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Kahn-Interview: "Es muss einiges passieren"

Den Ball flach halten: Oliver Kahn, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, im Interview über fehlende Klasse, Zweckoptimismus und das Stürmer-Problem.

Kann man eine Parallele zwischen dem EM-K.o. 2000 gegen Portugals B-Team und dem Ausscheiden gegen Tschechiens Reservisten ziehen?

"Damals sind wir sang- und klanglos untergegangen. Dieses Mal haben wir 1:0 geführt und die zweite Halbzeit auf ein Tor gespielt, Pfosten, Latte und was weiß ich noch getroffen. Wir hatten wirklich die Chance weiterzukommen."

Ist das Ausscheiden Pech oder fehlende Klasse?

"Es ist sicherlich nicht nur Pech. Aber man muss in Ruhe analysieren, wo die Schwachpunkte sind, was man in den nächsten zwei Jahren verbessern kann und muss. Auf jeden Fall muss einiges passieren. Denn wenn wir bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land eine Chance haben wollen, dann müssen wir Tore erzielen. Darin liegt unser Problem, wenn man nur zwei Tore in drei Spielen erzielt. Aber damit haben wir uns ja schon hundertprozentig gesteigert im Vergleich zur letzten EM. Da haben wir nur ein Tor geschossen."

Wie kann man das Sturm-Problem beheben?

"Es wird jetzt sicherlich wieder Leute geben, die nach jungen Leuten schreien. Aber wo kommen die her? Wo sollen die sein? Man muss schauen, dass man eine gute Mischung findet in den nächsten zwei Jahren zwischen älteren, erfahrenen Leuten und jungen Spielern. Was sich da auftut, wird man sehen. Aber so viel wird in den nächsten zwei Jahren nicht passieren, was die Nationalmannschaft anbelangt."

Also kein radikaler Schnitt?

"Um Gottes Willen. Wo sind denn die Alternativen? Das ist ja immer der Blödsinn, der nach solchen Turnieren in der Öffentlichkeit kolportiert wird, jetzt müssen neue Spieler her. Es werden viele Spieler, die hier dabei waren, auch in zwei Jahren dabei sein."

Vize-Weltmeister 2002, Vorrunden-Aus 2004 - wo steht der deutsche Fußball zwei Jahre vor der WM im eigenen Land?

Kahn: "Wir sollten nicht den Fehler machen, uns jetzt wieder zu arg ins Jammertal zu begeben. Wir müssen schauen, dass wir eine schlagkräftige Truppe zusammen bringen, weil der Druck in zwei Jahren noch wesentlich größer sein wird als hier bei der EM."

Das klingt aber nicht sehr optimistisch.

"Was heißt nicht optimistisch? Was soll denn noch passieren in zwei Jahren? Gute Spieler wachsen nicht auf den Bäumen, sondern sie müssen eine sehr lange Entwicklung durchmachen, bis sie ein Niveau erreicht haben, um einer WM ihren Stempel aufdrücken zu können."

Hat Rudi Völler aus dieser Mannschaft alles herausgeholt?

"Ich glaube, dass wir insgesamt, was die Defensive anbelangt, nicht schlecht gespielt haben. Wir haben einfach nur das Tor nicht getroffen."

Klaus Bergmann/DPA / DPA
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