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Orpheus Island im Great Barrier Reef: Luxus statt Outback

Groß, gefährlich, und rustikal - das war Australien bisher. Mit der Werbekampagne "Best Job in the World" stellt die Tourismusbehörde des Bundesstaates Queensland den Paradies-Faktor in den Vordergrund. Solvente Urlauber sollen gelockt werden. Mit dem Imagewandel haben aber vor allem die Australier Probleme.

Von Malte Krebs

Touchdown. Gischt spritzt an den Kabinenfenstern empor, das Rauschen des Wassers übertönt die Motorengeräusche: Die kleine Cessna ist erfolgreich gewassert. Ist ja auch ein Wasserflugzeug, und der Pilot macht die Strecke mehrmals pro Woche. Etwa 20 Minuten hat der Flug gedauert vom 80 Kilometer entfernten Festland-Flughafen in Townsville im tropischen Norden von Queensland an der Ostküste Australiens. Während des Fluges blickt man aus den kleinen Bullaugen des Flugzeugs auf die vorgelagerten Inseln mit ihren üppigen Regenwäldern und einsamen Sandstränden. Im tiefen Blau des Meers zeichnen sich die Konturen von Korallenbänken ab. Inmitten des Great Barrier Reefs taucht Orpheus Island auf. Routiniert steuert der Pilot auf einen kleinen Ponton zu, ein Schild begrüßt die Besucher: „Welcome to Orpheus Island Resort International Airport“. Doch dieses Resort ist alles andere als ein Verkehrsknotenpunkt. Es ist vor allem eins: exklusiv.

Ein langer Bootssteg führt ins Zentrum des Fünf-Sterne-Ressorts. 21 kleine, weiße Bungalows verteilen sich unter schattigen Bäumen entlang des Sandstrandes, Hängematten wiegen im Wind unter den Palmen. In der offenen Strand-Lounge begrüßt Resort-Manager Aaron Murphy die neuen Gäste. Abschalten und entspannen, das sind die Lieblingsworte des 33-Jährigen, die vom sanften Meeresrauschen untermalt werden.

Australien ist vor allem wegen seiner Outdoor-Angebote berühmt: Abenteuerurlaub im Outback, Surfen an menschenleeren Sandstränden oder Expeditionen mit Geländewagen prägen das Image als Reiseland für Robuste. Immer mehr Anbieter setzen auf Lifestyle und Luxus, wollen damit zur touristischen Oberklasse aufschließen. Doch das ist nicht ganz einfach. Jahrzehntelang galten die Aussies eher als skurrile Randerscheinung. Klar, wilde Tiere, mutige Menschen, unglaublich viel Land - aber kulinarische und kulturelle Glanzlichter vermuten die wenigsten in Australien. Vor allem Australier nicht.

Kein Nachbar weit und breit

Wo sind denn all die Gäste? Die Insel ist ein geschützter Nationalpark, die Bettenanzahl begrenzt. Die Insel ist elf Kilometer lang und knapp einen Kilometer breit. Man sieht die Nachbarn in der Regel nur zum Essen. Die exklusive Lage, die diskreten Rückzugsmöglichkeiten werden auch von Promis geschätzt: Phil Collins, Tommy Lee Jones - auch Elton John saß hier angeblich schon mal am Piano. Die meisten Gäste kommen aus Australien. Vor allem Paare, gerne auch auf Hochzeitsreise, lassen sich auf Orpheus Island für ein paar Tage verwöhnen.

Margret und Tim haben die gut 2500 Kilometer von Melbourne bis nach Orpheus Island auf sich genommen. Sie haben schon viel gesehen von der Welt, dann aber entdeckten sie ihr eigenes Land von einer neuen Seite. Die beiden Endfünfziger sind schon zum sechsten Mal auf der Insel. Für ein "Gourmet-Wochenende" mit zwei Übernachtungen zahlen sie gut 1500 Australische Dollar, etwa 780 Euro pro Person. Hinzu kommen Getränke und die Anreise mit dem Wasserflugzeug. Aber das ist es ihnen Wert, sagt Tim: "Wo hast du das schon: man kann sich in einen traumhaften Nationalpark einmieten und die Ruhe genießen."

Zutritt nur für Erwachsene

Und ruhig geht es zu. Kinder wird man hier nicht hören, das Mindestalter der Gäste beträgt 15 Jahre. Bevorzugt wird eine andere Geräuschkulisse: auf den Zimmern empfängt einen leise Dämmer-Musik, der Roomservice hat CDs eingelegt, die Namen wie "Romantic", "Relax" oder "Dreams" haben und wohl auch so klingen sollen. Fernseher gibt es nicht. Wer will auf Orpheus Island schon wissen, was in der Welt passiert? Entspannen und abschalten.

Aaron Murphy hat es aus dem kalten Calgary in Kanada an die Pazifikküste verschlagen. Anfangs war er Animateur auf den Ausflugsschiffen von Cairns, später Tauchlehrer in den Korallenriffen, jobbte in Bars und lernte sein Handwerk schließlich in Restaurants. Nun ist er seit zwei Jahren gemeinsam mit seiner Frau Chef einer Luxus-Anlage mit 14 Angestellten. "Die haben die besten Unterkünfte weit und breit", sagt Murphy und zeigt auf die ehemaligen Suiten des Resorts mit den großen Glastüren und Panoramafenstern, die im dichten Grün der tropischen Pflanzen kaum noch zu sehen. Sie liegen etwas erhöht oberhalb der Gästebungalows am Hügel. "Den Gästen", sagt Murphy, "war das zu weit weg vom Strand."

Forschungsstation in der Nachbarschaft

Für Bewegungswillige gibt es Tennisplatz, Pool und ein kleines Fitnessstudio, ausgeschilderte Wanderwege führen über die kleine Insel. Sehr viel interessanter ist die Farbenpracht und Formenvielfalt der Unterwasserwelt, schließlich residiert man inmitten des größten Korallenriffs der Erde. Im Resort kann man sich Schnorchel oder Tauchausrüstung leihen, mit einem kleinen Motorboot in eine der versteckten Buchten fahren und einfach abtauchen. Zwischen den Riesenmuscheln sieht man kleine "Nemos", leuchtend orange Clownfische, die sich in den Seeanemonen tummeln. Das haben auch die Meeresbiologen erkannt, die auf der Insel eine kleine Forschungsstation unterhalten. In die Außenstelle der James Cook Universität in Townsville können sich Interessierte einmieten, Forscher und Studenten zumeist, aber auch Schulklassen oder Naturfreunde.

Lance Canning ist seit zwei Jahren Chefkoch auf Orpheus Island. "Die australische Küche", erzählt der 32-Jährige, "bestand, wenn man mal von den Aborigines absieht, im Wesentlichen aus zwei Komponenten: Barbeque und Bier." Das hat sich geändert. Die verschiedenen Kulturen haben kulinarisch ihre Spuren in dem Einwanderungsland hinterlassen. Als "mediterran-asiatisch" bezeichnet Canning seine Küche. Wohlklingende Worte wie Carpaccio, Sushi oder Tarte finden sich in verschiedenen Variationen auf der Menu-Karte. Dazu werden australische Weine gereicht, von denen die Australier sagen, dass sie in den letzten Jahren sehr viel besser geworden seien. Sie müssen es wissen, schließlich haben sie den Vergleich zu vorher.

Truckerin als Kellnerin

Mit amüsierter Miene trägt die Kellnerin Sheryl die wohlklingenden Namen der Komposition vor, während sie einen der sieben Gänge des Menus serviert. Gekonnt balanciert sie die Teller mit den übersichtlich gestalteten Portionen an den Tisch. Man merkt ihr nicht sofort an, dass sie bis vor drei Monaten als LKW-Fahrerin beim Bergbau gigantische Trucks gelenkt hat. In Australien sind solche für Europäer ungewöhnlichen Karrieren die Regel. Der Arbeitsmarkt ist sehr viel offener, die Qualität der Arbeit reicht als Qualifikation.

Koch Cannigs hat mit seiner Kunst schon einige Preise gewonnen, darauf ist er stolz. Und das, obwohl er hier quasi unter erschwerten Bedingungen kocht. Seine Gerichte muss er genau planen, da er die Waren beim Händler auf dem Festland bestellen muss. Das ist der Preis für ein Resort inmitten des Naturschutzgebietes: Obwohl hier alles im Überfluss wächst und gedeiht, darf nichts angebaut, nichts geerntet und nichts gejagt werden.

Ratten im Restaurant

"Vor allem die Fische sind tabu - leider!" Ein schüchternes Lächeln fliegt über das blasse Gesicht des Zwei-Meter-Mannes. Viel hat er nicht von der tropischen Sonne auf dem Inselparadies, den Fünf-Sterne-Status des Resorts muss er mit seinen beiden Kollegen täglich in der Küche erkochen.

Während des dritten Gangs beim Abendessen erklingt ein spitzer Schrei: Eine Ratte! Gläser klirren, Besteck fällt zu Boden. Aaron Murphy klärt die Situation. "Das ist Alex, ein Bandicoot." Der etwa 30 Zentimeter große australische Nasenbeutler sieht aus wie eine mutierte Maus, offenbar hat auch er Gefallen an der Spitzengastronomie gefunden. Allabendlich kommt der kleine Nager als ungebetener Gast und sucht ohne Scheu mit seiner spitzen Schnauze zwischen den Tischen nach Essbarem. Die Dame, die eben noch geschrien hat, wirft Alex ein Stück Brot hin. Doch der lässt sich von dem schnöden Brocken nicht beeindrucken. "Mittlerweile ist er ein echter Gourmet geworden - und etwas fett", sagt Aaron. Sogar die Wildtiere werden wählerisch.

Weitere Infos
Anreise: Singapore Airlines fliegt von Frankfurt via Singapur nach Brisbane oder Sydney. Von dort gibt es Inlandsflüge nach Townsville.
Unterkunft: Orpheus Island Resort
Sehenswert: Orpheus Island Research Station
Informationen für Touristen: Fremdenverkehrszentrale Queensland

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