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"Bellstedt haut drauf": Wo sind die Deutschen, wo sind sie geblieben?

stern.de-WM-Reporter Klaus Bellstedt reist für Sie durch Deutschland und fängt zwischen den Spielen die Stimmung im Land ein. In seinem Tagebuch erfahren Sie, was dem Mann an der Front alles widerfährt.

Tag 1: Im Konvoi mit Oranje Wenn die Bild-Zeitung schon schreibt, dass schwarz-rot-goldene Autofenster-Fahnen "mega in" sind, dann muss da was dran sein. Also mal die Augen aufhalten während der 700-Kilometer langen Fahrt von Hamburg nach München zum Eröffnungsspiel: Am Vortag des WM-Kickoffs lässt sich die "In-These" des Boulevards am besten auf der Autobahn überprüfen - dachte ich. Sagen wir so: Meine Erwartungshaltung wurde leicht ad absurdum geführt.

Die viel befahrene Nord-Süd-Achse A7 kennt wohl jeder von uns. Am Tag vor dem Spiel der Klinsmänner gegen Costa Rica fließt der Verkehr wider Erwarten ordentlich. 170 km/h, linke Spur, kein Problem. Doch Achtung: Zwei Busse mit gelbem Kennzeichen ziehen rücksichtslos links rüber. Ich rein in die Eisen und die Finger zum Dauer-Lichthupen verkrümmt. Wunderbar, lachende Holland-Fans mit Heineken-Dosen in der Hand jubeln mir aus dem Heckfenster zu. Verschüchtert winke ich zurück - auch die Käsköppe sind ja schließlich zu Gast bei Freunden, hier Höhe Hildesheim.

Die östlichen Nachbarn sind da

Weiter geht die Hatz. Nächstes Etappenziel: Göttingen. Bis jetzt noch kein einziger fahrbarer Untersatz mit deutscher Beflaggung in Sichtweite. Tankstopp in der Studentenstadt, plötzlich Sirenengeheul. Zwei Polizeiwagen eskortieren den Bus der mexikanischen Nationalmannschaft durch die City. Gelangweilt glotzen die Stars der "Tri" aus dem Fenster. Vom hupenden Konvoi hinter ihnen scheinen sie nichts mitzubekommen. Vier, fünf Autos, vollgestopft mit feurigen Landsleuten, verlängern die Eskorte. Schau mal einer an: Für eine Sekunde weht mittelamerikanischer Charme durchs schnöde Südniedersachsen. Dann ist der Spuk auch schon vorbei. Ich muss wieder rauf auf die A7 - noch 400 Kilometer.

Die Kasseler Berge werden ohne besondere Fan-Vorkommnisse bezwungen, die nächste Herausforderung wartet am von allen deutschen Autofahrern gefürchteten Kreuz Biebelried. Schon länger frage ich mich, welche Fahne da aus dem alten Ford-Transit weht, der partout nicht rechts rüber will. Eins ist klar: schwarz-rot-gold sieht anders aus. Das weiß selbst ich als Farbenblinder. Herzlich willkommen, ihr Polen, murmele ich beim Überholen in mich rein. Polska heißt doch Polen, oder? Also sind auch die östlichen Nachbarn angekommen. Ja, was ist denn hier los? Ich konzentriere mich auf den letzten 250 Kilometern bis in die bayerische Landeshauptstadt ab sofort nur noch auf die deutschen Brummi-Fahrer, auf die war doch in Sachen "Flagge zeigen" schon immer Verlass ("Hupen zwecklos, meiner ist 20 Meter lang"). Aber auch die Jungs sind nicht mehr so drauf wie früher: Keine Kriegsbemalung, keine "witzigen" Klinsi-Fanaufkleberchen an ihren Trucks.

Kann das wirklich eine Deutschland-Flagge sein?

Meine Laune wird mieser, ich meine: Geht hier am Freitagabend die WM los, oder wie? Wo sind die Flaggen jetzt also, liebe Bild-Kollegen? Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Das Frankenland, nun aber. Würzburg, Erlangen, Nürnberg-Feucht, ewige Kiefernwälder säumen die Autobahn. Und die ist weiter fest in holländischer Hand. Vier Wohnwagen-Züge gut gelaunter Niederländer im Schneckentempo veranstalten ein Mini-Ausscheidungsrennen. Die Fenster fein geschmückt und ganz in oranje gehalten, Ehrensache.

Wer will sich da aufregen? Ich schon längst nicht mehr. Im Gegenteil, eigentlich will ich jetzt gar keine schwarz-rot-goldenen Fähnchen mehr sehen. Beim Eröffnungsspiel werden davon sicher genug gewedelt. Es gibt ja schließlich den offiziellen Nationalmannschafts-Fanclub, sponsored by Coca-Cola. Die kriegen das schon hin. Wir deutschen Autofahrer haben es eben nicht so mit dem Fußball-Patriotismus. Auf diese Erkenntnis habe ich also bis Ingolstadt warten müssen. Und dann der Schock.

Kurz hinter der Audi-Stadt brettert von hinten ein alter Golf-GTI (Kennzeichen COE, gesprochen: "Kosfeld", Sie wissen schon) heran. Er drängelt mich auf die rechte Spur. Links und rechts ragen Deutschland-Flaggen aus den Seitenfenstern. Ich werd' wahnsinnig, dass ich das noch erleben darf. Verschüchtert räume ich das Feld, so viel Mut im eigenen Land muss doch belohnt werden. Aber meine Freude währt nicht lange. Kurz vor München, genauer gesagt, kurz vor der Allianz-Arena (Anschlussstelle Fröttmaning), staut es sich. Ein Wagen ist liegen geblieben. Es ist, Sie ahnen es schon, der stolze alte Golf. Wilder Rauch steigt aus der bereits geöffneten Motorhaube hervor. Armes Deutschland!

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