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Kolumne: Frauen und das "geliebte" Rund

Was ist bloß aus der Männer-Domäne Fußball geworden? Das schwächere Geschlecht ist auf dem Vormarsch und bringt so manchen routinierten Fußballgucker aus dem Konzept.

Von Stefanie Mülheims

Zurückgelehnt und breitbeinig sitzt er auf dem vergilbten "Gelsenkirchener Barock"-Sofa. Auf der Mattscheibe flimmert das Spiel seiner geliebten DFB-Nationalmannschaft. Das Schießer-Feinripphemd und die ausgebeulte Trainingshose sitzen perfekt. Seine mit Adilletten bestückten Füße ruhen auf dem Wohnzimmertisch. In der rechten Hand ein kühles Blondes, in der linken die Fernbedienung. Und schon kommt "Mutti" auf leisen Sohlen aus der Küche, um "Kerle" mit Bier-Nachschub und Schnittchen zu versorgen.

Zu "Kerles" Leidwesen existiert dieses Bild nur in seiner Fantasie. Und nichts ist so, wie es mal war. Die letzte Bastion der Männlichkeit weist tiefe Risse auf: der ungestörte Fußballgenuss auf dem Sofa-Thron. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endgültig von den Frauen gestürmt wird. Keine einzige von Damenhand gereichte Stulle findet mehr den Weg zum geliebten Sofa, vom Bier mal ganz zu schweigen.

Als wäre das nicht schon Strafe genug, ist man jetzt selbst beim geselligen Fußballgucken in der Kneipe nicht mehr unter seinesgleichen. Evas Töchter bedienen nicht etwa, nein, sie trinken und jubeln genau so, wie es bisher dem "Mann an sich" vorbehalten war. Außerdem muss er sich auch noch eingestehen, dass das weibliche Gegenstück zu Klinsis Jungs Europameister geworden ist – zum vierten Mal in Folge.

Die Frauenzimmer entwickeln sich in jeder Hinsicht zu einer ernstzunehmenden Bedrohung. Unmerklich vollzieht sich ihre Wandlung von der Servicekraft hin zum vollwertigen Fußballfan. Dieser Lern- und Anpassungsfähigkeit fehlt jedoch die Substanz. Die Kommentare des weiblichen Publikums findet "Kerle" nämlich völlig verfehlt. Selektive Wahrnehmung aus Unwissenheit. Keine der Damen scheint den Kern der Fußball-Sache erfasst zu haben: Begeisterungsstürme bei einem gelungenen Freistoß und die obligatorische Depression bei der Niederlage der eigenen Mannschaft.

Und was noch viel schlimmer ist: Wenn der weibliche Datenaustausch erst mal zu Hochtouren aufgelaufen ist, scheint er nicht mehr zu verebben. Kaum kann "Kerle" sein eigenes Wort, und noch wichtiger: das des Kommentators verstehen. Von Ballacks Sixpack und Kuranyis Astralkörper bis hin zur überirdisch erotischen Ausstrahlung Beckhams - nichts wird verschwiegen. Reden um des Redens willen. Sie klatschen an den unmöglichsten Stellen, jauchzen vor Vergnügen, wenn sich ein Spieler mit dem Trikot den Schweiß aus dem Gesicht wischt und der gestählte Bauch zum Vorschein kommt. Würden sie doch nur einmal den Mund halten, sodass er seiner geliebten Mannschaft auf die alt gewohnte, konzentrierte, ungestörte Weise zugucken könnte! Seufzend greift er nach seinem Herrengedeck auf dem Tresen, die Vollblut-Blondine neben ihm prostet ihm zu, er verschluckt sich und verpasst das Tor.

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