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US-Ostküste: Naturbühne am Atlantik

Feine Strände, steile Schluchten, klare Seen und dazu ein üppiger Regenwald: Die Natur hat es gut gemeint mit Maine. Der US-Bundesstaat im Nordosten lockt sowohl Ruhesuchende als auch Aktivurlauber.

Seit zwei Wochen ist die "Friendship V" nicht mehr draußen auf der tosenden See. Die Tage waren stürmisch, und manchmal überfielen dichte Nebelschwaden den Hafen von Bar Harbor und verdunkelten die Stadt wie eine hereinbrechende Nacht. Aber heute, an diesem Tag Ende Juli, ist die Sicht klar, 20 Seemeilen vor der Küste zerfasern auch die letzten Wolken und setzen sich wie Heiligenscheine auf die Gipfel von Mount Desert Island. Die Jagd nach Nixon und Breaker und Clinton kann beginnen."Schwer zu sagen, wo die Kerle jetzt sind", sagt der Kapitän. Sie können überall sein, hier draußen im Golf von Maine, einem der nahrungsreichsten Plätze der Welt. Sie kommen im Frühjahr aus der Karibik hoch geschwommen und fressen sich im äußeren Nordosten der USA ihren Speck an für den Winter. Nixon, ein Finnwal, heißt so, weil er angeblich das gleiche Profil hat wie der ehemalige Präsident. Breaker ist ein tollsüchtiger Buckelwal, der für die "Friendship V" zu einem treuen Kumpan geworden ist. Woher Finnwal Clinton seinen Namen hat, verrät der Kapitän nicht, es hat irgendetwas mit Frauen zu tun, er will da keinen Ärger kriegen.

Es dauert keine 30 Minuten, als am Horizont, vor einer kleinen, mitten im Golf gelegenen Felseninsel, eine Fontäne etliche Meter hochschießt. Das Schiff nimmt Kurs, und schon wenig später taucht nur 100 Meter steuerbord ein glatter, massiger, dunkelgrauer Körper aus den Fluten auf, langsam und geheimnisvoll wie ein U-Boot. Es ist ein Finnwal. Sein Schnaufen ist so laut, dass es das Knattern der Schiffsmotoren übertönt. Und seine Neugier so groß, dass er eine halbe Stunde lang um das Schiff kreist. Nixon ist es nicht, auch Clinton nicht. "Es gibt Hunderte", sagt Captain Greg, "die meisten sehen wir nie wieder."Die Finnwale sind die zweitgrößten Wale der Welt. Sie können bis zu 25 Meter lang werden, und wenn es einen idealen Ort gibt, sie zu beobachten, dann hier im Golf von Maine, wo sie für die Einheimischen so wenig exotisch sind wie Möwen am Nordseestrand. Die Passagiere an Bord haben 45 Dollar bezahlt und sind vorbereitet auf die Begegnung, doch als es so weit ist, stehen sie mit offenem Mund an der Reling und sagen Worte wie majestätisch und erhaben. Es gibt Urlauber, die fast täglich hinausfahren, weil sie nicht genug bekommen können von den größten Säugetieren der Welt. Sie erzählen, dass die Walkinder manchmal mit den Bugwellen tanzen und man an guten Tagen mehrere Fontänen gleichzeitig beobachten kann, die in der Abendsonne aussehen wie Wasserspiele in einem Kurpark.

Man könnte seinen Urlaub tatsächlich dort auf dem Meer verbringen, weil die Tiere einem immer wieder den Atem rauben: Finnwale, Buckelwale, Delfine. Aber die Küste von Maine ist lang und abwechslungsreich und voller Attraktionen. Man könnte zum Beispiel von einer Hummerbude zur nächsten fahren, die in jeder kleinen Bucht stehen, groß wie Gartenlauben, und den ganzen Tag nichts als Hummer mit Butter, Hummer mit Pasta, Hummer in Weißweinsoße essen, der für die Einheimischen so wenig exotisch ist wie Matjes am Nordseestrand. Man könnte auch an Bord eines Viermasters entlang der schroffen Steilküste segeln, zwischen Hunderten kleiner Inseln hindurch und abends am Strand Hummer in Bier garen. Oder die Tage beginnen wie die Naturcracks im Acadia National Park, dem einzigen Nationalpark der US-Ostküste, wo auf engstem Raum all das zusammen- liegt, was die Natur Maine in Fülle geschenkt hat: Seen, Schluchten, Strände, Regenwald und Berge, die bis ans Meer reichen.Schon bei Sonnenaufgang paddeln die Cracks mit dem Kajak hinaus aufs Meer bis zum Sand Beach, einem in einer felsigen Bucht gelegenen Strand. Von dort erklimmen sie die Berge, ziehen sich zwischen roten Felsen und knorrigen Birken hinauf. Oben springen sie in den Bergsee und durchschwimmen ihn, um anschließend mit dem Mountainbike entlang der Steilküste zu fahren, mit Blick auf die Inseln und Wasserfälle und die leuchtenden Bojen der Hummerfischer. Es ist der perfekte Beginn eines Tages in Acadia, wenn man die Überdosis Natur ertragen kann. Es hat etwas Rauschhaftes und ist unbedingt zu empfehlen, wenn man Maine an einem Tag erleben will.

Man könnte sich aber auch einige Wochen Zeit lassen, die Fahrt in den Süden aufnehmen und immer wieder einen Rausch erleben, weil es immer wieder eine noch schönere Bucht, einen noch einsameren Wanderpfad, eine noch idyllischere Bucht gibt auf dieser 5500 Kilometer langen Küste mit ihren 68 Leuchttürmen. Die Fahrt führt über schmale, geschwungene Straßen auf Landzungen, die wie knochige Finger ins Meer ragen. Die bunten Häuser sind aus Holz und stehen oft hinter blühenden Wildgärten. Man passiert Strände mit Blaubeeren und Cranberries und Antiquitäten der Meereswelt. Maine ist der Staat, wo man selbst an Tankstellen Blaubeeren bekommt und in Gemischtwarenläden Hummer. Es ist der Staat, der mehr Galerien als Banken hat und mehr Antiquitätenschuppen als Supermärkte.Nur zwei Autostunden südlich von Bar Harbor gelangt man auf die Insel Deer Isle, einen lange vergessenen Teil Maines, und an der Spitze dieser Insel, in die Berge des Ufers gebaut, in das Dorf Stonington. Die Häuser stehen auf Stelzen, die Wege sind schmal, der Wind schmeckt nach Fisch und Cappuccino. Wenn es einen Ort gibt, der den Zustand Maines treffend beschreibt, ist es Stonington. Auf dem Pier versammeln sich halbstarke Seemänner, die im Sommer täglich hinaus- fahren, im Winter ohne Arbeit sind und am Abend gern bei einem Joint davon erzählen, welchen Kollegen sie schon verloren haben auf hoher See oder am Baum einer Landstraße. Und neben ihnen stehen Künstler aus allen Teilen Amerikas, die Bilder malen von den halbstarken Seemännern und der Küste, die hier so malerisch sein soll wie nirgendwo sonst.

Auch an diesem Sonntag sieht man sie zusammen auf dem Pier - die Künstler und die Fischer. Der Hummer kostet hier an der Bude sechs Dollar. Eine heitere Fischerin singt Countrysongs, die ein lokaler Radiosender überträgt. Es ist ein Leben zwischen Aussteigen und Rausfahren, zwischen Seelensuche und Jobsuche. Ein Leben, das noch nicht gekapert wurde von den Fängen der Reiseindustrie. Aber "es geht rasend schnell an unserer Küste", sagt die Malerin Connie Hayes. "Da kommen die Stadtentwickler und nehmen den Fischern die Uferfront und uns die Winkel und Farben und die Ursprünglichkeit."Doch noch ist Stonington mit seinen 60 vorgelagerten Inseln, dem größten Archipel der Ostküste Amerikas, auch der ideale Ausgangspunkt für die in Maine so beliebten Kajaktouren auf dem Meer. Die Touren führen zwischen Felsen hinaus, an Inseln vorbei mit Namen wie Wreck Island oder Saddleback Island, die für 1,7 Millionen Dollar zum Verkauf steht. Man könnte anlegen, am Sandstrand, im Süßwasserteich baden und die Nacht dort verbringen, auf einer Atlantikinsel ohne Menschen, und am nächsten Tag weiterpaddeln zur nächsten Insel und zur nächsten bis zur schönsten aller, der Isle au Haut, groß wie Amrum, wo gerade mal 60 Menschen ständig leben, Fischer und Schriftsteller, und das Postboot am Tag einmal kommt. Maine ist anders als das Mainstream-Amerika. In Maine leben Menschen, die Schweigen und Einsamkeit nicht bedrohlich finden. In Maine nehmen sie Recycling ernst und warnen bei Wanderungen vor Schwarzbären und Elchmüttern. In Maine gibt es bei McDonald's Hummer-Burger. In Maine hat zwar die Familie Bush ihren Feriensitz, aber an den Autos klebt "Schützt die Welt - schickt Bush auf den Mars". Wenn es so etwas wie das Gegenstück zu Texas gibt, ist es Maine, der größte aller Neuengland-Staaten.

An einer jener einsamen Straßen der Küste, der Waterman's Beach Road, hat die 73-jährige Ann Cousens ihre Hummerhütte aufgestellt. Es ist ein Sonnentag, der Südwestwind hat die Schwüle des Inlands hochgetragen, das Meer ist still. Ihre Enkel fahren in kleinen Booten hinaus zu ihren 800 mit Bojen gekennzeichneten Fallen und bringen Wannen voller Hummer zurück, 300 an diesem Tag. Sie sagen nicht viel, aber wenn es um Hummer geht, sagen sie etwas mehr, und Ann Cousens könnte Stunden davon erzählen. Hummerfischen sei eine eigene Philosophie, sagt sie, und selbst die Leute, die schon in dritter Generation hier leben, kapierten es noch nicht. Man kann Hummer dünsten oder kochen. Man kann ihn in Salzwasser kochen oder Meerwasser, in Butter wenden oder Mayonnaise, mit Zitrone beträufeln oder Limette. Sicher ist: Man isst Hummer am besten in diesen Lobstershacks, diesen einfach gebauten, verwitterten Hütten am Wasser. "Das hier ist noch das wahre Leben", sagt Ann Cousens, "nicht wie in Camden. Hier gibt es noch echte Boote, nicht wie in Camden. Hier gibt es noch echte Menschen, nicht wie in Camden."

Camden ist so etwas wie das St. Tropez von Maine. Der Hummer hier ist teuer und wird auf Linguine serviert. Die Boote sind edel und brauchen einen Steg für sich. Übertroffen wird Camden nur von Kennebunkport im Süden Maines. Dort, wo die schönsten Strände sind. Dort, wo die Bushs leben. Dort, wo die Boutiquen sind. Dort, wo Maine ein bisschen etwas von Sylt hat. Oder der Fifth Avenue. Dort, wo keine knatternden Fischerboote hinausfahren, sondern alte Windjammer.Der Törn an Bord einer dieser Windjammer, der "Appledore II", kostet 25 Dollar. An Bord wird man Millionäre aus Manhattan finden, aber auch Segelliebhaber aus Frankreich, und wenn sich der Nebel einmal gelöst hat, gibt es kaum eine schönere Fahrt. Vorbei an Leuchttürmen und der sich stets wandelnden Steilküste, wo sich ein Weißkopf-Seeadlerpaar sein Nest gebaut hat. Delfine springen aus dem Wasser und begleiten die "Appledore II" eine Weile, Robben sonnen sich auf einer Felseninsel. Abends ankert der Zweimaster in einer einsamen Bucht. In einem Kessel voller Bier kocht der Smutje frisch gefangenen Hummer. Den Kessel bedeckt er mit Seegras, auf dem Garnelen und Jakobsmuscheln garen. Abwechselnd hört man die Glocken auf den Bojen und das Nebelhorn eines Leuchtturms. Kapitän Nick kommt aus Florida und ist sonst in der Karibik unterwegs. "Das ist schon gut dort unten", sagt er. "Aber das hier ist nicht zu toppen. Besser geht's nicht. Wenn nur der Nebel nicht wäre."Da zieht er wieder auf. Der Nebel. Und er wird bleiben. Bis zum nächsten Morgen.Von Jan Christoph Wiechmann und Katja Heinemann (Fotos)

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