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Reisemesse ITB: Ein Klimaschützer gegen fast alle

Fast 11.000 Aussteller buhlen auf der Internationalen Tourismusbörse um die Gunst der Reiselustigen. Wie ihre Angebote mit dem Klimaschutz vereinbar sind, wissen indes nur die wenigsten Anbieter. stern.de hat einen gefunden.

Von Claudia Pientka, Berlin

Rolf Pfeifer ist heiß begehrt: Ein Interview jagt das nächste, NDR, FAZ, RBB - ein Haufen Journalisten legen plötzlich Wert auf die Meinung des Reisefachmanns. Wohin dürfen wir künftig reisen, müssen wir aufs Fliegen verzichten oder gar ganz auf den Urlaub? Rolf Pfeifer ist Geschäftsführer des Forums Anders Reisen. Er bietet Reisen von 140 meist kleineren Veranstaltern an, deren aller Ziel es ist, Tourismus mit Nachhaltigkeit zu verkaufen. Sein Messestand auf der größten Reisemesse der Welt, der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin ist in Halle vier, an einem eher abseits und unterirdisch gelegenen Platz. Nicht ganz so glitzernd wie der Dubais, nicht halb so exotisch wie der Thailands. Äußerlich anziehend wirkt sein Schalter nicht, doch Pfeifers Reisen treffen den Nerv der Zeit, oder besser gesagt, die Sorge des Moments. Denn sein Angebot ist eines der wenigen der Branche, das auf den Klimawandel reagiert - jenseits von bloßem Marketing.

"Uns unterscheidet von anderen Reiseveranstaltern die Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem", erklärt Pfeifer das Konzept von Anders Reisen. Das bedeutet im Klartext, dass man in seinem Katalog "Reiseperlen" keine Flüge unter 700 Kilometer findet, wer bis 2000 Kilometer weit fliegen möchte, muss mindestens acht Tage lang bleiben. "Paris oder Prag werden Sie mit uns nur mit dem Zug ansteuern", sagt der Reisefachmann, "denn neben der Länge des Fluges sind es vor allem Start und Landung, die besonders viel Kerosin verbrauchen".

Nicht prinzipiell gegen Fernreisen

Ökonomisch ausgeglichen werden die Flüge mit Atmosfair, der Initiative, die Pfeifer vor dreieinhalb Jahren zusammen mit Germanwatch und dem Bundesumweltministerium gründete. Je nach Menge ausgestoßenem CO2 pro Flug entrichtet der Tourist ein Entgelt an die gemeinnützige Organisation, die das Geld in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- und Energiesparprojekte in Entwicklungsländern investiert. Eine Art moderner Ablasshandel. Klingelte das Atmosfair-Telefon anfangs nur 20 Mal pro Monat, kommen inzwischen mehr als 500 Anfragen herein. "Mittlerweile haben sich die meisten unserer Veranstalter sogar dazu verpflichtet, 50 Prozent der Atmosfair-Gebühr für den Reisenden zu übernehmen", erklärt Pfeifer.

Trekking in Chile, Trommeln in Ghana, Rafting in Kambodscha - Pfeifer ist sich durchaus bewusst, dass seine Kunden nicht nur die bayrischen Almen bewundern möchten. "Es darf nicht darum gehen, Fernreisen zu verdammen", sagt Pfeifer, "man darf nicht vergessen, dass für fast jedes 3. Entwicklungsland Tourismus die wichtigste Einnahmequelle ist." Aber wenn es nur darum ginge, sich in eine All-Inclusive-Anlage einzubunkern, dann verstehe er nicht, warum man dafür nach Thailand fliegen müsse, wenn es auch die Türkei täte. "Nur in diesem Punkt unterstütze ich den Appell der Politiker 'Sylt statt Seychellen'".

Damit seine Kunden etwas mehr von Land und Leute sehen als das heimische Zimmermädchen, spielt auch der Faktor Soziales eine große Rolle bei Anders Reisen. "Die Begegnungen mit Menschen sind uns wichtig: Wir engagieren zum Beispiel nur einheimische Reiseleiter, die sind vielleicht nicht so studiert, aber vermitteln einen viel persönlicheren Einblick in ihre Kultur. Außerdem bleibt so das durch den Tourismus erwirtschaftete Geld im Land".

Vorsichtiges Umdenken

Doch auch wenn Anders Reisen im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von 20 Prozent erwirtschafteten konnte und jährlich etwa 100.000 Gäste in den Urlaub schickt - die alternativen Reiseangebote breiten sich nur langsam aus. Der Reiseveranstalter Tiu prüft jährlich die ökologischen Maßnahmen seiner Vertragshotels und prämiert die vorbildlichsten 100. Immer mehr Autovermietungen nehmen Hybridfahrzeuge in ihre Flotte auf. Und auch die Lufthansa plant nun ihren 53 Millionen Passagieren Klimatickets anzubieten - für einen Partner hat sie sich jedoch noch nicht entschieden. Für die Strecke Frankfurt - New York und zurück müsste der Passagier dann einen Aufpreis von 68 Euro zahlen, so schreibt der "Spiegel", damit wäre der Verbrauch von 3166 Kilogramm Kohlendioxid pro Reisendem entgolten.

Am Grundproblem wird dies indes wenig ändern: Nach Angaben des statistischen Bundesamts flogen im Jahr 2006 insgesamt 65,7 Millionen Passagiere von deutschen Flughäfen ins Ausland - 3,6 Millionen mehr als im Jahr zuvor. "Das Problem mit dem Fliegen ist nicht nur der hohe Kerosinverbrauch", sagt Pfeifer, "sondern auch die Höhe, in der das CO2 ausgestoßen wird. Im Großraum Frankfurt sorgen diese Emissionen im Sommer bereits um einen Anstieg der Temperaturen um bis zu fünf Grad Celsius".

Zurzeit findet der alternative Reisemann mit seinem Anliegen auf der ITB viel Gehör, doch noch tummelt sich nur Fachpublikum in den Berliner Messehallen. Inwieweit sich auch die späteren Touristen von dieser Art zu Reisen angesprochen fühlen, wird sich erst ab Samstag zeigen, wenn die Pforten für das allgemeine Publikum öffnen. Der Präsident des deutschen Reiseverbands Klaus Laepple glaubt nicht an ein Umdenken: "Zu den Vorlieben der Bundesbürger zählten derzeit Fernreisen, Städtereisen und Wellnessurlaub. Ich denke nicht, dass die Deutschen angesichts der drohenden Klimakatastrophe auf Flugreisen verzichten."

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