut auf die Ladeflächen von Pickups wie Vieh und warten stundenlang im Stau. Am Neujahrstag sprenkeln sie als Zeichen des Respekts Parfümwasser über die Hände ihrer Eltern und Großeltern. Auch die Gräber der Ahnen werden in Ko Kuat früh morgens mit duftendem Wasser bespritzt. Im Mittelpunkt des Fests steht jedoch nicht mehr der Ahnenkult, sondern der Spaß.

Dorfschönheiten in Glitzerkleidern

Die Party beginnt an einer Tankstelle entlang des Highways nach Nakhon Ratchasima, Thailands zweitgößter Stadt. Hier versammeln sich volksnahe Lokalpolitiker, Kinder mit Wasserpistolen, Frauen in Tanzkostümen, Marschbands auf Pickups, mit Blumen geschmückte Wagen und 25 Dorfschönheiten in Glitzerkleidern. Im Wat Nong Wa, dem größten Tempel Ko Kuats, soll heute Miss Songkran gewählt werden. Die Kandidatinnen lassen sich auf den Wagen nieder und spannen adrett ihre Sonnenschirme.

Die Parade wird geführt von Bürgermeister Ganjanawattana, den hier jeder unter seinem Spitznamen Bao kennt. Seine Frau Sanyalak folgt ihm mit einer silbernen Schale, aus der sie Dörflern mit einem charmanten Lächeln weiße Paste ins Gesicht schmiert. Mit weißer Kreide segnen sonst Mönche die Betenden. Heute wird sie verteilt wie Schminke an Karneval. Ohne Talkum und Wasser kein Spaß an Songkran. Gegen Ende der Parade sind nur noch Sanyalak und die 25 Dorfprinzessinnen auf ihren Wagen trocken. "Ich habe meine Tage", entschuldigt sie sich mit leiser Stimme und weicht erfahren dem Gartenschlauch an der nächsten Straßenecke aus.

Talkumpuder im Gesicht, Eiswasser im Nacken

Im Tempel ist eine große Bühne aufgebaut. Davor wird im Wiegeschritt zu thailändischem Pop getanzt. Ein paar Meter entfernt steht ein Tankwagen der Feuerwehr, von dem zwei Männer den oberarmdicken Löschstrahl auf die Tanzenden richten. Auf der Bühne schäkert Bürgermeister Bao mit den Kandidatinnen für die Miss-Wahl. "Wie heißt du? Wie alt bist du? Wie findest du den Bürgermeister?" Artig loben ihn die jungen Mädchen. Artig nehmen sie auch hin, dass Bao die Wahl kurzerhand absagt. Man wolle dieses Jahr lieber keine Gewinnerin küren. Dann seien die restlichen 24 enttäuscht, und das wäre nicht gut für die Stimmung.

Im Dorf ist derweil die Wasserschlacht in vollem Gange. Seit Stunden fahren Pickups mit Wassertanks und jauchzenden Menschen beladen durch die Straßen und begießen Mopedfahrer wie Autos und Fußgänger im Vorbeifahren mit Wasser aus Plastikeimern. Auf den Bürgersteigen warten Kinder mit Gartenschläuchen darauf, dass ein Pickup in ihre Straße einbiegt. "Sawatdee Bee Mai" - Frohes Neues Jahr - rufen drei angeheiterte Teenager und schmieren Passanten Talkumpuder ins Gesicht. Einer schüttet einen Eimer Eiswasser hinterher.

Lieber Dreckwasser als kein Wasser

"In Deutschland hätten die morgen hundert Zivilklagen am Hals", sagt Adrian Londero aus Mannheim, der zum ersten Mal in Thailand Neujahr feiert. Hier lacht man, winkt sich fröhlich zu, bedankt sich unerschütterlich für die kalte Dusche. Songkran fällt auf das Ende der Trockenzeit und den heißesten Monat in Thailand. Seit Wochen verkaufen die Supermärkte Wasserpistolen in allen Größen, Damensandalen aus Plastik und knallbunte Hemden. Das beliebsteste Motiv: kleine Männchen, die sich gegenseitig Wasser überschütten. Das Wasser macht nicht nur die Hitze erträglich, es soll auch Pech und Übel abwaschen.

Am Kanalufer pumpt eine Frau grasgrünes Dreckwasser in die Bottiche auf den Ladeflächen der Pickups, die am Straßenrand Schlange stehen. Blätter schwimmen in der trüben Brühe. Ein paar völlig durchnässte Kinder füllen im Kanal ihre Wasserpistolen auf. Das Kultusministerium hat die Bevölkerung zwar ermahnt, nur sauberes Wasser zu vergießen. Doch die Straßenkämpfer sind nicht zimperlich: Lieber Dreckwasser als kein Wasser.

Am Abend fegt die Dunkelheit die Straßen leer. Nur die Tonnen und Kübel bleiben vor den Häusern stehen. Morgen geht die Schlacht weiter. Übermorgen auch. Drei Tage lang begießt sich das Land mit Wasser. Damit auch das letzte bisschen Pech weggewaschen wird.


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