Tag 10 - Vom Dorf Hian Hin nach Mukdahan Gruß vom Getriebe


Wir konnten im Dorf Hian Hin schlafen, bekamen zu essen und zu trinken. Doch trotz der Gastfreundschaft der Laoten nimmt der Tag kein gutes Ende: Die Mannschaft der Mekong-Expedition wird sich in zwei Gruppen trennen.
Von Helge Bendl

Kurz vor Sonnenaufgang tragen die Hähne ihr erstes Kräh-Duell aus. Dann stimmen jaulend die Hunde ein, ein Wasserbüffel meldet sich mit dunklem Bass zu Wort. Nur am Fluss ist es ruhig. Hier putzen sich ein paar Jungen mit Mekong-Wasser die blendend weißen Zähne und tragen auf dem Rückweg eimerweise Wasser für die Familie die Uferböschung hinauf. Auf kleinen Feldern bauen die Dorfbewohner hier Mais, Zwiebeln und Bohnen an. Fischer flicken ihre Netze und bauen neue Bambusreusen, im ersten Stock eines auf Stelzen gebauten Hauses wärmen die Frauen des Dorfes die Suppe von gestern Abend wieder auf. Morgenstimmung im Dorf Hian Hin, dessen Bewohner uns heimatlose Schiffbrüchige gestern Nacht so freundlich aufgenommen haben.

Wenn gerade kein Übersetzer dabei steht, kommunizieren wir mit Bunasak, dem Dorfchief, in einem Kauderwelsch aus Englisch, Französisch, Thai und ziemlich häufig mit Händen und Füßen. Erstaunlich viel ist dabei zu erfahren. "Steinhaus" heißt der laotische Name Hian Hin übersetzt, und der Begriff bezieht sich auf die vermutlich aus der Khmer-Zeit stammenden Sandsteinttempel, die hinter dem Dorf versteckt liegen. Wissenschaftler haben sie noch nicht erforscht, sagt Bunasak, und Touristen kommen hier leider auch nicht vorbei. Zu abgelegen die Region, zu unbekannt. "Machen denn in der Zukunft häufiger Boote mit Besuchern wie euch hier Station und wollen bei uns im Dorf übernachten?" Wir wollen ihn nicht enttäuschen und vermeiden eine klare Antwort.

Zum Abschied winkt das halbe Dorf. In der Crew werden wir noch tagelang darüber reden, wie denn die Bewohner einer Ortschaft in der wahlweise bayerischen, schwäbischen oder hessischen Provinz reagiert hätten, wenn nach Einbruch der Dunkelheit ein Dutzend Laoten bei ihnen eingefallen wäre und nachgefragt hätte, ob man denn hier privat übernachten und etwas Warmes zum Essen bekommen könne. "Mich hat sehr beeindruckt, wie wenig die Leute zum Leben hatten und wie selbstverständlich es für sie war, uns aufzunehmen", sagt nachdenklich Ola Holmgren, Filmproduzent auf Mallorca und einer der Unterstützer der Mekong-Expedition.

Benzin ist kostbar, wenn weit und breit keine Tankstelle ist

Trotz all der schönen Erfahrungen - Tag Zehn der Expedition ist kein guter Tag. Immer noch haben wir den Getriebeschaden, immer noch muss das eine Schlauchboot das andere mühsam flussaufwärts ziehen, um den Motor zu entlasten. Das kostet so viel Treibstoff, dass rasch alle Benzinkanister leer sind und sich die Tankanzeige beim Auf und Ab des Bootes bei nur knapp über Null einpendelt. So trennen wir uns zum ersten Mal: Skipper Mats Wahlström wird mit uns beiden von stern.de und dem Boot mit dem defekten Getriebe versuchen, bis zur nächsten Stadt zu kommen und Benzin für das zweite Boot zu organisieren. Weit schaffen wir es nicht: Das Klackern des Motors wird immer stärker, steigert sich zu einem nervtötenden Klappern - dann schaltet sich die Maschine ab. Wir versuchen, mit dem Paddel und stochernd mit einem langen Bambusrohr ans Ufer zu kommen - wenig erfolgreich. Ein Fischer hört unser Rufen, kommt mit seinem Langschaftmotor zur Hilfe und schleppt uns ans Ufer.

Wenigstens gibt es hier Benzin. Der Fischer bringt 30 Liter im Kanister und noch eine alte Weinflasche voll. Wir kaufen ihm alles ab und warten eine gute Stunde, bis das zweite RIB heransurrt. Langweilig wird es uns dabei nicht: Nach vorsichtigem Zögern nehmen die Jungs und Mädchen des nahe gelegenen Dorfes unser Schlauchboot in Beschlag. Ein Schiff mit weicher Gummihülle haben sie noch nie gesehen, geschweige denn angefasst. Doch ein paar Minuten später benützen sie es schon als Trampolin.

Unsere Crew teilt sich

Am Abend setzen wir mit dem letzten Licht von Laos nach Thailand über. Dort gibt es lange Diskussionen an der Anlegestelle. Sollen wir gemeinsam hier in der Stadt Mukdahan warten, bis ein Ersatzgetriebe eingeflogen ist, das man vielleicht in Spanien oder beim Hersteller in Japan auftreiben kann? Das wird wohl Tage dauern und die ganze Logistik geriete aus den Fugen, würden alle hier ausharren. Andy Leemann und Armin Schoch setzen sich mit den schwedischen Teilnehmern Ola Holmgren und Mats Wahlström zusammen - die beiden sind Hauptsponsoren der Expedition und wollen bei der Entscheidung mitreden. Dann fällt das Urteil: Wir werden uns aufteilen. Ein Schlauchboot wird morgen voraus fahren, das andere RIB zurück bleiben und auf ein neues Getriebe warten. Ob wir uns gemeinsam am Ziel in China wieder sehen werden ist unsicher.


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