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Motorrad-WM auf dem Sachsenring Stefan Bradl und Sandro Cortese im Interview


Die beiden Motorrad-WM-Piloten Stefan Bradl und Sandro Cortese stehen für die neue, wieder erfolgreiche Generation deutscher Grand-Prix-Fahrer. Vor dem 8. WM-Lauf auf dem Sachsenring in Deutschland sprechen sie im Doppelinterview über den Heim-Grand-Prix, ihre Freundschaft, ihre Ziele und Privates.

Sie sind Motorrad-Weltmeister, Herr Bradl, Sie, Herr Cortese, wollen es werden. Sie verkörpern die neue Generation deutscher Piloten. Wie gehen Sie mit der gestiegenen Popularität um?

Stefan Bradl: "Ich werde zwar mittlerweile öfter erkannt als früher, vor allem in meiner Umgebung bin ich sehr bekannt. Aber noch kann ich mich in Deutschland meist ungestört bewegen. Es ist sehr angenehm zu merken, dass der Motorrad-Rennsport weiter in den Fokus gerückt ist. Und ich bin stolz darauf, meinen Teil beigetragen zu haben."

Sandro Cortese: "Noch werde ich selten erkannt. Aber ich bin ja auch noch kein Weltmeister wie Stefan. Das Interesse an unserem Sport steigt jedoch von Erfolg zu Erfolg, den wir erreichen. Und das ist schön."

Sie haben beide mit dem Saisonstart Neuland betreten. Wie kommen Sie nach den Umstiegen zurecht?

Bradl: "Das ist differenziert zu betrachten. Ich bin als Neuling in der MotoGP in sechs von sieben Rennen unter die besten Zehn gekommen und habe damit mein erstes Ziel erreicht. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass mir noch sehr viel fehlt, um mit den Spitzenleuten wie Stoner oder Lorenzo mithalten zu können. Das hatte ich mir etwas leichter vorgestellt. Prinzipiell bin ich mit dem Saisonverlauf zufrieden, ich stehe nicht unter Erfolgsdruck und kann so die Rennen locker angehen."

Cortese: "Die neue Moto3-Klasse ist für alle eine Herausforderung. Mir kam bislang meine Erfahrung zugute. Aber ich bin immer noch Lernender. Die Resultate sind okay, wenngleich ich mir den einen oder anderen Sieg mehr gewünscht hätte. Ich fahre um die Weltmeisterschaftskrone und das soll bis zum letzten Rennen in Valencia so bleiben."

Täler und Teamchefs

Sie beide mussten tiefe Täler überwinden, um dort anzukommen, wo sie jetzt sind. Wie wichtig war die Zeit der Misserfolge?

Bradl: "Misserfolge prägen. Und davon hatte ich genügend, die Karriere stand ja schon mal kurz vor dem Ende. Ich habe aber gemerkt, dass es immer Leute gibt, die an einen glauben, die mich nicht aufgegeben haben. Meine Familie war da sehr wichtig, aber auch viele Förderer und Sponsoren, die mich aufgefangen haben. Das hat sicher auch viel mit Glück zu tun, aber ich vergesse sie nicht. Zu vielen, die mit mir Wege gegangen sind, habe ich heute noch gute Kontakte. Dass ich jetzt Weltmeister und in der MotoGP bin, habe ich auch ihnen zu verdanken."

Cortese: "Als ich mit 14 in die Motorrad-WM kam, war ich auf nichts vorbereitet. Ich musste mir alles selbst erarbeiten, kannte nichts und niemanden und musste lernen, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden. Das ging zwei, drei Jahre so. Vielleicht ist das jetzt mein Vorteil, vor allem, weil ich dadurch im Kopf viel reifer geworden bin. Heute gehe ich mit einem Lächeln im Gesicht durchs Fahrerlager, das war noch voriges Jahr anders."

Sie haben sehr erfahrene Teamchefs. Wie ist die Zusammenarbeit mit Lucio Cecchinello und Aki Ajo?

Bradl: "Lucio ist mit meiner Verpflichtung ein Risiko eingegangen. nachdem es im vergangenen Jahr mit dem damals als Moto2-Weltmeister ins Team gekommenen Toni Elias überhaupt nicht geklappt hatte. Lucio wollte keinen Rookie mehr nehmen, schließlich geht es auch bei ihm um Sponsorengelder in Millionenhöhe. Aber er hat mir vertraut und nun sind wir im Moment das beste Satellitenteam. Das ist für Lucio eine Riesenerleichterung. Wir kommen prächtig miteinander aus und wollen auch weiter zusammenarbeiten."

Cortese: "Ich war ja vor zwei Jahren bereits bei Aki unter Vertrag, aber damals als Nummer zwei hinter Marc Marquez und da hat es einfach nicht gepasst. In dieser Saison wollte er mich als Nummer eins, hat sich von sich aus gemeldet. Wir sind beide durch die Erlebnisse von vor zwei Jahren reifer geworden. Ich fühle mich im KTM-Team bestens aufgehoben und zahle das, glaube ich, mit ordentlichen Leistungen zurück."

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr Antworten von Stefan Bradl und Sandro Cortese zum anstehenden Heim-Grand-Prix, über ihre Freundschaft und ihre Zukunft.

Der Heim-Grand-Prix auf dem Sachsenring ist einer der Saisonhöhepunkte. Sie sollen Stars zum Anfassen sein, stehen im Blickpunkt der Medien. Gleichzeitig wollen sie aber besondere Leistungen anbieten. Wie bekommt man das unter einen Hut?

Bradl: "Für mich zählt in erster Linie das Rennen, dafür werde ich bezahlt. Natürlich möchte und werde ich auch die Fans zufriedenstellen. Aber ich denke, auch ihnen ist es lieber, wenn ich mehr Punkte und dafür vielleicht weniger Autogramme geschrieben habe. Zumal der Sachsenring nicht unbedingt meine Lieblingsstrecke ist, er liegt mir einfach nicht so. Aber die Stimmung da ist schon etwas Besonderes und treibt einen automatisch an."

Cortese: "Ich habe im vergangenen Jahr versucht, es allen recht zu machen. Das ist dann in die Hose gegangen. Daraus habe ich meine Lehren gezogen. Ich denke, die Fans und auch die Medien werden es mir nachsehen, wenn ich nur zu gewissen Zeiten für sie zur Verfügung stehe und mich ansonsten ganz auf meinen Job konzentriere."

Sie verbindet seit langem eine Freundschaft. Wie äußert sich das im Fahrerlager?

Bradl: "Wir treffen uns schon mal und quatschen, meistens aber nicht über das Motorradfahren, sondern über Gott und die Welt und albern auch ganz gern mal herum. Manchmal hat Sandro auch schon in meinem Motorhome übernachtet. Seine Rennen gehören für mich zum Pflichtprogramm. Auf der einen Seite drücke ich ihm die Daumen, andererseits lenke ich mich vor meinem Rennen damit ab. Ich freue mich über seine Erfolge und hoffe, dass er es mir nachmacht und Weltmeister wird."

Cortese: "Was Stefan macht, hat Hand und Fuß. Ich kann ihm nur ein großes Lob für das aussprechen, was er erreicht hat und wie er es schafft, auch als MotoGP-Neuling so gut zu sein. Wir verstehen uns richtig gut, sind oft auf einer Wellenlänge. Es ist schon gut, im Fahrerlager richtige Freunde zu haben."

Geschwindigkeit, Freundinnen und die Zukunft

Sie lieben die Geschwindigkeit im Beruf, auch privat?

Bradl: "Daheim bin ich froh, wenn ich im Auto sitzen kann. Ich habe zwar auch ein Motorrad, aber eine Tourenmaschine von Honda. Mit der bin ich manchmal unterwegs, aber ich bin nicht schnell. Ich habe keine Punkte."

Cortese: "Ich auch nicht. Aber ich habe einige schnelle Fahrzeuge daheim. Das Auto hat 400 PS, dazu fahre ich noch einen 350 Kubikzentimeter starken Roller."

Sie sind beide in festen Händen. Kommen Ihre Freundinnen zu den Rennen?

Bradl: "Meine Freundin kommt selten mit. Sie war beim Portugal-Grand-Prix in Estoril und wird auch am Sachsenring dabei sein. Aber sie weiß, dass sie da eher wenig von mir hat. Und ich schirme sie von der Öffentlichkeit ab."

Cortese: "Ich bin erst seit Ende 2011 richtig liiert. Anna wird auf dem Sachsenring erstmals bei einem Rennen dabei sein und ich hoffe, sie bringt mir Glück."

Wie geht es nach dieser Saison weiter?

Bradl: "Ich habe noch einen Vertrag bei Lucio Cecchinello für das nächste Jahr und er hat diese Vereinbarung nicht gekündigt. Ich denke, wir werden weiter zusammenarbeiten. Klar dreht sich momentan das Fahrerkarussell und es werden in Werkteams Plätze frei. Aber ich werde, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, bei LCR bleiben."

Cortese: "Keine Ahnung, wohin die Reise geht. Klar würde ich gern in die Moto2 gehen, aber dafür braucht man sehr viel Geld und eben Sponsoren. Davon gibt es in Deutschland gegenwärtig nicht so viele. Ich werde nicht in ein drittklassiges Team gehen, nur um Moto2 zu fahren. Dann kämpfe ich lieber in der Moto3 wieder um den Titel."

Gerald Fritsche, DPA DPA

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