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Unterwegs mit der Pistenraupe: 460 PS in Ferrari-Rot

Sie wühlen sich nachts fast unbemerkt für Skifahrer durch die Hänge: Pistenraupen. stern.de-Autor Oliver Jacobi war eine Nacht mit einem der Ungetüme unterwegs und hat Männerträume wahr werden lassen.

Wenn die Bahnen und Lifte in Zermatt abends zum Stehen kommen, kehrt für kurze Zeit Frieden ein auf den Pisten. Der ist nur von kurzer Dauer. Damit am nächsten Morgen die Hänge wieder jungfräulich erscheinen und perfekt präpariert sind, bedarf es enormer Anstrengungen. Auch wenn kaum jemand darüber nachdenkt: Die ausgefahrenen Pisten, Buckel und Eisflächen richten sich nicht von alleine. Es die Zeit der Pistenraupen. Im Cockpit dieser 460 PS starken Maschinen werden Männerträume wahr. Die geballte Kraft von elf Tonnen Stahl frisst sich durch den Schnee und nimmt mühelos jeden Steigungsgrad. Fährt das Pistenfahrzeug über eine geschlossene Schneedecke, schiebt es Schnee vor sich her und gleicht damit Unebenheiten des Untergrunds aus. Gleichzeitig wird der Schnee durch das Gewicht des Fahrzeugs verdichtet und mit der Nachlauffräse "umgegraben" und geebnet. Die Verdichtung ist die Voraussetzung für die rasche Sinterung des Schnees und damit eine über längere Zeit haltbare Skipiste.

Für die Jungs im Dorf der schärfste Job der Welt

Bevor es an die Arbeit geht, parkt der Pistenfahrzeugführer Daniel den Koloss auf einem Felsenkamm. Hier verläuft die Grenze. Die Schweiz liegt schon im Schatten, die italienischen Alpen tauchen ein in die untergehende Sonne. Dann geht es los. Drei Pisten schafft Daniel in drei Stunden, damit Skifahrer und Snowboarder am nächsten Tag wieder ihrem Vergnügen frönen können. 20 Fahrzeuge sind jede Nacht auf den Bergen rund um Zermatt unterwegs, damit alle Abfahrten bearbeitet werden können. High Tech im ewigen Eis. Für die Jungs im Dorf der schärfste Job der Welt.Um Kraftstoff zu sparen aber auch zur Sicherung bei besonders steilen Hängen, wird eine Winde im Fels verankert, mit deren Hilfe die Raupe den Berg hinaufgezogen wird. Erst wird die Piste vollständig aufgerissen. Zurück bleibt ein Geröll aus vereisten Klumpen, die in einem zweiten Gang mit einer Multiflexphräse planiert werden. In völliger Dunkelheit sind die Pistenraupen auf starke Scheinwerfer angewiesen. Auch wenn Daniel mutterseelen allein in seiner Kabine unterwegs ist, fühlt er sich nur selten allein. Im ganzen Tal kann er die Lichter seine Kollegen ausmachen. der job besteht aus strikter Arbeitsteilung und enger Zusammenarbeit. Wenn nicht jeder sein Pflichtenheft erfüllen würde, wäre die Zeit einer Nacht zu knapp. Denn der frisch planierte Schnee muss sich einige Stunden über Nacht setzen und tief durchatmen können, wenn er optimale Voraussetzungen für die Sportler bieten will. Bei starkem Wind muss die Raupe am frühen morgen raus, da über Nacht alles verblasen wäre.

Der Gletscher fließt

Besonders hart ist es für die Jungs hier draußen, wenn es stark schneit. Dann heißt es 24 Stunden im Dienst zu sein. Vor den Manikürearbeiten werden dann erst einmal Lawinen gesprengt. Neben der Piste bedürfen auch die Anlagen von Gondeln und Liften regelmäßiger Wartung. Besonders die Pfeiler, welche auf dem Gletscher montiert sind. Denn der Gletscher fließt. Damit stehen auch die schweren Träger und Pfeiler auf beweglichem Boden. Einmal im Jahr werden alle Träger nachjustiert, an manchen Stellen auf dem Gletscher sogar im Drei-Wochentakt. Der Furtsattel-Gletscher-Lift ist der längste in Europa und stellt die Sicherheit vor besondere Herausforderungen. Wie im Busch nachts die Augen wilder Tiere leuchten, funkeln hier sogenannte Theodolite. Überwachungskameras die auch im Dunkeln jede Bewegung der stählernen Kolosse aufzeichnen.Daniel ist glücklich auf dem Berg arbeiten zu können. Für ihn ist es der schönste Job der Welt. Und er ist sicher: "Das Glück strahlt dann auf andere Menschen ab."

Reiseinformationen

Auf den Gletschern von Zermatt kann man auch im Sommer bis 13.00 Uhr noch Skifahren. Die beste Zeit ist aber von Mitte Dezember bis Mitte April. Die Silhouette des Matterhorn ist fast überall zu sehen, Skizirkus und Pistenzauber auf über 4.000 Metern Höhe sind einmalig. Zermatt hat seinen Charme behalten, Häuser im Chalet-Stil sind charakteristisch für den Ort. Die Luft ist fantastisch und wir durch keinerlei Abgase verdreckt: Zermatt ist autofrei. Herrlich wohnen kann man hier auch. Das Monte Rosa ist das älteste Haus am Platze und hat liebgewonnene Traditionen typischer Schweizer Hotellerie in das neue Jahrtausend gerettet. Echt kultig! Das Frühstück im "Salon" ist einfach zum Niederknien.
Oliver Jacobi
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