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Johan Cruyff: "Das ist nicht mehr mein Fußball"

Der ehemalige Weltklassespieler Johan Cruyff hat dem Fußball von heute ein vernichtendes Urteil ausgestellt. Hochklassige Spiele gäbe es schon lange nicht mehr. Der Grund: ein übervoller Terminkalender.

"Technisch gesehen geht es mit dem Fußball seit Jahren bergab. Taktik und Athletik bestimmen heute das Spiel. Konterfußball aus einer massierten Abwehr heraus bedingt keine großartige Technik. Kondition, Ordnung und solides Handwerk genügen dazu vollauf", sagte der Niederländer in einem Interview mit dem "Fifa magazine", der Monats- Zeitschrift des Fußball-Weltverbandes. "Das ist nicht mehr mein Fußball. Tolle Spiele sind heute eine Seltenheit und deshalb ein Medienereignis", fügte der frühere Mittelfeldstar hinzu.

Die Wurzel allen Übels

Hauptursache für diese Entwicklung ist nach Ansicht des 58-jährigen Cruyff der überladene Terminkalender. "Seit Jahren fordere ich eine Beschränkung auf 60, höchstens 65 Partien pro Saison. Das ist die absolute Obergrenze, von der wir heute weit entfernt sind." Deshalb plädiert Cruyff dafür, die nationalen Ligen auf 16 Teams zu begrenzen, und das Format der Champions League zu ändern: "Sie muss abspecken, bis sie wieder ihre alte Form erreicht: K.o.-System mit Hin- und Rückspiel, und das von Anfang an."

Für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland befürchtet Cruyff, dass sie ähnlich wie die jüngsten Fußball-Großereignisse von taktischen Zwängen und ausgelaugten Spielern geprägt wird. "Sind die Spieler müde, bietet sich den Zuschauern ein tristes Bild. Denken wir nur an die letzte WM zurück. Wie viele Tore wurden dort wirklich herausgespielt?"

Golf und Ski für den Seelenfrieden

Als Titelfavorit nennt der Kapitän der niederländischen Vize-Weltmeister von 1974 die brasilianische Mannschaft, doch auch dem Gastgeber traut er einiges zu. "Mit den Deutschen muss man immer rechnen, denn ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Bei kurzen Wettbewerben wie der WM sind sie immer stark." Generell aber hält Cruyff von der aktuellen deutschen Fußball-Qualität nicht sehr viel. "Außerhalb Deutschlands sind praktisch nur Jürgen Klinsmann und Michael Ballack ein Begriff. Das liegt daran, dass die Bundesliga wie viele andere Ligen auch weitgehend von Ausländern dominiert wird." Deshalb plädiert er dafür, die Clubs dazu zu verpflichten, "in jedem Spiel mit mindestens fünf oder sechs einheimischen Akteuren anzutreten".

Cruyff lebt heute in Barcelona, wo er 1996 nach acht Jahren als "Barca"-Coach seine Trainerkarriere beendet hat. Eine Rückkehr auf die Trainerbank ist für ihn ausgeschlossen, als am Job des Nationaltrainers hat er kein Interesse. Viel lieber widmet er sich heute dem Golfspiel und dem Skifahren.

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