Val di Fassa Unter den Sonnenfelsen


Lust auf Ski, aber kein Bock auf Pisten-Gegröle? Oberhalb Moena kann man in einem unendlichen Skigebiet die bizarre Felsenwelt der Dolomiten erkunden, ohne am teutonischen Party-Furor zu verzweifeln.

Bis die Sonne direkt die Stirn küssen kann, geht es aufwärts am Cima Uomo. Trotz Hochsaison sind Pisten und Parkplätze am Passo san Pellegrino leergefegt. Der Italiener startet im Trentino etwas später in den Tag, selbst wenn strahlender Sonnenschein auf diesen Traum von Piste fällt. Weiches Pulver obenauf gestreut, darunter wird es hart und griffig. Kein Eis, keine Steine, so ist es im ganzen Gebiet. Festen Halt findet der Ski, in den Kurven streifen die Hände die weiße Pracht. Weit unten im Tal im Revier von Skischulen und Kindern heißt es, langsamer werden. Ein Tag für Ski-Götter.

Auf 1900 Meter am Passo san Pellegrino startet man in die Zauberwelt der Dolomiten. Die Pisten sind weit und gut ausgebaut, die Anlagen top-modern und so großzügig dimensioniert, dass man selbst an einem Tagen mit Besucherrekord nicht in der Warteschlange schmoren muss, wo man sich doch rasch in die Tiefe stürzen will. Die wenigen Schlepplifte finden sich auf den flachen Anfängerhügeln. Eine Frage bleibt: Guten Schnee und tolle Lifte findet man auch woanders. Warum sollte man Bayern und Österreich links liegen und weiter durch Südtirol hindurch ins Val di Fassa reisen?

Was haben die, was wir nicht haben?

Wer, wie wir, mit dem Auto anreist und sich nicht scheut, als letzte Hürde vor dem Ziel das Sella Joch zu nehmen, dem geben die aus dem urzeitlichen Meer empor gestiegenen Felsen selbst die Antwort, sobald er die Passhöhe überquert hat. Majestätisch thronen die schroffen Zacken einer Traumlandschaft über den sonnendurchfluteten weißen Hängen. Selbst dem vielgereisten Urlauber verschlägt es den Atem.

Im Tal kleidet sich die Landschaft des Trentino mit ihren tief verschneiten Tannenbaumwäldern so wintermärchenhaft, wie es nicht schöner sein könnte. Man reist in dieses Tal, weil die Dolomiten grandios über die Täler herrschen und mit ihren schroffen Felsen und Türmen an ein verwunschenes Land erinnern. Viele kennen sie nicht, die uralten Geschichten vom zornigen Zwergenkönig Laurin, den Tränen der Wasserfrau und der tragischen Liebe zwischen Dolasilia, der Prinzessin des Bundes zwischen Himmel und Erde und ihrem Schildträger Ey de Net. Der Zauber der Sagenwelt zieht auch den Unwissenden in den Bann.

Mehr Stil, mehr Geschmack

Ins Val di Fassa fährt man, weil hier Italien ist und die Italiener weder auf der Piste noch beim anschließenden Apres Ski lautstark "Skiheil" skandieren. Weil sie auf der Piste eine "bella figura" machen wollen und man nicht vor Scham im Schnee versinkt, wenn man einer Kegelclub-Horde mit Schweinsmasken-Mützen begegnen muss. Weil das italienische Essen in der Alpenregion so gut ist, dass es alleine einen Urlaub rechtfertigen könnte. Weil die Skilehrer eben nicht Toni heißen, sondern Luigi. Und weil sie dabei so strahlende Augen wie der junge Mel Gibson haben. Oder so knorrig und trotzig aussehen wie Harvey Keitel. Und weil sie nicht im Streifenoverall auf der Piste stehen, sondern mit unifarbenen Helly Hansen Jacken schick daherwedeln.

Und weil sie doch irgendwie alle ein bisschen Deutsch sprechen. Neben Italienisch und natürlich Ladinisch. Zumindest an Stellen wie dem Skiverleih, den Skischulen und den Tourismuszentralen "spricht man deutsch" - ein wenig.

Tal für Aktive

Und weil es Guides wie Giuliano Mazzel gibt. Keinen lärmenden Pistenräumer, sondern einen braun gegerbten Bergführer, der zwischendurch unversehens ins Ladinische fällt. Schwer fällt es hier nur in einer Sprache zu bleiben, bei ihm zu Hause geht es multi-lingual zu. Mit ihm sprechen die Kinder ladinisch, mit seiner Frau deutsch. In diesem Tal liegen Regionen und Sprachen eng beieinander. Auf der einen Seite steigt man ins deutschsprachige Südtirol hinauf, an der anderen fährt man die Abfahrt nach Bellumo in Venetien hinab. Wir steigen heute nur eine kleine Tour für den Appetit mit Schneeschuhen in die Gourmet-Hütte Fuciade am Passo hinauf. Guiliano ist guter Dinge. Vor einigen Jahren noch, hätten die Urlauber im Winter nichts anderes als Abfahrt gemacht. Gut für Skilehrer sie das gewesen, aber für Bergführer? Heute hätten sie viel zu tun. Die Urlauber seien aktiver. "Manche nur ein ganz klein bisschen", gibt er zu. Sie würden mit den Schneeschuhen eine kleine Tour gehen, und seien dann froh, wenn es wieder hübsch ins Warme gehe. Aber von Jahr zu Jahr werden die Skitouren-Geher mehr. Überhaupt ist das Tal für die Abfahrtmöglichkeiten neben der Piste berühmt. Auch von den Hängen des Cima Uomo können die Freerider hinab schweben bis zur Liftstation. Anders als etwa am Arlberg muss sich der Variantenfahrer nicht in Reisebus-Gruppenstärke die Hänge hinabquälen. Den ganzen Tag über erwartet ihn hier unverspurter Tiefschnee. Trotz der riesigen Skianlagen gibt es in den Dolomiten noch unzählige Hänge und Abfahrten, die nicht mit dem Lift zu erreichen sind.

Tal für Familien

Dabei ist das Trentino ein Urlaubsgebiet für Familien. Umso größer, umso besser. Zusätzliche Großmütter und allein lebende Cousinen waren in Italien noch nie ein Problem. Vielleicht der Grund, warum sich Russen und Osteuropäer so sichtlich zu Hause fühlen. Wie in den Krimis von Darja Donzowa reisen die überzähligen Verwandten einfach mit. Am Nachbartisch im Hotel de Parco kommen auf zwei Männer jedenfalls fünf Frauen und unzählige Kinder. An die Tische passen in allen Restaurants Großfamilien, oder Patchworkfamilien, wie es auf neudeutsch heißt. Die gute ladinische Küche versteht man auch ohne Wörterbuch, nur an die Tischreservierung sollte man unbedingt denken.

Tal für Genießer

Neben den Großfamilien wird das Trentino von "Menschen besucht, die die Ruhe lieben", so Brigitte Vendruscolo, Wirtin des "Cima Uomo". Eine Gastwirtschaft mitteln auf der Piste des San Pellegrino Passes, die tagsüber als Self-Service Restaurant Hunderte von hungrigen Skifahrern bedient und abends als "Genugtuung für den guten Koch" zum Gourmettempel wird. In der Tat sind die selbst gemachten "rotolino di patate" eine Delikatesse und der Trentiner Wein, der hier wie in jedem Restaurant bevorzugt angepriesen und serviert wird, bietet eine erdige, kräftige aber nicht zu aufdringliche Grundlage. Der Hirsch in aceto balsamico zergeht auf der Zunge. Wer einen guten Skitag mit einem besonderen Essen abschließen will, kann sich mit den Spezialitäten des Tales verwöhnen lassen. Zum Glück beherrschen die Köche im Val di Fassa, die Kunst auf hohem Niveau zu kochen und die Preise dabei bodenständig zu halten. "Gut kochen ist schön. Aber kann sich das auch eine Familie leisten, das ist die Frage!", stellt Livio Gabrielli vom Tourismusverband schelmisch fest. Sein Tipp für preisbewusste Genießer ist das "La Foresta". Das Haus ist nicht gerade klein, die Räume wurden aber übersichtlich und gemütlich gehalten. Trotz der zahlreichen Gäste schmeckt das Menü, als sei nur für einen Tisch von acht Personen gekocht wurden. 25 Euro kostet das Abend-Menü. Dafür gab es: Gerstenrisotto mit Birnen und Gorgonzola, Hirschfilet mit schwarzer Traube, Nusskuchen mit Grappa-Sauce. Die Portionen sind stattlich, auch am Hirschfilet wurde gewiss nicht gespart.Kleiner und feiner und ein Spur teurer kehrt man in Moena im Hotel Tyrol ein. Unvergleichlich sind Essen und Atmosphäre in der Hütte Fuciade. Wer, wie wir, den Anstieg wählt, dem fehlt es nicht an Appetit. Wer eigene Bewegung scheut, kann sich im Schlitten von zwei dampfenden Kaltblütern den kurvigen Weg hinauf bringen lassen.

Moena, die gute Fee

Einen Prominenten-Corso wie in mancher Top-Destination gibt es in Moena am Eingang des Val di Fassa nicht. Dennoch macht das Bummeln in dem kleinen Städtchen mächtig Spaß. Moena ist ein richtiger Ort, nicht nur eine Hotelansammlung an einer Passstrasse. Hier sind die Klamotten modisch und bunt und verspielt. Und damit man sich den Spaß auch leisten kann, gibt es die "Outlets", die die Designerstücke erschwinglich machen. Aber keine Angst! Das Trentino ist nicht die Copacabana! Auch die Italienischen Mamis haben zuweilen dicke Schenkel und tragen die Highlights aus der vorletzten Saison. Alle verbindet jedoch der Genuss, der Hang, es sich gut gehen zu lassen. Gutes Essen, gute Weine, schöne Landschaft und trendige Klamotten. Dazu Skipisten mit der modernsten Lifttechnik und Pisten bester Qualität. Genüsslich gehen die sonnendurchtränkten Tage zu Ende. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Felsen in ein kräftiges Orange, langsam, ganz langsam verweht es dann zu einem zarten Rosa. "Enrosadira" sagen die Ladiner. Marina/Gernot Kramper


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