HOME

Glasgow: Gar nicht kleinkariert

Willkommen im neuen Glasgow! Vor allem Künstler und Architekten haben die marode Industriestadt in eine der spannendsten Kulturmetropolen Großbritanniens verwandelt.

Als Glasgow zur europäischen Kulturhauptstadt 1990 gewählt wurde, hat die ganze Welt gelacht. Und am lautesten die Glasgower selbst", erzählt Stuart MacDonald. Er ist Direktor des Lighthouse, eines Designzentrums in der Innenstadt. "Als Glasgow 1999 Britische Design- und Architekturstadt wurde, lachte niemand mehr." MacDonald steht auf der Aussichtsplattform des Lighthouse über den Dächern der Stadt. "Und das ist Glasgow heute", strahlt er und breitet die Arme aus. Als wolle er die ganze Stadt umschließen: vom East End, dem ehemaligen Arbeiterviertel, über die Merchant City mit Bars, Restaurants und Designerboutiquen, über die futuristischen Glasfassaden am Fluss Clyde bis zum viktorianischen West End, wo viele Künstler leben. "Seit den 80er Jahren hat Glasgow konsequent auf Kultur gesetzt und gleichzeitig die Innenstadt saniert", sagt MacDonald. "Das hat Investoren angelockt. Die Bar- und Clubszene blühte auf. Und plötzlich war Glasgow Trendstadt." Allein drei Millionen Briten besuchen inzwischen jedes Jahr die schottische Metropole. Der einstige graue Industriemoloch, der in den 70er Jahren wirtschaftlich am Ende war und mit Massenarbeitslosigkeit und Arbeiterkrawallen Schlagzeilen machte, wurde zu einem der beliebtesten Reiseziele im eigenen Land. "Viele Kreative ziehen mittlerweile von London nach Glasgow um", sagt MacDonald. Die großen Räume der viktorianischen Häuser mit den hohen Decken seien ideal für Studios und Ateliers - und noch bezahlbar. Schriftsteller, Musiker, Architekten, Internetfirmen: Glasgow zieht sie alle an. Oder lässt sie nicht mehr los. Wie Jilli Blackwood. Sie ist eine der innovativsten Textildesignerinnen Schottlands, im Süden Glasgows geboren und aufgewachsen. Vor allem ihre punkig-frechen Schottenröcke, ihre "Slash and Show"-Kilts, haben sie berühmt gemacht: rote, blaue und orangefarbene Stofffetzen und Fransen, zusammengenäht zu Rechtecken, ziemlich uneinheitlich, ziemlich respektlos - einfach cool. Nach dem Studium an der Glasgow School of Art bot ihr die britische Mode-Ikone Jean Muir einen Job in London an. Jilli Blackwood lehnte dankend ab. "Ich würde nie von hier fortziehen", sagt sie. "Glasgow ist keine Postkartenschönheit wie Edinburgh, wo du glaubst, du hast dich in ein Bühnenbild verirrt. Glasgows Charme ist rauer. Die Menschen sind direkt, laut und offen. Diese Emotionen inspirieren mich."

Mit ihrem Mann Iain, den drei Töchtern und der Hündin Tinkerbelle lebt Jilli Blackwood im Glasgower West End, in einem Haus aus dem Jahr 1882: Holzdielen, Stuck an der Decke, große Fenster. "Das West End ist für mich der schönste Stadtteil", schwärmt sie. "Schaut euch mal um, besonders in der Gegend um die Byres Road." Häuserzeilen aus honigfarbenem Sandstein, an denen Rosenbüsche emporranken. Gassen mit Kopfsteinpflaster. Italienische Feinkostläden, Antiquitätengeschäfte, Straßencafés. Im Starry Starry Night, einem Secondhand-Laden für Retro-Mode, stöbern spanische Touristen bei den Kilts. Und fragen den Verkäufer hartnäckig aus: zu welchem Clan welches Webmuster gehöre, wie viele Muster es gebe, welcher Clan der mutigste sei. Im Oran Mor, einer zum Pub umgebauten Kirche, trinken ein paar Dozenten von der nahen Universität schon vormittags Ale. Ein frischer Wind fegt durch den Kelvingrove Park, in dem Jogger ihren Hunden hinterherlaufen. Und die neogotische Universität, ein mächtiges, düsteres Gebäude, könnte jeden Harry-Potter-Film schmücken. Im West End lebt auch die Schriftstellerin Alison Louise Kennedy. In Großbritannien heimst die Schottin einen Literaturpreis nach dem anderen ein. In Deutschland ist sie nach ihren Romanen "Gleißendes Glück" und "Einladung zum Tanz" in den vergangenen fünf Jahren vom Geheimtipp zur Kultautorin avanciert. "Ich schreibe oft die Nächte durch", sagt sie. "Und wenn ich mich tagsüber entspannen will, lande ich meist im Botanischen Garten. Glasgow hat mehr als 70 Parks und ist eine der grünsten Städte Europas." Es sei die Vielfalt, die Glasgow so interessant mache. Schon ein Tag reicht aus, um davon einen Eindruck zu bekommen. Nur fünf Kilometer südlich des Stadtzentrums liegt Pollok Country Park. Zottige Hochlandrinder grasen auf den Wiesen, Schulkinder paddeln auf einem Flüsschen. Mitten im Park liegt Pollok House, ein ehemaliger Herrensitz von 1752: mit Museumsangestellten im Frack und Gemälden von El Greco, Goya und Murillo. Mit Silber, Porzellan und feinstem Glas aus Spanien, einer Bibliothek mit 7000 Bänden und wunderbar gearbeiteten chinesischen Tapeten. Im Keller, einst Revier der Dienerschaft, kann man sich heute in der riesigen Küche mit Scones, Marmelade und Tee stärken, bevor es zur zweiten Attraktion des Parks geht, zur Burrell Collection.

Die Kunstsammlung des 1958 verstorbenen, schwerreichen Schiffseigners Sir William Burrell hat einen internationalen Ruf und umfasst mehr als 9000 Ausstellungsstücke, von Europa bis Asien. Darunter Kurioses wie einen hölzernen Behälter für mumifizierte Ibisse, aber auch mittelalterliche französische Torbögen und Gemälde von Bellini, Degas, Manet und Cézanne. Seine Fans halten Burrell für einen begnadeten Kunstkenner, sehen ihn auf einer Ebene mit Rockefeller; Kritiker tun ihn als manischen Sammler ab, der einfach alles an sich reißen musste. Eine Busfahrt später, vor Luigi Corvis Fish & Chips-Laden am Glasgow Cross, im East End: Hinterm Tresen schmettert Luigi Opernarien, während er gleichzeitig mit der Fritteuse hantiert und kassiert. Die Inneneinrichtung stammt aus den 50er Jahren. Seit drei Generationen gehört der Familie das Geschäft. Wenn Luigi gute Laune hat, erzählt er, wie sich das Arbeiterviertel verändert hat. Man kann Luigis Stimmung positiv beeinflussen, indem man etwas zu essen bestellt. Von einer typisch schottischen Erfindung, die er anbietet, ist allerdings abzuraten: frittierte Schokoriegel. Die landen zunächst in Panade, dann in der Fritteuse und schließlich völlig ölig auf dem Pappteller. In der Nähe von Luigis Frittenbude findet am Wochenende der Barras Market statt, der bekannteste Flohmarkt Schottlands. Zwischen Gallowgate und London Road preisen Händler fast alles an - von Schlangenöl über Militaria und Antiquitäten bis zu Schweinefilets. Wahrsagerin Maura liest die Zukunft aus Teeblättern.

Nur ein kurzer Spaziergang ist es zum Mussel Inn. Das Restaurant in der Hope Street gehört einer Kooperative von Fischern und serviert Austern und Weißwein zu fairen Preisen - die beste Grundlage für einen Streifzug durch Bars und Clubs. Zum Beispiel ins Stavka in der Sauchiehall Street, das im Keller mit sozialistischen Wandmalereien der Sowjetunion huldigt und im ersten Stock mit Samt und Kristall dem Zarenreich. Reichlich Wodka gibt's auf beiden Ebenen. Im Soba, einer kleinen Bar in der Mitchell Lane, stoßen ein paar Studenten auf ihren Erfolg an. Sie haben die Aufnahme in die Glasgow School of Art geschafft. "Wer dort seinen Abschluss macht, hat in den USA und bei uns in Indien beste Aussichten auf einen Job", sagt der Architekturstudent Maneck aus Delhi. Das Schulgebäude in der Renfrew Street hat der Glasgower Architekt Charles Rennie Mackintosh 1896 entworfen. Mackintosh bedeutet für Glasgow so viel wie Gaud' für Barcelona und Frank Lloyd Wright für Chicago. Neulich, erzählt Maneck, habe er ein Architektenpärchen aus Indien getroffen. "Die beiden waren auf Hochzeitsreise in London und haben einen Abstecher nach Glasgow gemacht, der Architektur wegen." Sehr geschwärmt hätten sie vom neuen, futuristischen Science Centre am Fluss Clyde, von der babylonisch anmutenden St.-Vincent-Kirche aus dem 19. Jahrhundert und vom Rathaus, einem Palast im Stil der italienischen Renaissance. Über dessen Eingang prangt das jahrhundertealte Motto der Stadt "Let Glasgow Flourish" - Lass Glasgow aufblühen. Schon passiert.

Bernhard Lill / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity