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#Gauchogate: Gaucho-Dance schlimm? Macht euch nicht lächerlich

Der Gaucho-Dance der Nationalspieler war unmöglich und steht für deutsche Großmannsucht? Das ist vollkommener Quatsch. Doch wir sollten froh sein, dass es die Diskussion gibt.

Ein Kommentar von Felix Haas

Die Nationalspieler Roman Weidenfeller, Shkodran Mustafi, Ander Schürrle, Miro Klose, Mario Götze und Toni Kroos

Die Nationalspieler Roman Weidenfeller, Shkodran Mustafi, Ander Schürrle, Miro Klose, Mario Götze und Toni Kroos

Vorweg eine (nahezu unerhörte) patriotische Äußerung: Es ist schön, im Jahr 2014 in Deutschland zu leben. a) Weil die meisten Menschen im Land in den vergangenen Wochen der besten Fußball-Mannschaft der Welt die Daumen gedrückt haben und dieses Team dann auch noch Weltmeister wurde, b) Weil sich die meisten Menschen im Land unabhängig von Beruf, Einkommen, Kultur oder Religion deshalb einfach mal für eine Nacht und einen Tag unbeschwert gefreut haben - und zwar gemeinsam; und c) weil in Deutschland nie irgendetwas selbstverständlich ist und alles hinterfragt und kritisiert wird.

Der letzte Punkt ist natürlich der entscheidende. Er beschert Deutschland den Weltmeistertitel, weil ja auch Löw, Lahm und Co. so lange ihre eigenen Leistung kritisierten, hinterfragten und verbesserten, bis am Ende das perfekte Ergebnis herauskam. Ganz akut beschert uns Punkt c) die "Gaucho"-Affäre, in den sozialen Netzwerken auch #gauchogate genannt. Das besondere an dieser Affäre ist, dass alle drei oben genannten Punkte kollidieren.

Der wirkliche Umgang der Spieler zeigte sich auf dem Platz

Ein paar Nationalspieler, so kritisieren einige, hätten den Final-Verlierer niedergemacht, weil sie den Gefühlszustand der Argentinier mit gebückter Haltung symbolisierten und dazu "So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so" gesungen haben. Anschließend sprangen sie auf, tanzten mit breiter Brust und nach oben gerissenen Armen und sangen dazu "So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so." Die Rede ist jetzt von deutscher Großmannsucht und unangebrachtem Sieger-Verhalten. Die Nationalspieler hätten das wohltuend demütige Auftreten in Brasilien wieder zerstört.

Das ist großer Quatsch. Wer die Gaucho-Affäre zur Staatsaffäre hochschreibt, der sorgt dafür, dass die wahrhaft großen Gesten auf dem Platz vergessen werden: Bastian Schweinsteiger umarmte Lionel Messi nach dem Finale, Müller wuschelte Dante und David Luiz nach dem Halbfinale durch die Lockenpracht. Diese Bilder verdeutlichen, wie die Nationalspieler wirklich mit dem Gegner umgehen: einfühlend und sensibel. Und zwar dann, wenn es darauf ankommt, von Angesicht zu Angesicht - auf dem Platz.

Die Diskussion um die "Gaucho-Affäre" beweist allerdings wieder Punkt c). Die Medien und die Menschen in Deutschland schauen genau hin, analysieren und kritisieren alles. Und das führt wiederum zu a), dem Erfolg. Wenn die Kritiker in der Sache also falsch liegen, so muss die Kritik dennoch nicht nutzlos sein. Sich der deutschen Geschichte stets bewusst, wird jeder Schritt der gegnerischen Erniedrigung peinlich genau hinterfragt. Deutschland hat gelernt aus der Geschichte. Jede noch so kleine fragwürdige Tat könnte eben die nächste fragwürdige Tat unkommentiert hervorrufen. Darum reflektieren die Menschen in diesem Land ständig. Das ist so viel wert. Es sorgt für eine ständige Evolution des Miteinanders. Noch ein Grund mehr, sich über die Weltmeister-Feier zu freuen.

Hier übrigens noch ein kleines Video von der Feier 2008:

Als Lesehinweis:

Wenn deutsche Großmannsucht im Jahr 2014 nur im Gaucho-Tanz stecken würde, dann könnten wir über die ganze Geschichte einfach nur herzlich lachen. Es gibt aber auch hierzulande wichtigere Themen: zum Beispiel die wirklich rechte Gesinnung unter dem Deckmantel des Deutschland-Jubels - bei einigen Fans.

"Ein sensiblerer Umgang mit dem Wunsch, sich für die eigene Nationalelf freuen zu können - ob mit oder ohne Fähnchen und Trikot - wäre hilfreich. Und ein Verständnis dafür, wie schnell rechtes Gedankengut sich einschleicht" - schreibt meine Kollegin Katharina Grimm dazu in ihrem Kommentar. Sie trifft Punkt a, b und c damit auf den Kopf. Kurzum: Freut euch, genießt es - aber schaut hin und kritisiert.

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