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Hamburg: Warum ein stern-Reporter unbedingt den Marathon laufen musste

Wenn jemand einen Marathon läuft, ist immer auch ein bisschen Wahnsinn dabei. Die Monate davor quält man sich. Am Tag danach fühlen sich die Gelenke an wie aus verrostetem Stahl. Warum das alles? Weil man am Ende fast weint vor Glück.

Von Oliver Creutz

Oliver Creutz beim Marathon

Autor Oliver Creutz (mit Startnummer 12085) während seines sechstschnellsten Marathons

Meine Beine heute: als wären sie aus Holz. Meine Gelenke: wie aus verrostetem Stahl. Der Tag danach ist immer der härteste. Das vergisst schnell, wer eine lange Marathon-Pause eingelegt hat. So wie ich.

Zehn Jahre waren vergangen seit meinem letzten Lauf; es war immer etwas dazwischen gekommen: Nachwuchs, Aua in verschiedenen Ausprägungen und an verschiedenen Stellen (grob: Knie, Schienbein, Ferse). Einmal wurde mir sogar ein Zahn gezogen, damit die Entzündung aus dem Bein verschwand. Es grenzte an Voodoo. Ich war fast an dem Punkt angelangt, an dem ich mir sagte: Bist halt kein Läufer mehr. Aber dann war ich ein paar Mal an der Strecke, wenn Marathon war, und jedesmal überkam mich die alte Gänsehaut, jedesmal nahm ich mir vor: Nächstes Jahr. Einer der vielen Ärzte, die ich konsultierte, sagte den entscheidenden Satz: "Läufer laufen, Läufer gehen nicht segeln." (Ein schöner Arzt-Satz: Auf Segeln wäre ich allein nicht gekommen.)

Pitschnass, durchgefroren, genervt

Ich fand zufällig die richtigen Schuhe (bei den falschen schwillt mein Fußgelenk gern auf Orangengröße an.) Und den richtigen Schmerz-Rausmassierer (Uwe: für mich der beste Physio der Welt). Ich fasste Zutrauen und ließ mich auf einen Trainingsplan ein. Stand im Winter um sechs Uhr morgens vor der Haustür, Sprühregen im Gesicht. Lief an Sonntagen die nötigen Riesenrunden, immer weiter weg, pitschnass, durchfroren, genervt. Ein Marathon im April bedeutet schlicht: gegen das Wetter antrainieren. Es ist niemals schön in Hamburg zwischen Januar und März, der Regen wird irgendwann etwas weniger kalt. Bald habe ich nur noch Läufer gegrüßt, die sich auf den gleichen Wahnsinn eingelassen haben – wir erkennen uns an den Trinksystemen und Rucksäcken, die wir mit uns führen. Ein Marathon lehrt uns sowohl Demut als auch Hochmut.

Meine Frau freute sich, dass mein Bäuchlein wegschmolz. Meine Tochter ließ eine Form der Anerkennung durchscheinen. Mein Sohn begleitete mich einmal mit dem Rad auf einer 20 Kilometer-Runde bei Gegenwind und ergiebigen Schauern – er erschrickt immer noch, wenn ich frage, ob er mal wieder mitkommen möchte. Gestern standen die drei kurz nach Kilometer 31 am Streckenrand, um mich abzuklatschen und mir mein zu Hause angerührtes Energie-Getränk zuzustecken: Mehr Freude kann ein Läufer nicht empfinden.

Wie leicht das bei dem aussah ...

Die Kollegen schauten anfangs interessiert, später ein wenig genervt auf mich, wenn ich in Laufkleidung und mit Rucksack in den Feierabend aufbrach. Meine Eltern warnten vor Verletzungen. Man redet in solchen Phasen am besten nur mit Gleichgesinnten: Ein Freund, der sich auf Läufe ab 100 Kilometer spezialisiert hat, empfahl mir als Wegzehrung Pumpernickel-Schnittchen. Und mit dem Kollegen Stefan, der gestern mitlief, fasste ich montags den jeweiligen Stand des Trainingsplans zusammen, begleitet von Blicken auf das Smartphone des Anderen, in dem Puls, Tempo und Distanz der vergangenen Läufe gespeichert sind. Für alle Nicht- und Normalläufer: anstrengend. Auch im Freundeskreis lässt sich mit Laufgeschichten nur eingeschränkt Anerkennung einsammeln. Einmal sagte Karl-Heinz beim Essen: "Meine Bestzeit ist 2:50. Da war ich 19." Danke für das Gespräch.

Die wichtigste Lektion: Du bist auf dich allein gestellt. Diese Fähigkeit brauchte ich spätestens ab Kilometer 38, wenn die prächtige Außenalster sich im Kopf zu einem grauen Tunnel verdichtet, dessen Ende unendlich weit entfernt scheint. Hier musste du keine Warum-Fragen mehr stellen, hier musst du dir jeden einzelnen Schritt von dir selbst abringen, und wenn ein Zuschauer am Wegesrand rasselt, trötet und deinen Namen ruft, dann denkst du: Schnauze! Lächelst aber trotzdem. Nachher sagen die Leute dann: Wie leicht das bei dem aussah ...

Es hat gehagelt gestern. Es war glatt. Die Windböen knallten gegen den gebeutelten Körper. Nach 4 Stunden und 45 Sekunden habe ich mich im Ziel verbeugt, um mir meine Medaille umhängen zu lassen. Es war mein siebter Marathon, mein sechstschnellster. Ich habe fast geweint vor Glück.

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