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Netflix-Doku "The Last Dance" Michael Jordan – getrieben vom Ehrgeiz, gespielt wie "Gott selbst"

Michael Jordan
Michael Jordan (r.) lässt im entscheidenden Playoff-Spiel 1992 gegen die New York Knicks Verteidiger Gerald Wilkins stehen
© John Swart / AP Photo / Picture Alliance
Ohne Michael Jordan wäre der Basketball nicht das, was er heute ist: ein Weltsport. Nun gibt es über den vielleicht besten Basketballer aller Zeiten eine Dokumentation bei Netflix – mit speziellen Einblicken in seine Karriere. Ein Muss für jeden Fan.

Der Frust sitzt tief. Das ist Michael Jordan anzusehen. Nach einer misslungenen Aktion im Training  dreht er sich genervt in Richtung seines Mitspielers Toni Kukoč um. Er hat seine Augen weit aufgerissen, seine Lippen fest aufeinandergepresst. "Toni, es ist okay", ruft er mit wütender Stimme. "Weißt du, warum?", fragt er ihn und geht währenddessen zornig auf ihn zu, so, als wolle er ihm gleich eine verpassen. "Weil ich dich STÄNDIG anschreie."

Empathie gehörte nicht zu Michael Jordans Stärken als Basketball-Profi. Das wird in der ESPN-Doku "The Last Dance" deutlich, deren ersten beiden Folgen seit dem 20. April auf Netflix verfügbar sind. Aber das war auch nicht seine Mentalität. Jordan wollte gewinnen – um jeden Preis. Wenn er merkte, einer seiner Teamkollegen zog nicht mit, bekam dieser seinen Ärger zu spüren. "Wer sich dadurch gekränkt fühlte, konnte gehen", erzählt sein ehemaliger Teamkollege Bill Wennington. "Er sagte dann einem mit Freude: 'Hau ab. Wir brauchen dich hier nicht.'"

Jordan war getrieben von seinem Ehrgeiz. "Die Leute werden sagen, ich war ein Tyrann", befürchtet er. Vielleicht war es auch einer der Gründe, warum diese Szenen erst jetzt der Öffentlichkeit gezeigt werden. Denn jene Aufnahmen stammen aus den Jahren 1997 und 1998. Der US-amerikanische Sportsender ESPN bekam damals "All Access", unbeschränkten exklusiven Zugang. Knapp 500 Stunden Material wurden gedreht. Erst zwanzig Jahre später gab er grünes Licht.

Die Chicago Bulls 1997 – das Ende einer Dynastie

Für Sportfans auf der ganzen Welt gibt es nun spezielle Einblicke in die Karriere des vielleicht besten Basketballers aller Zeiten. Genauer gesagt: In die letzte Saison der legendären Nummer 23 bei den Chicago Bulls. Damals, 1997, war das Team das Maß aller Dinge. Der FC Bayern München der NBA, der nationalen Basketballliga. Sie gewannen fünf Meisterschaften in sieben Jahren.

Doch das Team hatte seinen Zenit erreicht. Jordan war bereits 34 Jahre alt, – sein Com­pa­g­non, sein Robin – Pippen 32, Rodman 36 und Harper 33. Es ging also um die Frage: Noch eine Saison um den Titel spielen – oder das sofortige Ende einer Dynastie und einen Neuanfang wagen? Der Manager, Jerry Kraus, über den sich die Spieler stets wegen seiner geringen Körpergröße und seines Bauchansatzes lustig machten, wollte letzteres. Am liebsten mit einem neuen Trainer. Und das ließ er den amtierenden Coach Phil Jackson spüren. Zur Hochzeit seiner Stieftochter lud er alle ein, nur nicht Jackson.

Er hatte sich mit ihm – ebenso wie mit Pippen – heillos überworfen. Dennoch verlor Kraus den Machtkampf zunächst. Der Besitzer der Bulls verlängerte den Vertrag mit dem Erfolgstrainer um eine weitere Saison. Allerdings sollte danach Schluss sein, wie Jackson in der Doku erzählt. "Jerry sagte mir in seinem Büro: 'Selbst wenn du alle 82 Spiele gewinnst, wird es deine letzte Saison sein.'" Von da an stand die Saison unter dem Motto "The last Dance" (Deutsch: Der letzte Tanz). 

"Da hat nicht Michael Jordan gespielt. Das war Gott selbst"

Die Doku ist mehr als eine Chronik einer Saison. Sie unterstreicht die Bedeutung von Michael Jordan für den Basketball – und vor allem für die Chicago Bulls. Denn vor "His Airness", wie Jordan wegen seiner phänomenalen Sprungkraft genannt wird, interessierten sich die Menschen in Chicago kaum für Basketball. Sogar Fußball hatte einen höheren Stellenwert. Es war keine Seltenheit, dass bei Heimspielen Zweidrittel der Plätze der Halle leer blieben.

Michael Jordan änderte das. Er löste einen Hype aus. Plötzlich waren die Menschen in Wind City Bulls-Fans. Er machte aus Zweiflern Jünger. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama, der in der Doku zur Belustigung vieler Menschen im Netz lediglich "als Bürger von Chicago" betitelt wird, erinnert sich so: "Damals hatte ich kein Geld, um mir Tickets zu kaufen. Jeder wollte Michael sehen. Chicago hatte endlich einen Sportler, mit dem sich jeder identifizieren konnte."

Dass das Team vorher nur Durchschnitt war, lag vermutlich auch daran, dass einige Spieler andere Dinge im Kopf hatten als Basketball. "MJ" berichtet von einer Situation in einem Hotel vor seiner ersten Saison. Er hatte seine Mitspieler gesucht. Und fand fast die gesamte Mannschaft in einem Zimmer. "Ich da sah Dinge, die ich als junger Mann noch nie gesehen hatte. Lines in der einen Ecke, Haschisch-Raucher in der anderen und Frauen waren auch da", verrät Jordan. "Ich dachte mir, wenn sie mich jetzt hier erwischen, werde ich genauso zur Verantwortung gezogen. Deshalb bin ich gleich wieder raus."

Er brauchte nur eine Droge: den Sieg. Danach war er süchtig. Das trieb ihn an. Und brachte ihn zu Höchstleistungen, wie in seiner zweiten Saison in den Playoffs gegen die Boston Celtics, eines der besten Teams der NBA-Geschichte. Zwar verloren die Bulls die Serie mit 3:0. Dennoch schrieb er mit seinem Auftritt in Spiel zwei Geschichte. Dabei erzielte er 63 Punkte – bis heute Playoff-Rekord. "Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen – auch danach nicht", sagt Larry Bird in "The Last Dance", der damals für die Celtics spielte, und neben Nowitzki der beste weiße Basketballer aller Zeiten ist. Und schwelgt im Pathos: "Da hat nicht Michael Jordan gespielt. Das war Gott selbst."


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