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Ein Land, zwei Welten: Zwischen Partyvolk und Wanderarbeitern - eine Bahnreise quer durch die Türkei

Die einen feiern, die anderen beten. Miteinander reden sie nicht. Im Ost-Express nach Kars lässt sich die Türkei in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erfahren.

24 Stunden dauert die Fahrt durch die Türkei, und weil die Schlafwagen begehrt wie rar sind, müssen die meisten Reisenden im Großraumwaggon dösen. Raki, Rotwein, Remmidemmi. Während draußen die Landschaft vorüberzieht, bringt sich diese Gruppe (r.u.) in Stimmung. Und postet in die Netzwerke.

24 Stunden dauert die Fahrt durch die Türkei, und weil die Schlafwagen begehrt wie rar sind, müssen die meisten Reisenden im Großraumwaggon dösen. Raki, Rotwein, Remmidemmi. Während draußen die Landschaft vorüberzieht, bringt sich diese Gruppe (r.u.) in Stimmung. Und postet in die Netzwerke.

Ein Frühlingsabend in Ankara, kurz vor 18 Uhr, die Sonne schickt ihr letztes Licht, und Sultan Nur erzählt ihre Instagram-Story weiter.

Sie befindet sich auf einem Bahnsteig, gleich wird sie in den Zug steigen, vor dem sie gerade posiert. Eine Freundin fotografiert sie. Sie hat vom Zug eines der Eisenschilder abgenommen, die an jedem Waggon hängen, "Dogu Ekspresi" steht darauf, Ost-Express.

Arme, alte Türkei

Sultan Nur trägt eine rote Jacke mit Fellkragen und eine verspiegelte Sonnenbrille, sie ist 31 und sie sagt, sie möchte ihren Followern erzählen, welche Reise sie gerade beginnt: eine Fahrt mit dem Zug nach Kars, bis ans östliche Ende der Türkei, mehr als 24 Stunden lang.

Sie ist nach Ankara geflogen, um diesen Zug zu nehmen, sie hat ihn auf Instagram entdeckt, unter dem Hashtag #dogueks-presi. Seit einer Weile ist die Reise ein Trend unter jungen Türken, ein Vintage-Trend. Sultan Nur steht auf dem Bahnsteig, es sind die letzten Minuten vor der Abfahrt, und sie ist umgeben von Menschen, die sich und andere fotografieren.

Sie lachen. Fröhlich, und ein bisschen so, als könnten sie selbst kaum glauben, dass sie ein Ticket haben für diesen Zug. Statt einfach nach Kars zu fliegen. Diesen Zug, den Zug der Armen, der Arbeiter, der irgendwie übrig geblieben ist aus der alten, der armen Türkei.

Für Sultan Sur (r.) und Eda sind die 24 Stunden ein großer Spaß

Für Sultan Sur (r.) und Eda sind die 24 Stunden ein großer Spaß

Während vor Sultan Nurs Liegewagen noch posiert und fotografiert wird, hat sich weiter vorn der Bahnsteig schon geleert. Da stehen die Waggons mit den Sitzplätzen, die Waggons der billigen Tickets, der Pendler und der heimkehrenden Wanderarbeiter. Die sind gleich eingestiegen, ohne Selfies, und sitzen jetzt wie Schatten hinter getönten Fenstern.

Unbemerkt von Sultan Nur, unbemerkt von den Instagram-Hipstern, ist Sener in den Zug gestiegen, der in Ankara Arbeit gesucht hat. Er kehrt jetzt heim in den Osten. Von Instagram oder Vintage hat er noch nie gehört.

Sultan Nur und Sener

18 Uhr, ein Pfeifen, dann fährt der Zug los. In ein Land, das gerade so friedlich ist wie lange nicht, auch wenn der Frieden vielleicht eher eine Müdigkeit ist. Oder Erschöpfung. Angst auch. Wie lange hält so ein Frieden?

Als die Sonne untergeht, nicken in den billigen Waggons die Menschen auf ihren Sitzen ein, in den Schlafwagenabteilen ziehen sie sich Pyjamas an, öffnen sie ihr erstes Bier, eine Flasche Wein.

Denen im Pyjama ist der Osten fremd und die Menschen von dort. Die Türkei scheidet sich an Präsident Erdogan, da sind die, die ihn lieben, und die, die ihn hassen. Bei Wahlen, wie den Kommunalwahlen gerade, stehen sich zwei Blöcke gegenüber, fast identisch groß. In Istanbul, der 15-Millionen-Stadt, lag der Oppositionskandidat mit 21.000 Stimmen vorn. Kaum noch gibt es Orte, die sie sich teilen, die Viertel der türkischen Städte sind politisch sortiert, jeder bleibt für sich. In seiner Blase.

Für Wanderarbeiter Sener ist die Reise schiere Notwendigkeit

Für Wanderarbeiter Sener ist die Reise schiere Notwendigkeit

Aber diesen Zug, den teilen sie sich. In den vorderen Waggons auf Sitzplätzen, hinten in Schlafabteilen mit Kühlschrank und Waschbecken. Sie könnten sich begegnen, im Speisewagen, der in der Mitte fährt und die Klassen trennt. Sie könnten einen Tee zusammen trinken, sich kennenlernen.

Sultan Nur und Sener, zum Beispiel.

Im Zugfenster zieht Ankara vorbei, der Feierabendverkehr, überall hängt Erdogans Gesicht, es ist die Zeit vor den Kommunalwahlen. Ankara hat Wolkenkratzer und gleich daneben halb kaputte Baracken, in denen noch Menschen wohnen, bei denen der Boom nie angekommen ist.

Ankara, Kilometer 0, 5,5 Millionen Einwohner, Ergebnis von Erdogans Bürgermeisterkandidat: 47,1 Prozent

In den Vorstädten hat die staatliche Wohnbaubehörde Toki ganze Viertel errichten lassen, sie sehen in Ankara genauso aus wie in Kars am Ende der Reise, das ganze Land sieht nach Toki aus, nach AKP, nach Erdogan. Er hat sich wirklich ein neues Land gebaut.

Die Siedlungen werden lichter, das Land weitet sich, Autobahnen, Fabriken, Felder. Anatolien: weites, konservatives Land. Heimat der meisten Deutschtürken, fremdes Land, gefühlt ähnlich weit von Deutschland entfernt wie von den liberalen Vierteln Istanbuls.

Die meisten Zweierabteile des Schlafwagens belegen junge, schöne Pärchen, die einen Kurztrip machen übers Wochenende. Viele sehen zum ersten Mal den Osten ihres Landes. Sie schmücken ihre Abteile mit Lichterketten, zünden Kerzen an, breiten Tischdecken aus. Für den Abend haben sie Raki, Bier und Wein dabei, fürs Frühstück türkischen Kaffee, weißen Käse, Oliven und Gebäck.

Sie lassen die Abteile aussehen wie Wohnzimmer, und die 24 Stunden im Zug planen sie wie eine Choreografie. Für sich, für Instagram. Manche Pärchen ziehen sich mehrmals um, sie haben für jedes Instagram-Foto ein Outfit mitgebracht. Sultan Nur hat auf Instagram gespürt, dass dieser Zug ein bisschen Abenteuer verspricht, die wilde Seite der Türkei. Der Zug war ausgebucht, aber sie fand einen Blog, in dessen Forum sie jemandem die Tickets abkaufte. Ein Viererabteil für sie und eine Freundin, damit sie ungestört sind, Jogginghosen und Pyjama tragen können. Und frei reden.

Sultan Nur sagt, wenn sie träume, stelle sie sich vor, sie würde am Mittelmeer leben, in Datça, diesem Finger der Türkei, der sich in die Ägäis streckt und wo es nach Süden riecht und auch nach Westen. Ihre Schwester lebt in Istanbul, sooft sie kann, besucht sie sie, und wenn Sultan Nur über Istanbul spricht, fällt das Wort "Liebe".

Sie ist in ihrer Heimat geblieben, in Ordu am Schwarzen Meer, einer sehr durchschnittlichen mittelgroßen türkischen Stadt. Auch in solchen Städten, nicht nur in Istanbul, ist in den Erdogan-Jahren eine Mittelschicht entstanden.

Die Reiseroute verläuft teils entlang des Euphrats

Die Reiseroute verläuft teils entlang des Euphrats

Sultan Nurs Instagram-Account zeigt sie vor der Bosporus-Brücke in Istanbul, in ihrer Schule, wo sie Englisch unterrichtet, im Winter in den verschneiten Bergen, im Sommer im ärmellosen Kleid am Meer. Sie lächelt, wenn sie nur das Wort Datça sagt, hier in diesem Zug, der durch die türkische Nacht nach Osten fährt.

Sultan Nur und ihre Freundin wissen, dass sie mit einem Journalisten sprechen und dass sie aufpassen müssen. Trotzdem möchten sie zeigen, wo sie stehen. Sie sagen so viel wie möglich, so viel wie nötig, und sie schweigen, wenn die Stille im Abteil schon alles sagt.

"Ich mag Freiheit", sagt Sultan Nur.

"Es ist ein schönes Land", sagt sie, "aber mit vielen Problemen." Eine Freundin, erzählt sie, habe Journalismus studiert. "Sie arbeitet jetzt in einem Laden an der Kasse."

Sultan Nur mag Charles Dickens, auch Jane Austen. Letztes Jahr aber las sie "1984", George Orwells Vision eines totalitären Regimes. Es war das Jahr, in dem Recep Tayyip Erdogan die Präsidentschaftswahl gewann, die neue Verfassung in Kraft trat und er endgültig die Machtfülle bekam, die er sich immer ausgemalt hat.

Davon sagt Sultan Nur nichts. Sie sagt nur: "Letztes Jahr habe ich George Orwells '1984' gelesen", dann schweigt sie. Ihre Freundin nimmt das Verlängerungskabel, schließt es an und kocht Tee.

Kayseri, Kilometer 379, 1,4 Millionen Einwohner, für Erdogans Kandidaten stimmten bei der Kommunalwahl: 63,4 Prozent

Lärm mitten in der Nacht, in Kayseri steigt eine Gruppe von Freunden zu, sie sind betrunken und singen den Izmir-Marsch, das Lied der Atatürk-Anhänger, auch: der Erdogan-Gegner. Der Izmir-Marsch weckt den Liegewagen.

Es sind Studenten mit Raki in den Rucksäcken, sie wollen feiern auf dieser Reise, während weiter vorn im Zug niemand auch nur an Alkohol denkt. Sener, der Arbeiter, versucht zu schlafen. Neben ihm schlafen Kinder auf dem Schoß ihrer Mütter, man kann riechen, dass viele der Menschen hier schon länger dieselben Klamotten tragen.

Sener hat gar keine anderen Sachen mit, er war einen Monat lang in Ankara, er reist ohne Gepäck.

Sivas, Kilometer 602, 378.000 Einwohner, Erdogans Ergebnis: 49,4 Prozent

Die Sonne geht auf und strahlt unwirkliche Landschaften an, wie von einem anderen Planeten, weit, gewaltig und leer. Dann ein Tal mit einem Fluss, der nicht weit von hier entsprungen ist: der Euphrat.

Drinnen trinken, essen und lesen sie, und wenn sie hinaussehen, haben sie meistens ihre Kamera in der Hand. Der Zug schafft um die 45 Kilometer in der Stunde, er hält in jedem Dorf. Je weiter er nach Osten kommt, desto kälter wird es, der Winter ist hier noch nicht vorbei.

Ein stilles Gebet im Großraumwagen

Ein stilles Gebet im Großraumwagen

Frauen laufen in den Dörfern schwarz verschleiert durch den Matsch, der Schnee drückt auf die Dächer der Scheunen. Manchmal stehen Kinder am Gleis und betteln. "Die sind ja wild", sagt einer der Reisenden drinnen. Sie sprechen dieselbe Sprache, haben den gleichen Pass, aber sie betrachten einander wie andere Spezies.

Die Welten trennen sich am Speisewagen. Am Morgen füllt er sich mit Reisenden aus den Schlafwagen, aus Sultan Nurs Teil des Zugs. Dazwischen einzelne Frauen mit Kopftuch. Nur wenige aus den Sitzwaggons, aus Seners Zugteil.

An einem Tisch sitzt ein Schaffner, er löst Kreuzworträtsel, dann erzählt er von früher. Als noch richtig gekocht wurde, es gab ein Restaurant, keinen Fast-Food-Kiosk wie heute, man bekam auch noch Raki, Bier und Wein. Und die Leute, sagt der Schaffner, kamen miteinander ins Gespräch.

Heute ist es still im Speisewagen, die Gäste reden leise, manche fotografieren. Würde jemand von ihnen die Tür öffnen, die zu den billigen Waggons führt, könnten sie einen Mann erkennen. Er steht zwischen den Waggons, vor dem Klo, im Rauch seiner Zigarette.

Das ist Sener.

Sener sagt, er sei Arbeiter. Er sei 53 Jahre alt und auf dem Weg nach Hause, in die Nähe von Kars. Sener, der älter aussieht, sagt, diesmal sei es schwer gewesen. Keine Arbeit in Ankara, nirgends. Vier Wochen lang blieb er und bot sich an, auf den Baustellen der Stadt, so wie er es früher in Istanbul und Izmir getan hatte, für 150 Lira am Tag, rund 25 Euro. Oder mehr, sagt Sener, wenn man nach Sonnenuntergang weitermachte.

Es hatte immer Arbeit gegeben, solange in diesem Land gebaut wurde wie verrückt.

"Sie nehmen jetzt nur noch Syrer", sagt Sener, die seien billiger. "Die Syrer", sagt Sener. "Warum sind sie noch hier? Der Krieg in ihrem Land ist doch vorbei."

Eine Polonaise an den Liegewagen. Studenten aus der Stadt Kayseri nutzen einen kurzen Halt zum Tänzchen.

Eine Polonaise an den Liegewagen. Studenten aus der Stadt Kayseri nutzen einen kurzen Halt zum Tänzchen.

Sener ist ein höflicher Mann. Wenn man ihn einlädt in den Speisewagen auf ein Essen, bedankt er sich untertänig. Er sagt, der Reporter aus Deutschland könnte "ein Muslim sein", so sagt man in Seners Dorf, wenn man jemanden mag.

Dann trinkt er seine Suppe, es ist das Erste, was er seit Ankara zu sich nimmt. Den Toast dazu isst er nur halb, die andere Hälfte hebt er sich für später auf. Er hat keine Lira mehr bei sich, sagt er. Sener hat den Zug genommen, weil er im Sitzwagen nur 48 Lira bis Kars kostet. Sonst fuhr er immer mit einem Bus, aber der Zug sei billiger.

Erzincan, Kilometer 934, 157.000 Einwohner, davon für die beiden Kandidaten von Erdogans Wahlallianz: 75,4 Prozent

Er steigt kurz aus, die Luft ist kalt, aber die Sonne scheint. Jetzt erst sieht man die Furchen in Seners Gesicht, sieht ihm an, dass er sein Leben lang draußen gearbeitet hat.

Sener verlor seine Familie im Erdbeben von Gölcük 1999, seitdem bekommt er alle drei Monate ein wenig Geld vom Staat, und wenn er zum Arbeiten in die Städte fährt, bezahlt ihm der Staat ein billiges Hotel. So erzählt er es. Sonst lebt er bei einem Verwandten in einem Dorf in der Nähe von Kars, in den Bergen. Im Sommer, sagt Sener, werde er als Hirte arbeiten. Er werde vier Monate lang mit einer Schafherde übers Land ziehen. Der Sommer beginne, sagt er, wenn der Schnee taut.

Sener steht am Bahnsteig auf Höhe des Speisewagens, auf der Grenzlinie zwischen den Menschen aus dem Osten und den Instagram-Menschen. Für einen Moment wirkt Sener, als hätte er sich zu weit vorgewagt. Ein paar Meter von ihm entfernt sieht er Mädchen, die Selfies von sich machen. Er raucht zu Ende, dann steigt er schnell wieder ein.

Sie gehen sich aus dem Weg, die einen und die anderen. Die einen sind wütend auf Erdogan, aber es lässt sich nicht vermeiden, dass sie die Wut auch auf seine Wähler projizieren. Gerade in dem Zug möchten sie sich mal nicht ärgern müssen über deren Frömmigkeit, die Spießigkeit, den belehrenden Ton.

Deshalb schließen sie sich ein ihre Abteile. Damit sie die anderen vergessen können, damit sie die Fahrt genießen können mit einem Glas Wein in der Hand.

So bleibt es friedlich. Im Zug, im Land. Sener bekommt nicht mit, wie die Studenten aus Kayseri später in der Dunkelheit tanzend durch ihren Waggon ziehen, wie sie beim Halt in einem Dorf draußen eine Polonaise machen und singen.

Der Speisewagen – der einzige Ort, wo eine Begegnung unumgänglich ist.

Der Speisewagen – der einzige Ort, wo eine Begegnung unumgänglich ist.

Ein Zug, zwei Welten, keine Begegnung. Sultan Nur hat 584 Abonnenten auf Instagram, in ihrem Waggon fotografieren sich die Menschen gegenseitig. In Seners Waggon bittet ein Mann, man möge seine Frau nicht fotografieren.

Für Sener ist der Zug ein Verkehrsmittel. Sultan Nur mag den Zug, weil sie ihn nostalgisch findet. Sultan Nur ist nicht reich, sie gehört zur Mittelschicht; Sener zum untersten Ende der türkischen Gesellschaft. Er kommt aus einem Land und einer Zeit, in der Ehen arrangiert wurden und Kinder passierten. Sultan Nur liebt ihre Katze, englische Literatur, Netflix und Kurztrips am Wochenende.

Sie leben nur ein paar Hundert Kilometer voneinander entfernt, und es trennt sie nur eine Generation, aber wenn sie sich treffen würden, im Speisewagen zum Beispiel, würden sie sich gegenübersitzen und hätten sich nichts zu sagen.

Für sie ist sein Leben so aus der Zeit gefallen wie der Zug. Und sie ist ihm ganz fremd.

Erzurum, Kilometer 1149, 768.000 Einwohner, den Erdogan-Kandidaten wählten: 62,8 Prozent

Wie lange hält ein Frieden, wenn er darauf fußt, dass Menschen sich meiden? In Seners Waggon sitzt ein Mann, der sich als Tourguide vorstellt. Rafting auf den Flüssen, Trekking in den Bergen. Auf den Ararat, über 5100 Meter hoch. Er führt Touristen durch das Land, das im Zugfenster vorbeizieht. Wo man oft stundenlang keinen Menschen sieht und im Winter der Schnee alles Leben verschluckt. Seine Gäste, sagt er, seien Europäer, Amerikaner. Aus den türkischen Städten komme kaum jemand.

Später erzählt eine der Studentinnen aus Kayseri in ihrem Liegeabteil, dass sie mit ihrer Klasse mal ein Zeltcamp machten. Sie wollte sich das Zelt mit einer Mitschülerin teilen, die Kopftuch trug. Die aber bestand darauf, dass im Zelt kein Alkohol getrunken werden dürfe. "Ich habe mir dann ein anderes Mädchen gesucht", sagt die Studentin. "Die sondern sich ab", sagt sie. "Nicht wir."

Der Zug ist doppelt aus der Zeit gefallen, eigentlich, es ist nicht nur die Langsamkeit, es ist auch die Aufteilung. Reich und liberal, religiös und arm. So war die Türkei früher, und Erdogans Ära war ein Aufstand dagegen. Unter ihm sind Religiöse reich geworden und mächtig. Und selbstbewusst.

Das Abteil – der Ort, wo man unter sich ist. Oder mit unzähligen Followern.

Das Abteil – der Ort, wo man unter sich ist. Oder mit unzähligen Followern.

Bei den Kommunalwahlen hat die Opposition einen Sieg gefeiert, aber wird Erdogan selbst sich noch durch eine Wahl stürzen lassen? Ihm blieben seine Anhänger. Die Macht liegt auf der Straße. Viele haben sich über die Jahre so sehr radikalisiert, dass sie für ihn kämpfen würden. Menschen sind eher gewaltbereit, wenn sie ihre Gegner nicht kennen.

Abends um halb neun, zwei Stunden zu spät, erreicht der Zug den Bahnhof von Kars, Kilometer 1365. Die 116.000 Einwohner haben diesmal den kurdischen Kandidaten zum Bürgermeister gewählt. Er saß zuvor sieben Monate lang im Gefängnis.

Auf dem Bahnsteig ist es minus zehn Grad kalt. Sultan Nur und ihre Freundin wollen zwei Nächte bleiben, zu einem zugefrorenen See fahren und zur Ruinenstadt Ani an der armenischen Grenze, sie werden viele Fotos machen.

Sehnsuchtsort

Sultan Nur würde gern nach Europa reisen, aber wegen der schwachen Lira sind Auslandsreisen teuer geworden. Datça, der Finger in die Ägäis, ist ihr Sehnsuchtsort. An klaren Tagen kann sie von dort das griechische Ufer sehen, Europa.

Sener, dem Sultan Nur auf dieser Reise nie begegnet ist, verbringt die Nacht im Bahnhof, er hat den letzten Bus in sein Dorf verpasst. Sener wartet darauf, dass der Schnee schmilzt.

Railgun Testschüsse
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