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Boxer Marco Huck: "Ich besiege meine Gegner ohne Schönheitspreis"

Marco Huck ist der Gegenentwurf des Gentleman-Boxers. Gegner begegnet er mit offenem Visier, um markige Sprüche ist er nie verlegen. Ein Auszug aus dem Interview des Cruisergewicht-Weltmeisters mit der Sportzeitschrift "NoSports".

Hat acht Runden lang mit gebrochener Hand geboxt: Marco Huck

Hat acht Runden lang mit gebrochener Hand geboxt: Marco Huck

Marco Huck, am 1. April 2017 boxen Sie in der Dortmunder Westfalenhalle gegen den Letten Mairis Briedis um den WBC-Titel im Cruisergewicht. Wie bereiten Sie sich auf den Kampf vor?

Ich sehe zu, dass ich spätestens zwei Monate vorm Kampf wieder ins Training einsteige.

Das heißt, seit Ihrem letzten Kampf am 19. November 2016 haben Sie nicht trainiert?

Nun ja, nach einem Fight gönne ich mir in der Regel einen bis eineinhalb Monate trainingsfrei.

Aha.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, aber ich brauche Zeit zum Runterkommen. Auch wenn es für den Organismus eines hochgezüchteten Leistungssportlers Gift ist. Eigentlich müsste ich kontinuierlich abtrainieren.

Und warum tun Sie es nicht?

Ich habe halt einen eigenen Rhythmus. (Lacht.)

Leichtes Jogging muss doch möglich sein.

Sparring ist okay, aber Laufen hasse ich über alles. Als ich noch bei Ulli Wegner trainierte, schickte er uns oft zum Waldlauf. Ich bin dann mal um die erste Ecke gelaufen, habe mir Wasser übers T-Shirt gekippt und lief nach einer halben Stunde locker zurück ins Trainingszentrum. Die Co-Trainer waren begeistert. Die anderen kamen erst zehn Minuten später.

Aber Wegner hat den Braten gerochen.

Ja, das gab Ärger. Aber er hatte ja recht, das ist riskant. Beim Fußball kann man den Ball abspielen, wenn die Kondition nachlässt. Beim Boxen wird es dann erst richtig gefährlich.

Sie sagen es. Mit 32 Jahren kommt die Kondition auch nicht mehr von allein.

Dafür habe ich mehr Erfahrung. Früher wollte ich im Kampf mit dem Kopf durch die Wand. Heute weiß ich: Ein erfahrener, schlauer Mann kann einen konditionell besseren, stärkeren immer überlisten und besiegen.

Sie haben kein schlechtes Gewissen?

Auf meinen WM-Kampf gegen Brian Minto im Mai 2010 habe ich mich in nur drei Wochen vorbereitet. Aber natürlich plagten mich Gewissensbisse, als ich in die Halle kam. Ich wusste, dass ich die konditionellen Schwächen so schnell niemals aufholen kann.

Trotzdem haben Sie Brian Minto besiegt.

Tja.

Wenn wir Sie richtig verstehen, brauchen Sie die harte Führung durch einen Trainer.

Nicht umsonst hat mich Wegner oft als einen "speziellen Pappenheimer" bezeichnet. Sie brauchen einen, der Ihnen in den Hintern tritt. Mein Problem ist, dass ich mir nicht von jedem in den Hintern treten lasse. Wegner konnte das.

Ihr aktueller Coach, Varol Vekiloğlu, ist nur ein Jahr älter als Sie. Was zeichnet ihn aus?

Führungsqualitäten. Es ist ihm gelungen, vor dem letzten Kampf zu mir durchzudringen.

In diesem letzten Kampf gegen den Ukrainer Dmytro Kutscher brachen Sie sich in der vierten Runde die rechte Hand. Bislang wurden Sie von schwereren Verletzungen weitgehend verschont.

Das stimmt. Ich habe mir als junger Boxer in einem Kampf mal den Kiefer gebrochen. Das war alles.

Wie gehen Sie mit solchen Verletzungen um?

Damals habe ich den Gegner relativ schnell k. o. geschlagen.

Gegen Kutscher mussten Sie nun acht Runden lang mit gebrochener Hand boxen. Wie schafft man das?

Mein Onkel, der älteste Bruder meines Vater, hat immer gesagt: "Junge, wenn es dir am schwersten fällt, denk' daran, wie gut es sich hinterher anfühlt, wenn du die Arbeit gemacht hast."

Marco Huck polarisiert gerne

Marco Huck polarisiert gerne


Darum haben Sie nicht aufgegeben?

Und weil ich wusste, dass ich der Bessere bin. Klar musste ich mich überwinden, aber ich wusste: Da sitzen Millionen Fans am Fernseher. Da wirft man nicht einfach das Handtuch.

Darüber denken Sie während des Kampfes nach?

Natürlich.

Sie provozieren auch ganz gerne …

Moment, ich provoziere nicht, ich polarisiere. Ich bin kein Typ, der anderen nur Honig ums Maul schmiert.

Und wo ist die Grenze? Zum Russen Denis Lebedew sagten Sie, er sei "noch hässlicher als auf den Fotos".

(Lacht laut.) Tja, einen Schönheitspreis wird der auch nie gewinnen.

Boxen ist eben auch Showbusiness.

Ja, leider wird das in Deutschland nicht so gern gesehen. Da stehen die Leute mehr auf die sachlichen Typen. In England hat gerade ein Boxer aus Nervosität bei einer Pressekonferenz einen Tisch umgeworfen. Den Kampf werde ich mir auf jeden Fall anschauen. Ich liebe Kämpfe, in denen nicht alles von Taktik geprägt ist.

Lange eilte Ihnen der Ruf eines "Rummelboxers" voraus.

Es gibt Boxer, die besiegen ihren Gegner mit Technik, ich besiege meine Gegner ohne Schönheitspreis. Reicht doch. (Lacht.)

Durch welchen Kampf in Ihrem Boxerleben haben Sie am meisten gelernt?

Schwere Frage. Vielleicht sogar durch den letzten gegen Kutscher.

Weil Sie nach der Verletzung gezwungen waren, Grenzen zu überschreiten?

Acht Runden mit gebrochener Hand sind mehr als nur eine Grenze, das sind mindestens zehn. Und von dieser Erfahrung zehrt man ewig.

Machen Sie sich in solchen Momenten über die Spätfolgen Gedanken?

Mein Physiotherapeut sagt immer: "Sport ist Mord, Leistungssport ist Serienmord." Mal ehrlich: Denken Sie beim Laufen darüber nach, dass Sie sich Gelenke kaputt machen könnten?


Das komplette Interview mit Marco Huck finden Sie in der aktuellen Ausgabe #3 der Zeitschrift "NoSports", die seit dem 17. Februar im Handel ist.

Das Cover der Zeitschrift "NoSports" zeigt Nico Rosberg, der ein Selfie mit einem Nico-Rosberg-Pappaufsteller macht


Interview: Tim Jürgens
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