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Box-Weltmeister Chagaev: "Niemals so wie Henry Maske"

Er sorgte für die Box-Sensation des Jahres: Ruslan Chagaev, Kampfname "White Tyson", verprügelte den schier übermächtigen Russen-Riesen Nikolai Valuev und entriss ihm den WM-Gürtel. stern.de stattete dem Wahl-Hamburger im Gym einen Besuch ab.

Von Klaus Bellstedt

Sieht so wirklich einer aus, der noch vor vier Tagen um den WM-Titel im Schwergewicht geboxt hat? Ruslan Chagaev sieht man die Zwölf-Runden-Schlacht gegen Nikolai Valuev vom letzten Wochenende tatsächlich kaum noch an. Ein paar Schrammen zieren seine Stirn, die Hand schmerzt noch ein bisschen und der Ellenbogen ist leicht entzündet. Das ist alles, was der Usbeke an Kampf-Blessuren davon getragen hat. Unfassbar, wenn man bedenkt, dass Chagaev im Ringgeviert der Stuttgarter Porsche-Arena ein Boxer gegenüberstand, der nicht nur 30 Zentimeter größer war, sondern vor allem 40 Kilogramm mehr Lebendgewicht auf die Waage gebracht hatte.

"Mir geht es gut, alles kein Problem", sagt der neue Superstar des Hamburger Universum-Boxstalls. Wobei der 28-jährige Usbeke das Wort Superstar nicht gerne hört. Chagaev ist ein bescheidener Mann, fast schon schüchtern, in jedem Fall angenehm zurückhaltend. Eines kann man wohl jetzt schon über neuen Weltmeister im Schwergewicht sagen: Als neues Milchschnitten-Werbegesicht taugt Chagaev sicher nicht - und das ist gut so. "The White Tyson" will lieber weiter für sportliche Schlagzeilen sorgen. Die Chancen dafür stehen gut: Chagaev ist der jüngste der vier Schwergewichtsweltmeister, mit 28 hat er die besten Boxer-Jahre noch vor sich.

Feuerwerk bis 4 Uhr früh

Vladimir Klitschko ist zwei Jahre älter. Anders als Chagaev ist der Ukrainer auch in Übersee, also da, wo man als Boxer das meiste Geld verdienen kann, längst eine große Nummer. Ein möglicher Vereinigungskampf gegen den frischgebackenen WBA-Champ kommt für IBF/IBO-Weltmeister Klitschko (noch) nicht in Frage. Das ließ das Klitschko-Management jedenfalls Mitte der Woche verlauten. Hat da etwa jemand Schiss? Fakt ist: Vladimir Klitschko hat vor dem Kampf Chagaev vs. Valuev mehrfach sein Interesse an einem solchen Vereinigungskampf zum Ausdruck gebracht. Er konnte ja nicht ahnen, dass sein neuer potenzieller Gegner Ruslan Chagaev heißt. Und der verfügt mit seiner explosiven Linken über eine Waffe, die im Schwergewichtsboxen wohl einzigartig ist.

"Lass uns heute nicht über Vladimir Klitschko reden", stellt Chagaev leicht genervt klar. "Ich brauch jetzt ein bisschen Erholung vom Boxen." Kann man verstehen. Kann man noch besser verstehen, wenn man weiß, was auf den 28-jährigen Wahl-Hamburger in den nächsten Tagen einbrechen wird. Am Donnerstag fliegt er in seine Heimat nach Usbekistan. Dort ist Chagaev ein Volksheld. "Präsident Islam Karimov hat mir nach dem Kampf per Fax gratuliert. Er möchte, dass ich mich zuhause zeige." Nach dem Sensations-Sieg über Valuev, erzählt Universum-Manager Hawerkamp, sollen sich in der usbekischen Hauptstadt Taschkent unfassbare Szenen abgespielt haben, "mit Feuerwerk und Menschenaufläufen bis 4 Uhr in der Früh".

Keine Lust auf Spaßboxen

Seine schwangere Ehefrau Viktoria, eine studierte Ärztin aus Armenien, und Sohnemann Artur (3) lässt Hamburgs neuer Box-Weltmeister dann aber lieber daheim in Wandsbek. Hier in der kleinen Dreizimmerwohnung unweit des Universum Gyms findet Ruslan Chagaev die nötige Ruhe, um abzuschalten und neue Kraft zu tanken - nach dem Trip in die Heimat. Kraft, die der Mann, von dessen Sorte es nur vier auf der Welt gibt, brauchen wird. Denn seit letztem Sonntag steht das Telefon von Universum-Chef und Box-Promoter Klaus-Peter Kohl nicht mehr still. Seriöse und weniger seriöse Kampfanfragen häufen sich. Fest steht allein, dass Chagaev in diesem Jahr "mindestens noch ein Mal" in den Ring steigen wird. Gegen wen, wann und wo ist dagegen noch völlig offen.

Gute Nachrichten für alle Boxfans, die also nicht wie im Fall Henry Maske zehn Jahre auf den nächsten Kampf ihres Idols hatten warten müssen. Überhaupt Henry Maske: Von dem hält Chagaev eigentlich viel ("großer Mann mit großem Herz"), aber er selber würde es nicht mal nach einem Jahr ohne Training wagen, wieder in den Ring zu steigen. "Dafür steht doch viel zu viel auf dem Spiel." Eines ist klar: Vom Spaßboxen à la Maske vs. Hill hält der Weltmeister nicht viel. Vom klammen "Gentleman" und "weichen Riesen" mit Geldsorgen hat die Boxwelt ohnehin genug. Ring frei für einen echten Fighter!

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