Teahupoo Rendezvous mit der Riesenwelle


Teahupoo: Keine andere Welle jagt Extremsurfern derartige Adrenalinstöße durch den Körper wie die haushohe Wasserwand vor der Küste Tahitis. In einem Bildband erzählt Fotograf Tim McKenna die Geschichte einer Welle, die ihn selbst fast das Leben gekostet hätte.
Von Kai Behrmann

Teahupoo. Die Begegnung mit der "schönsten Welle der Welt" war schmerzhaft für Tim McKenna - und um ein Haar tödlich. Im seichten Ufer vor der Küste Tahitis stehend, stieß sich der Reisefotograf ab, tauchte in die Vorderseite der heranrollenden Wassermassen, damit diese über ihn hinwegleiten. Doch die Wucht des Ozeans schleuderte ihn kopfüber auf das Riff und schlitzte ihm den Hals unterhalb des Kiefers auf. Aber McKenna hatte Glück. Das Bewusstsein verlor er erst, nachdem er sich mit letzter Kraft ins Boot seiner Freunde geschleppt hatte. Mit dieser Geschichte, die fast sein Ende bedeutet hätte, beginnt Tim McKennas Fotoband "Teahupoo - Tahitis perfekte Welle".

Dem gebürtigen Australier gelingt es darin, auf faszinierenden Fotos den Zauber eines Ortes zu transportieren, an dem Tod und Begeisterung für ein imposantes Naturschauspiel auf das Engste miteinander verknüpft sind. Denn Teahupoo, sprich "tschopu", ist nicht nur eine der schönsten sondern gleichzeitig auch die gefährlichste Welle der Welt. "Man muss immer höllisch aufpassen, den die Wellen vor Teahupoo sind so mächtig, dass sie tödlich sein können", sagt McKenna respektvoll.

Legendärer als die Banzai-Pipeline

Während einst die Banzai-Pipeline vor der Nordküste der hawaiianischen Insel Oahu die größten Adrenalinstöße durch die Körper der Extremsurfer stieß, genießt Teahupoo seit Ende der 1980er Jahre den legendärsten Ruf. Benannt nach einem kleinen, verschlafenen Dorf an der Südspitze Tahitis, türmt sie sich entlang eines Riffs rund einen Kilometer vor der Pazifik-Insel auf.

Kraftvolle Wellen und ein seichtes Ufer, an dem das darunter liegende Riff stellenweise bis 50 Zentimeter an die Wasseroberfläche reicht, machen den Ort so gefährlich. Ein kleiner Fehler kann den Tod bedeuten. Doch daran denken die Helden nicht, die auf ihren schmalen Brettern hinaus paddeln, um es mit den zum Teil haushohen Wellen aufzunehmen. Wenn der Ozean sich erhebt, sich über ihnen krümmt und schließlich zusammenbricht finden die waghalsigen Extremsportler ihr Glück in dem schmalen Tunnel, der sich für einen Moment auftut, bevor sich die Welle wieder schließt und zum Ufer hin ausläuft. "Teahupoo" dokumentiert die Triumphe von Athleten über die Urgewalt der Natur. Die Protagonisten sind allesamt Surflegenden: Manoa Drollet, Kelly Slater, Andy Irons, Shane Dorian, Laird Hamilton und Malik Joyeux, der seine Leidenschaft 2005 mit dem Tod bezahlte.

Mut, Geschick und Können

Jedes einzelne Bild spiegelt wider, mit welchem Geschick, Können und Mut sich die furchtlosen Brettartisten mit der Kraft des Ozeans messen. Den Blick starr nach vorne gerichtet, den Oberkörper leicht gebeugt und die Arme balancierend ausgebreitet rauschen sie umhüllt von einem türkisfarbenen, von Licht durchflutetem Wassermantel parallel zur Welle entlang. In der Gefahr erkunden sie ihre Grenzen, gehen darüber hinaus und schaffen das Unvorstellbare. "Ich will schneller über das Wasser gleiten, größere Wellen surfen. Ich will versuchen, den Wassersport neu zu erfinden", drückt Laird Hamilton seine Motivation aus, sich über Regeln hinwegzusetzen.

"Wenn man damit angefangen hat, lässt es einen nie wieder los"

Begleitet werden die Bilder von Texten des französischen Journalisten Guillaume Dufau, der McKenna auf vielen gemeinsamen Reisen kennen gelernt hat. Beide eint die Faszination für die Schönheit des Ozeans. "Wasser ist das wichtigste Element auf unserem Planeten und in meinem Leben", sagt McKenna. In seiner Arbeit als Fotograf schätzt er dabei, dass Wasser ein natürlicher Lichtfilter ist: "Sein sich verändernder Zustand sorgt für atemberaubende Motive." Während McKenna den Mythos Teahupoo mit der Kamera einfängt, erzählt Dufau mit Worten, was sich dahinter verbirgt. Es ist die Geschichte von Erfolgen und Niederlagen der tollkühnen Surfhelden. Von ihren Träumen und Antriebskräften.

Eine Welt, in die sich McKenna als leidenschaftlicher Hobby-Surfer gut hineinversetzen kann. "Kein anderer Sport ist so abhängig von den Naturkräften und gibt einem gleichzeitig ein solches Gefühl von Freiheit", schwärmt er. Es sei eine wunderbare Art, den Ozean zu respektieren und gleichzeitig Spaß mit ihm zu haben. "Wenn man einmal damit angefangen hat, lässt es einen nie wieder los", beschreibt McKenna den Sport, der sowohl körperlich als auch mental höchste Anforderungen stellt.

Werbung für die "schönste Welle der Welt"

Mit seinem 192-seitigen Bildband will McKenna die Schönheit dieses faszinierenden Wassersports erlebbar machen. Dabei hat er bewusst Teahupoo als Medium ausgewählt. "Ich möchte den Surfsport einem breiten Publikum anhand der schönsten Welle der Welt näherbringen", erklärt er und fügt hinzu: "Die Welle gibt es seit hunderten von Jahren, doch erst in den vergangenen zehn Jahren ist sie weltweit bekannt geworden." Sein Buch dürfte dazu beitragen, dass der Bekanntheitsgrad weiter steigt.


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