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Wer steckt hinter...: ...Nordic Walking?

Der Sport mit den Stöcken wird oft belächelt. Aber dieser Fitness-Trend hält weiter an. Die Idee dazu hatte der finnische Sportstudent Marko Kantaneva.

Von Iris Hellmuth

Ein Thema für seine Diplomarbeit zu finden, fiel Marko Kantaneva nicht schwer. Schon zu Beginn seines Sportstudiums hatte er gelernt, dass finnische Skilangläufer im Sommer mit ihren Stöcken laufen gingen. Aber wie könnte aus dem Training für Leistungssportler eine Sportart für jedermann werden?

Kantaneva begann Übungen zu entwickeln, die vor allem eines bringen sollten: Spaß. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen probierte er sie aus, und schon bald sprachen alle in seiner Heimatstadt von den "Bekloppten", die ihre Ski zu Hause vergessen hatten. Auch der finnische Freizeitverband erfuhr von Kantanevas Studien. Im Frühjahr 1997 bat man den damals 27-Jährigen, den Inhalt seiner erst halbfertigen Arbeit für die Verbandszeitung zusammenzufassen. Für den Text bekam er 1000 Finnmark (170 Euro). Zum Fototermin erschien auch ein Vertreter der finnischen Firma Exel. Schließlich hatte sie die Stöcke für das Shooting bereitgestellt.

Nach dem Termin trank man einen Kaffee. Der Exel-Vertreter, Taisto Manninen, erzählte von den Absatzschwierigkeiten seiner Firma. Der Markt für Skistöcke sei gesättigt - da kam die Idee des Studenten gerade recht. Nur: Wie sollte ein guter Stock zum Laufen aussehen? Darüber hatte Kantaneva in seiner Diplomarbeit nicht nachgedacht. Die Männer diskutierten mehrere Stunden. Das Ergebnis: Die Spitze sollte stumpfer sein als beim Original, auch der Stockteller war zu groß. Und die Länge? Über diese Frage vertagte man sich.

Einige Wochen später klingelte Kantanevas Handy. "Hallo, Herr Kantaneva? Manninen von Exel hier. Wissen Sie schon, wie lang die Laufstöcke sein müssen?" Kantaneva erschrak. Das hatte er ganz vergessen! Er holte ein paar alte Skistöcke aus dem Keller und lief auf den Hof. Nebenan spielte gerade der Nachbar mit seinen Kindern. Kantaneva bat ihn, mit den Stöcken ein paar Mal hin und her zu gehen. Wenige Stunden später rief er Manninen zurück: "Wir haben die Standardlängen", sagte er stolz.

Bald gingen die ersten Stöcke in Produktion. Aber wie sollte die neue Sportart heißen? In der Marketingabteilung von Exel rauchten die Köpfe. Auch Kantaneva grübelte. Nach mehreren Wochen kam man auf einen Namen, der so einfach klang, so selbstverständlich: Nordic Walking.

Bereits im Frühjahr 1998 stiegen die Absatzzahlen für die Walking-Stöcke in Finnland rasant. Schnell breitete sich der Trend in ganz Europa aus. Allein in Deutschland gab es 2005 mehr als zwei Millionen Anhänger dieser neuen Sportart - von der man allerdings bis heute nicht weiß, ob sie das Gehen wirklich gesünder macht: Ein geheimer Fitness-Zauber wohnt den Stöcken nicht inne. Die Krankenkassen erstatten ihren Mitgliedern trotzdem oftmals die Kosten für Nordic-Walking-Kurse. Frei nach dem Motto: Lieber am Stock gehen, als gar nicht bewegen.

Marko Kantaneva arbeitete vier Jahre für Exel, bis er 2004 mit einem Partner die Firma PoleAbout gründete. Dort ist er Direktor, Nordic-Walking-Ausbilder und Produktentwickler in einem. Reich sei er mit seiner Idee übrigens nicht geworden, sagt Kantaneva heute. Dafür seien mittlerweile zu viele Firmen am Geschäft mit den Stöcken beteiligt.

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