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Fernreiseziel Sri Lanka: Comeback einer Tropen-Schönheit

Nach der Tragödie eines langen Bürgerkriegs atmet das ehemalige Ceylon auf. Mit seinen goldgelben Stränden meldet sich die Insel zurück in die ersten Liga der Urlaubsparadiese.

Von Wolfgang Röhl

Nach Sri Lanka sind wir gekommen, weil wir uns mit etwas schlechtem Gewissen an diese Insel erinnert hatten. Das einstige Ceylon war ja vor Dezennien unser Türöffner für die Wunderwelten Asiens gewesen, eine Art Einsteiger-Indien. Dann, ab 1983, versank es für mehr als ein Vierteljahrhundert in einem Bürgerkrieg. Und vor bald sieben Jahren traf es auch noch der Tsunami mit voller Wucht. Die endlose Kette schlimmer Nachrichten schreckte immer mehr Touristen ab. Das machte alles noch schlimmer. Denn in Sri Lanka lebte vor dem Krieg eine Million Menschen vom Tourismus.

Jetzt riecht es nach Aufschwung. Selbst Fremdlinge spüren das. An den vielen opulenten Hochzeitsfeiern zum Beispiel, die in den Ballsälen der Hotels abgehen. An den riesigen bunten Werbetafeln entlang der Straßen, Textilfabriken, gewaltigen Bauprojekten. An neuen Luxushotels wie dem "Casa Colombo" mit seinem pinkfarbenen Pool oder an den kleinen schicken Cafés für die Avantgarde. Aber auch die Pettah brummt. Das ist Colombos lauter, schmuddeliger, drängeliger, hochtourig rotierender Basarbezirk, vollgestopft mit Waren und Menschen unterschiedlichster Couleurs. Betagte, verbeulte, reich verzierte Tata-Lastwagen rumpeln durch die lehmigen Gassen. Es duftet nach Kuhdung, Diesel und verschmorter Kupplung.

In den Rushhours herrscht auf Straßen, in Bussen und Bahnen ein Getümmel, als gäbe es an der nächsten Ecke Geldscheine umsonst. Reisen auf Sri Lanka sind für furchtsame Gemüter die reinsten Geisterbahnfahrten. An jeder Kreuzung, hinter jeder Kurve lauert ein Erschrecken. Rat: Unter keinen Umständen selber fahren! Rundreisen unternimmt man per Bus, oder man mietet ein Auto mit Fahrer.

Auf dem Weg Richtung Hochland

Colombo hat weit weniger als eine Million Einwohner, zieht sich aber hin. Wir sind seit dem Zentrum bereits eine Stunde auf Achse, doch die Stadt hört nicht auf. Neben einer weiß getünchten Mauer hält Daya, unser Fahrer, an. Die Mauer gehört zu einer buddhistischen Tempelanlage. Daya wirft etwas durch einen Schlitz. Unsere Blicke bemerkend, grinst er. "Kleine Spende. Man kann nie wissen." Er wird später noch hier und dort ein paar Rupien einschmeißen. Flankierende Maßnahmen. Sein weltliches Sicherheitskredo lautet kurz und couragiert: "If you fear accident, you have accident."

Wir schrauben uns mit dem Nissan Sunny ins Hochland, in Richtung der alten Königsstadt Kandy. Die stark befahrene Straße ist so etwas wie ein Reihen-Kaufhaus. Die Anrainer bieten ihre Erzeugnisse am Straßenrand feil. Hier gibt es Kokosnüsse, dort Korbwaren, ein paar Kilometer weiter Baumäpfel, dann wieder Pflanzen, Mangos, Terrakotta-Töpfe. Als wir Kandy erreichen, haben wir die halbe Produktpalette des Hochlands gesehen.

Wilde Geschichten der Königsstadt Kandy

Kandy hat wilde Geschichten in seiner Historie. Wo es zum Beispiel um einen abgeschnittenen, in Seide verpackten und per Boten verschickten Kopf eines Kommandanten geht. Oder um den künstlich angelegten Kandy-See, in dem gemäß einer alten Prophezeiung jedes Jahr ein Mensch ertrinken muss, um die ökologischen Sünden des See-Baus zu sühnen. Außerdem gibt es einen berühmten Tempel, in dem Buddhas Backenzahn (der rechte) ruht. Viel angepilgert von Einheimischen, die ihre Kleinen dem Zahn-Schrein nahebringen.

Hoch über dem spiegelnden Kandy-See, an einem Berghang, stehen Hotels und Restaurants für Touristen. Das Panorama der Stadt vor wolkenumkränzten Bergen könnte man ewig genießen, dabei die Batterie der Curry-Gerichte am Buffet abarbeiten. Uns bleibt von Kandy etwas anderes im Kopf: Am Ausgang einer Garage im Stadtzentrum haben wir ein blaues Brett mit der Aufschrift "Lost & Found" gesehen. Daran drei einzelne, wahrhaftig verloren wirkende Sandalen. Eine rührende Miniatur.

Umringt von Dreirad-Kampfpiloten

"Every time the three wheel driver", murmelt Daya gelegentlich, mehr zu sich selbst. Heißt so viel wie: Immer diese Taxifahrer! Wir haben längst verstanden, dass Daya nicht gut auf die Dreirad-Kampfpiloten zu sprechen ist. Dreiradtaxis knattern über die ganze Insel. Noch im hintersten Bergkaff, in der abseitigsten Kokosplantage findet man welche. Tuk-Tuks überholen links, rechts und in der Mitte zugleich, schneiden andere Fahrzeuge, schießen aus Einmündungen direkt hinein in den brausenden Verkehrsfluss. Hin und wieder sieht man das Ergebnis am Straßenrand: ein Wrack, zerknautscht wie eine leere Coladose.

An sich schreibt das Dreirad eine ökonomische Erfolgsgeschichte, ist Lastesel der Nation, Motor des in Sri Lanka vorherrschenden Kleingewerbes, dazu Familienkutsche. Sonntags wird damit ausgeflogen. Vier Erwachsene und zwei Kinder passen locker rein.

Nuwara Eliya, das Klein-England Sri Lankas

Auf dem Weg durch die Berge halten wir an einem kleinen Wasserfall. Eine Familie quetscht sich gerade aus ihrem Tuk-Tuk. Nimmt kichernd Aufstellung vor dem pladdernden Schwall, während das Oberhaupt an seiner Digitalkamera fingert. Und plötzlich fliegt uns so ein Dejà-vu an. War es nicht auch in Deutschland so, kurz nach dem Krieg, als es wieder bergauf ging? Nach Ruhpolding, zum Beispiel, mit dem VW-Käfer.

Die Briten waren die erfolgreichste fremde Macht auf Ceylon. Sie regierten das Land am längsten. 1948 übergaben sie die Kronkolonie ihren Besitzern, ohne dass ein Schuss fiel. Wenn die Hitze an der Küste unerträglich wurde, floh der koloniale Herr ins kühle Hochland. Nuwara Eliya gilt bis heute als Klein-England. Wegen seiner Landhäuser im viktorianischen Stil, den holzgetäfelten Bars der Hotels, dem Golfclub am Stadtrand, dem Governor's Cup Race, einem 1875 eingeführten Pferderennen. Etwa 1900 Meter über dem Meeresspiegel liegt die Kleinstadt, Insel in einem Meer von Teeplantagen.

Wir quartieren uns nicht im granitsteinernen "Hill Club Hotel" ein, das von seinem Ruf als Bastion altenglischer Schrulligkeit zehrt (eine der Bars ist von jeher Männern vorbehalten). Auch nicht im "Grand Hotel", das wie die Kulisse für eine Thackeray Verfilmung wirkt. Stattdessen fahren wir zum "Ceybank Rest", dem einstigen Herrenhaus des Gouverneurs Henry Gregory. Zimmer frei? Die Rezeptionistin schüttelt den Kopf. Schlägt sogleich das Gästebuch auf und reicht den Kugelschreiber. Wie jetzt? Ach so! Kopfschütteln hat man in Sri Lanka als Ja zu nehmen. Genau besehen handelt es sich um ein leichtes Kopfwackeln, das seinen Ursprung in den Tiefen der Halswirbelsäule hat. Man versuche gar nicht erst, den head wobble zu imitieren. Das sähe ungefähr so aus, als versuchte sich Heide Simonis am Tango. Die sinnverdrehte Kopfschüttelei irritiert Westler immer wieder.

Wir nehmen die "Governor's Suite". O verschwenderischer Plüsch von Good ol' England! Geölte Edelholzböden, altmodische Schränke, Vitrinen, Rüschengardinen, schwere Vorhänge. Ein Himmelbett, worin eine halbe WG Platz fände, mit Teak an allen Kanten. Und doch, leicht hatten es Britanniens Statthalter hier oben auch nicht immer. Das noble Herrenhaus besitzt keine Zentralheizung, nur kleine Elektro-Öfchen. Nachts muss man unter tonnenschwere Decken kriechen. Sri Lanka kann bibberkalt sein.

Aufregende Fahrt nach Marawila

Es ist ein Kurvenmarathon von der kühlen Tee-Kapitale hinunter ans warme Meer. Aber eine der aufregendsten, an Attraktionen reichsten Strecken, die man auf der Insel fahren kann. Kurz hinter Nuwara Eliya steht die Mackwoods-Teefabrik, deren Führerinnen die komplizierte Teewerdung der grünen Blättchen erklären.

Mittagsrast im Gästehaus am Kelani-Fluss. Hier haben einst Alec Guinness und William Holden zusammengesessen, bei den Dreharbeiten für den Kinoklassiker "Die Brücke am Kwai". Über Urapola und Veyangoda geht es dann auf die holprige, schmale, durch lehmbraune Weiler und giftgrüne Reisfelder führende Straße B 408. Dabei passiert man veritable Tarzan-Dschungel mit baumelnden Luftwurzeln.

Irgendwann halten wir an einem Hindutempel. Unser Fahrer kauft an einem Stand eine Kokosnuss. Die Verkäuferin entblößt unglaublich schlechte Zähne. Zähne verraten den wahren Entwicklungsstand eines Landes, Zähne lügen nicht. Während wir darüber sinnieren, ist Daya in den Tempel gegangen und hat die Fasern der Kokosnuss an einer Kerze angekokelt. Die rauchende Nuss schmeißt er auf den Betonboden.

Farbenräusche, die schwindelig machen

Konzentriert betrachtet er die zerbrochene Fruchtschale. Er könne aus der Art, wie die Nuss zerborsten ist, etwas über seinen inneren Zustand herauslesen, sagt er. Etwa, ob das weibliche und das männliche Element in ihm momentan ausgewogen sind. Da sind wir platt. Das ist ja wie aus der "Freundin"! "Aber warum machst du das Ganze in einem Hindutempel? Bist du nicht Buddhist?" "Schon, aber auf den Tempel kommt es nicht so an."

Die letzten Tage verbringen wir am Strand. Die Region um Marawila, eine Autostunde nördlich vom Flughafen, macht sich gerade hübsch für den Tourismus. Im Schneckentempo. Noch steht hier kaum ein Gasthaus, das den Ansprüchen westlicher Pauschalurlauber genügen kann. Doch Marawila hat einen Trumpf, der immer sticht beim Spiel um das wertvolle Touristengut: Sonnenuntergänge. Farbenräusche, die schwindelig machen. Diese Trikolore aus Gelb, Rot und Pink unter blauem Himmel, gerahmt von schwarzen Palmenwedeln. Sonnenuntergänge gibt's nicht an der Ostküste. Und deshalb hat auch Marawila Zukunft.

Spannendes Spektakel am Strand

Unweit des Hotels "Olenka" findet manchentags ein Happening statt, für das sie Eintritt nehmen könnten: Ein Motorboot schleppt ein Grundnetz hinaus aufs Meer. An Land ziehen zwei Gruppen, je ein Dutzend kräftige Burschen, die Leinen langsam über den Grund zurück zum Strand. Gut anderthalb Stunden dauert die Prozedur unter der Glut der Sonne.

Langsam wird der Netzradius immer enger. Gegen Ende beginnen sie zu singen. Immer lauter, schneller. Es klingt wie ein Shanty. Als das Netz endlich auf dem Trockenen liegt, bricht der Gesang ab. Alle taxieren den zappelnden Fang. Für jeden fällt eine große Plastiktüte Fisch ab. "Small catch, small money", sagt einer in die Touristenkamera. Sonderlich enttäuscht klingt das nicht. Auch für Sri Lankas Fischer waren die Zeiten schon mal härter. Viel härter.