Rettungsflieger Die roten Teufel von Zermatt

Jedes Jahr kommen in den Bergen um die 60 Menschen ums Leben. Fast immer durch Leichtsinn und Selbstüberschätzung. stern.de-Autor Oliver Jacobi hat einen Rettungseinsatz im schweizerischen Zermatt im Helikopter begleitet.

Mit ohrenbetäubendem Lärm und viel Wind heben wir im feuerroten Helikopter ab. Von der Basis in Zermatt geht es direkt in Richtung Matterhorn. Jemand ist in eine Gletscherspalte gefallen, mehr wissen wir nicht. Wir, das sind Gerold Biner, Flight Operation Manager der weltberühmten Rettungsflieger "Air Zermatt" und als einer der Besten so etwas wie ein Schweizer Nationalheld, und ich.

Das gläserne Cockpit eröffnet mit einem 240°Grad-Winkel sensationelle Panoramen über Bergketten, Schluchten und Felsformationen. Mit dem leisesten Anflug von Höhenangst, Schwindel oder Platzangst ist man hier verkehrt. Dies ist kein Spiel, sondern meist ein Einsatz um Leben und Tod. Während wir uns dem kleinen Matterhorn nähern, empfangen wir ständig Funksprüche. Die Zeit ist knapp, es müssen kundige Bergführer ausfindig gemacht und zur Unglücksstelle gebracht werden.

Die Schnittstellen sind bei einem Einsatz klar definiert. Jeder im Team von Pilot, Arzt und Rettungsassistent hat ein bindendes Pflichtenheft. Ständig sickern neue Puzzleteilchen durch. Der Verunglückte liegt offensichtlich in dreißig Meter Tiefe auf einem Schneebrett. Ein Lebenszeichen gibt es bisher noch nicht. Ein anderer Hubschrauber hat einen Bergführer aufgelesen und ist auf dem Weg zur Unglücksstelle. Auch wir überfliegen die Gipfelstation und halten Ausschau nach der Bergwacht.

Die Rettungsarbeiten zeigen den Männern ihre Grenzen auf: Im Zweifel ist die Natur der Stärkere

Der Pilot hat den Kollegen am Boden ausgemacht. Ein ungläubiges Raunen geht durch die Mikros. Riesige Gletscherspalten fernab der regulären Piste tun sich unter uns auf, Ein absoluter Wahnsinn und sträflicher Leichtsinn hier zu fahren. Eine weiterer Funkspruch erreicht uns. Wenige Pisten weiter liegt ein junger Skifahrer bewusstlos im Schnee. Wir können an der Gletscherspalte im Moment noch nichts ausrichten. Mit einem weiteren Hubschrauber wird schweres Gerät an die Unglücksstelle geflogen, um überhaupt eine Chance zu haben, den Verletzten zu retten. Wenn er noch zu retten ist. Offenbar liegt er auf einem Schneebrett, was jederzeit brechen kann. Aus der sich darunter liegenden "Kathedrale" wird eine Bergung auf eine ungleich größere Probe gestellt. In Absprache mit unserem Arzt, dem anderen Heli, sowie dem Boden, werden wir den zweiten Verletzten zuerst bergen. Der ist leicht auszumachen. Eine Menschentraube hat sich gebildet, die Pistenwache hat den Patienten in einer ersten Notversorgung auf eine Bare geschnallt und fertig für den Transport gemacht. Oliver, unser Arzt diagnostiziert eine Gehirnerschütterung und einen Armbruch. Das heißt, wir müssen ganz runter ins Tal nach Visp. Hier ist das nächste Krankenhaus.

Eine haargenaue Kenntnis der Gegend ist die notwendige Lebensversicherung. Kabel und Leitungen sind nicht immer sichtbar und der sichere Absturz, wenn diese sich in den Rotoren verfangen. Der Flug durch die Täler geht unglaublich schnell. Was mit dem Auto oder dem Zug über eine Stunde dauern würde passiert innerhalb von einigen Minuten. Die eingesparte Zeit entscheidet nicht selten über Leben und Tod, aber immer sorgt sie für eine bessere Versorgung und schnellere Heilung. Je früher die oft schweren Verletzungen bei einem Unfall behandelt werden können, um so größer die Chance auf eine Genesung ohne Folgeschäden. Die Kosten von zirka 2000 Euro pro Einsatz haben durchaus ihre Berechtigung.

Ein Fehler kostet das Leben

Kaum haben wir den Patient auf dem Dach des Krankenhauses übergeben, jagen wir wieder auf den Berg in Richtung Gletscherspalte. Mittlerweile sind drei Bergführer eingetroffen, ein weiterer Helikopter lässt das zur Bergung notwendige Instrumentarium ab. Wir gehen runter und lassen unseren Arzt auf der Piste zurück. Auf dem Rückweg zur Bodenstation erreicht Gerold ein weiterer Notruf. Ein Skifahrer hat sich die Schulter ausgekugelt. Der Pilot kontaktiert unseren Arzt Oliver, der noch auf seinen Einsatz wartet. Die Bergungsarbeiten stellen sich weiterhin als kompliziert dar. Wie immer muss schnell entschieden werden. Wir sammeln unseren Arzt wieder ein und fliegen zum nächsten Einsatz. Der Patient ist Italiener - es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Nach einer kurzen Behandlung kann er sogar wieder gehen. Wir werden ihn nach Cervinia fliegen. Direkt auf dem Kamm zieht sich die Grenze entlang. Die Rückseite des Matterhorn liegt in Italien. Es gibt eine Vereinbarung, dass Air Zermatt auch dort landen kann - im Sinne der Verletzten. Das war ein langes Tauziehen, es geht auch um Abrechnungen und Geld. Der Pilot übergibt den Patienten auf einem Parkplatz dem Dottore und schon sind wir wieder in der Luft und über die Grenze. An der Gletscherspalte tut sich etwas. Es scheint ein Jugendlicher zu sein - und er ist am Leben. Wie ein Wunder scheint er unverletzt aber schwer unterkühlt zu sein. Der an einem "Dreieck" befestigte Seilzug hält, das Schneebrett auch. Der 14 Jahre alte Junge zittert erbärmlich, aber er hatte Glück. Jedes Jahr kommen in den Bergen um die 60 Menschen ums Leben. Fast immer durch Leichtsinn und Selbstüberschätzung.

Reiseinformationen

Auf den Gletschern von Zermatt kann man auch im Sommer bis 13.00 Uhr noch Skifahren. Die beste Zeit ist aber von Mitte Dezember bis Mitte April. Die Silhouette des Matterhorn ist fast überall zu sehen, Skizirkus und Pistenzauber auf über 4.000 Metern Höhe sind einmalig. Zermatt hat seinen Charme behalten, Häuser im Chalet-Stil sind charakteristisch für den Ort. Die Luft ist fantastisch und wir durch keinerlei Abgase verdreckt: Zermatt ist autofrei. Herrlich wohnen kann man hier auch. Das Monte Rosa ist das älteste Haus am Platze und hat liebgewonnene Traditionen typischer Schweizer Hotellerie in das neue Jahrtausend gerettet. Echt kultig! Das Frühstück im "Salon" ist einfach zum Niederknien.
Oliver Jacobi

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