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Nachhaltig reisen: Die grünste Zeit des Jahres

Öko-Hotels, Umweltsiegel, Nachhaltigkeitsberichte - die Reisebranche gibt sich neuerdings gerne einen "grünen" Anstrich. Doch der Markt ist unübersichtlich: Wie reist man eigentlich umweltgerecht?

Von Mirco Lomoth

Wie einfach war es früher mit dem Urlaub. Man flog möglichst weit weg, zu möglichst exotischen Zielen, ganz ohne schlechtes Gewissen. Doch das ändert sich gerade. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, hält jeder dritte reiseaktive Haushalt in Deutschland soziale und ökologische Aspekte im Tourismus für besonders wichtig und wäre bereit, durchschnittlich acht Prozent mehr für nachhaltige Reiseangebote zu zahlen. "Es gibt einen Bewusstseinswandel, vor allem aufgrund der aktuellen Klimadebatte", sagt Wolfgang Strasdas, Professor für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Eberswalde. "Doch bislang gibt es nur wenig Bereitschaft, das Reiseverhalten tatsächlich zu ändern."

Die Tourismusindustrie stellt sich jedenfalls auf die wachsende Anzahl ökologisch bewusster Kunden ein. Viele Reiseveranstalter und Hotels werben mit "grünem" Engagement, auch wenn oft nur schwer zu durchschauen ist, welche Angebote wirklich umweltgerecht sind. Häufig setzen Unternehmen einzelne Umweltprojekte werbewirksam in Szene, ohne, dass eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie dahinter steht. Etwa, wenn sich eine Herberge schon als "Öko-Lodge" bezeichnet, nur weil die Klospülung mit Regenwasser funktioniert. "Greenwashing" nennt sich dieses Trittbrettfahren auf der Öko-Welle, das zu einer Verunsicherung der Kunden führt.

Durch das Labyrinth der Öko-Siegel

Etwas Orientierung verschaffen touristische Umweltsiegel. "Wenn man eine umweltgerechte Unterkunft buchen will, sollte man nach einem Ökosiegel Ausschau halten", sagt Birgit Weerts, Tourismus-Expertin des WWF. Doch anders als bei Bio-Lebensmitteln sind die meisten touristischen Siegel, wie etwa die EU-Blume oder das Schweizer Steinbock-Label, bislang kaum bekannt. "Es gibt im Tourismus eine unübersichtliche Anzahl von regionalen, nationalen und internationalen Umweltzeichen", sagt Heinz Fuchs von Tourism Watch. "Da muss es in Zukunft zu einer Vereinheitlichung kommen." Ein guter Ansatz in Deutschland ist die Dachmarke Viabono, die für umweltorientierte Hotels, Gaststätten, Campingplätze und Tourismusgemeinden steht.

Einen viel versprechenden Weg geht das Forum Anders Reisen, ein Zusammenschluss von mehr als 163 Veranstaltern, die nachhaltige Reisen anbieten. Der Verband hat ein Verfahren entwickelt, das für Reiseveranstalter verbindliche Umweltstandards garantieren soll. "Wir wollen Nachhaltigkeit messbar machen", sagt Rolf Pfeifer, der das Projekt leitet. Die teilnehmenden Veranstalter müssen Nachhaltigkeitsberichte abgeben, die ein unabhängiges Gremium prüft. Sind alle Anforderungen erfüllt, erhalten sie den Stempel "CSRcertified". Bewertet werden unter anderem der durchschnittliche CO₂-Verbrauch pro Gast und Tag und die Nachhaltigkeit angebotener Unterkünfte. "Die Kunden können Reiseveranstalter so direkt miteinander vergleichen und sich die umweltfreundlichsten aussuchen", sagt Pfeifer. Bis Ende 2010 sollen alle Mitglieder des Verbands die Zertifizierung durchlaufen und ab 2011 soll das CSR-Verfahren für die ganze Branche geöffnet werden.

Die Branche kommt in Bewegung

Es tut sich also etwas in der Tourismusindustrie. Urlaubsorte und ganze Ferienregionen setzen auf autofreie Mobilität und bieten Gästen eine kostenlose Nutzung von Bus und Bahn, wie etwa im Schwarzwald. Hotels stellen auf umweltbewusste Betriebsführung um und lassen sich nach Umweltstandards zertifizieren, etwa der ISO-Norm 14001. Doch es liegt auch an uns, den Touristen. Wir sind diejenigen, die entscheiden müssen, welches Hotel wir buchen und ob wir unbedingt für eine Woche in die Dominikanische Republik fliegen müssen, um uns zu erholen. Die Rechnung mit dem Klima ist einfach: Wer näher gelegene Urlaubsziele bevorzugt und mit dem Zug oder dem Bus fährt, statt zu fliegen, verursacht weniger Emissionen. Wer sich dennoch bewusst für eine Fernreise entscheidet, hat die Möglichkeit, die verursachten Emissionen mit einer Klimaspende kompensieren.

Der britische Umweltjournalist Leo Hickman, Autor des Buches "Und tschüss! Was wir anrichten, wenn's uns in die Ferne zieht", schlägt eine Drei-Jahres-Regel vor: Im ersten Jahr mit dem Flugzeug in die Ferne, im zweiten Jahr mit der Bahn in ein benachbartes Land und im dritten Jahr Urlaub irgendwo in der Nähe. "Niemand wird auf seinen Urlaub verzichten wollen, dafür lieben wir ihn alle zu sehr", sagt Hickman. "Ich denke aber, wir sollten in Zukunft verantwortungsbewusster reisen - und vielleicht auch etwas weniger."

Für das Klima wäre es am besten, wenn wir ganz zu Hause bleiben würden. Doch auch Umweltschützer gehen nicht so weit, von Fernreisen abzuraten. Denn in vielen ärmeren Ländern ist der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. So bietet auch der WWF in Kooperation mit dem Forum Anders Reisen Expeditionen zu Naturschutzprojekten weltweit an, etwa in den Kongo oder zu den Orang-Utans auf Borneo. "Ein Verzicht auf Fernreisen ist keine Lösung, wir sollten stattdessen unser Reiseverhalten bewusster gestalten", sagt Weerts. "Wer schon immer mal in den Regenwald wollte, sollte lieber eine bewusste Reise unternehmen, als mit irgendeinem Anbieter in irgendeinem Hotel zu landen."

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