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Osterinsel: Zwischen Muschelhörnern und Laserlicht

"Die Osterinsel ist wie Hawaii, aber ohne Amis", sagt eine junge Touristin aus Dänemark begeistert. Doch die typischen Konflikte zwischen Tradition und moderner Konsumkultur bleiben nicht aus.

Die frisch gekürte "Königin der Osterinsel" steht im goldfarbenen Abendkleid etwas schüchtern, aber überglücklich auf der Bühne. "Ich danke Euch allen und werde mich für unsere Kultur einsetzen", haspelt die 18-jährige Lidia Haoa ins Mikrofon. Hinter ihr führen mit Feder geschmückte junge Männer mit prachtvoller Mähne und nur leicht bekleidet Tänze aus alter Vorzeit von Rapa Nui auf. So nennen sich die aus Polynesien stammenden Ureinwohner der sagenumwobenen Insel mitten im Südpazifik.Muschelhörner tuten dumpf, Rauch aus Trockeneis wabert durch die von Laserlicht durchzuckte Nacht. Im Hintergrund wacht stumm eine der geheimnisumwitterten Steinstatuen, für die die Insel weltberühmt ist. "Die Osterinsel ist wie Hawaii, aber ohne Amis", sagt eine junge Touristin aus Dänemark begeistert.

Höhepunkt des jährlichen Insel-Festes

Die Krönung Anfang Februar ist Höhepunkt und Abschluss des jährlichen Insel-Festes Tapati Rapa Nui und soll das Überleben einer fast vergessenen Kultur sichern. Erst schwächten Stammesfehden die Gemeinschaft, und im 19. Jahrhundert rotteten europäische Eroberer und Sklavenjäger die Inselbevölkerung fast vollständig aus. Große Teile der Kultur sind unwiederbringlich verloren, weil alle Priester umkamen. Das Wissen um die eigene Geschichte, die Schriftsprache Rongo Rongo und auch die Bedeutung der hunderte von Steinriesen, Moai genannt, ist deshalb weitgehend verloren.

Traditioneller Wettkampf um den Königintitel

Erhalten blieben die Kultur des Alltags, Riten und mündlich weitergegebenes Wissen. Die Sprache Rapa Nui etwa, die entfernt an Japanisch erinnert, kehlige Gesänge, Gruppentänze, Gerichte mit Tunfisch und Süßkartoffeln, Trachten aus Federn und Bast sowie auch das Kai Kai, bei dem die Hände mit Hilfe komplizierter Bindfadenmuster Geschichten erzählen. Dies sowie eine Art Triathlon, Ruderwettbewerbe und Bananenschlittenfahren sind zugleich die Disziplinen, in denen die Anhänger der Kandidatinnen um den Königintitel wetteifern. Fast alle etwa 3800 Bewohner der Insel beteiligen sich an dem Wettstreit.Eine Jury aus angesehenen Mitgliedern der Inselgesellschaft bewertet die Darbietungen und vergibt Punkte. Lidia und ihre Helfer kamen auf 5800 Punkte. "Der Wettkampf macht nicht nur viel Spaß, sondern ist auch ein Ansporn, die eigenen Fähigkeiten und Gebräuche trotz Fernsehens und Fast Food lebendig zu erhalten", sagt Jurymitglied Cecilia - und schiebt einen Teller Fisch in die Mikrowelle.

Drogen und westlicge Konsumkultur sind Probleme

Junge Leute aber stehen dieser westlichen Konsumkultur und dem damit verbundenen Gewinnstreben ablehnend gegenüber. Der Widerstand richtet sich gegen Chile, zu dem die Insel seit 1888 gehört. "Hier lässt es sich eigentlich ganz entspannt leben. Was man zum Essen braucht, wächst doch alles im Garten", meint Alberto. "Es gibt hier weder arme noch reiche Leute", behauptet auch Cecilia. Im Straßenbild sind aber doch Unterschiede zu beobachten. Neben chromblitzenden Geländewagen strampeln sich andere auf quietschenden Fahrrädern ab, neben Bungalows stehen windschiefe Wellblechhütten.Auch Drogen stellen ein erhebliches Problem dar. Für viele endet das Volksfest denn auch nach Unmengen Cola-Pisco mit einem handfesten Rausch. "Du bist mein König", lallt eine kleine Dralle im gelben Kostüm einem Mann zu, der das Kompliment auch nicht mehr recht wahrnimmt. Dann spuckt sie sich auf die Nylonstrümpfe, verdreht die Augen und fällt wortlos vom Stuhl. Das gehört zu Tapati fast so wie zu einem Feuerwehrball in der deutschen Provinz. Die Umsitzenden nehmen das kleine Malheur mit dem Gleichmut der Rapa Nui hin. Und durch den Rauch eines Joints können sie der Szene sogar etwas Komisches abgewinnen.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA / DPA

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